Willkommen in der Realität – ein Leben ohne Gentechnik auf dem Teller, im Arzneischrank, im Portemonnaie und im Kleiderschrank ist in Deutschland schon heute kaum mehr möglich. Ob wir es wollen oder nicht.

Es geht weiter im Positionspapier der SPD-Bundestagsfraktion, wobei es auch in anderen Parteien ähnliche Forderungen gibt: "Wir wollen eine stärkere Gewichtung der gentechnikkritischen Forschungen, um dem Vorsorgegrundsatz der Umwelt- und Naturschutzpolitik besser gerecht zu werden." Was heißt das genau? Wollen Sie die Forscher in Deutschland so lange gängeln, bis sie sich Ihren Wunschthemen zuwenden und verzweifelt versuchen, mit der zigtausendsten Studie doch noch den Nachweis zu erbringen, dass Gentechnik Krebs auslöst, Marienkäfer tötet und heimische Orchideen bedroht? Reicht es nicht mehr aus, dass das seit Jahren mit der Ressortforschung in Bundesanstalten und Bundesinstituten geschieht, wo Wissenschaftler bevormundet und unliebsame Aktivitäten par ordre du mufti eingestellt werden, wie im Fall der Risikoforschung mit transgenen Pflanzen an der Biologischen Bundesanstalt in Braunschweig?

Warum nicht gleich das Grundgesetz ändern und die Forschungsfreiheit abschaffen?

Liebe SPD-Abgeordnete, nutzen Sie die Gunst der Stunde: Mit der großen Koalition können Sie das Grundgesetz ändern und die Forschungsfreiheit in Deutschland abschaffen. Dann können Sie den Wissenschaftlern im Lande endlich flächendeckend die Themen verordnen, die sie Ihrer Meinung nach beforschen sollten. Und im Idealfall können Sie vielleicht auch gleich die "gentechnikkritischen" Forschungsergebnisse mitbestellen, die Sie sich zu erhoffen scheinen. Weltweit mehr als 10.000 aus Steuergeld finanzierte Studien und Metastudien müssen einfach irren.

Jeder wird Verständnis dafür haben, dass Berufspolitiker nur begrenzte Zeit haben, um sich in ein ihnen weitgehend fremdes Thema einzuarbeiten, über das sie parlamentarisch entscheiden wollen und sollen. Noch größer ist die Herausforderung, wenn das fragliche Thema umfangreiches Hintergrundwissen über wissenschaftliche und ökonomische Zusammenhänge verlangt. In vielen anderen Ländern wird dieses Defizit kompensiert, indem Abgeordnete, Senatoren und Präsidenten einen oder mehrere wissenschaftliche Berater haben. Sie erklären ihnen bei Bedarf komplizierte Sachverhalte und stellen Informationen aus verlässlichen Quellen zur Verfügung. Auch die geballte Expertise der Mitgliedschaft einer Nationalen Akademie der Wissenschaften anzuzapfen, hat sich in anderen Ländern als ein probates Mittel der Politikberatung erwiesen. Deutsche Politiker hingegen scheinen eine Universalkompetenz zu besitzen, die eine unabhängige wissenschaftliche Beratung überflüssig macht und sie ausreichend qualifiziert, um Positionspapiere zu verfassen und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Auch EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker beschloss unmittelbar nach seiner Wahl, den Posten des Chief Scientific Advisor auf europäischer Ebene einfach abzuschaffen.

Gentechnische Veränderungen werden immer schwerer nachzuweisen sein

Vielleicht hätte ja ein kompetenter wissenschaftlicher Berater, der nicht einmal Pflanzenwissenschaftler sein müsste, den SPD-Bundestagsabgeordneten erklären können, dass es keinen Sinn ergibt, Herstellungsverfahren regulieren zu wollen, anstatt pragmatisch Produkte und ihre Eigenschaften zu bewerten, wie es sich seit Jahrhunderten bewährt hat. Eine konventionell gezüchtete Erdbeere ist für den Allergiker gefährlich, eine gentechnisch veränderte krankheitsresistente Kartoffel ist es nicht. Im Zeitalter der "Genome-Editing"-Technologien werden gentechnische Veränderungen ohnehin zunehmend ununterscheidbar von natürlich entstandenen Erbgutveränderungen sein.

Wie will man in Zukunft etwas regulieren, dessen gentechnischer Ursprung sich im Zweifelsfall nicht einmal nachweisen lässt? Wie kann mir mein SPD-Bundestagsabgeordneter in Zukunft garantieren, dass "Deutschland gentechnikfrei bleibt"? Ich bin mir sicher, ein mehr oder weniger plumper juristischer Kniff wird auch dafür gefunden werden – und wenn dafür alle Gesetze der Logik ausgehebelt werden müssen.

Der Autor ist Direktor am Max-Planck-Institut für Molekulare Pflanzenphysiologie in Potsdam-Golm. Seine Forschung ist öffentlich gefördert, Zuwendungen von der Gentechnikbranche oder der Protestbewegung erhält er nicht. Er steht allen politischen Parteien in diesem Land fern und betrachtet sich auch sonst in seiner Meinungsbildung als ziemlich unabhängig. Dieser Text ist eine gekürzte Fassung eines Essays, der zuerst im "Laborjournal" erschienen ist.