Die Deutschen sind unruhig. Das Klima ist angespannt, rau und undurchsichtig. Der Spalt zwischen jenen, die Deutschland als Einwanderungsland sehen und jenen, die nach einer homogenen Volksgemeinschaft trachten, ist gewachsen.

Was passiert da gerade, im Netz, an Bahnhöfen, vor Aufnahmeeinrichtungen und Flüchtlingsheimen, auf den Straßen, überall mitten unter uns? Wir sehen historische Willkommensbilder für Flüchtlinge, die Asyl suchen, neben Bildern einer neuen Abschiebekultur. 

Mehr noch: Fremdenfeindliche Hasstaten sind längst überall in Deutschland angekommen. Die Verantwortung dafür lässt sich nicht mehr allein auf den Osten schieben. Unterkünfte für jene, die unsere Hilfe suchen, werden im ganzen Land angesteckt. Und während noch zu Beginn des 70. Jahrestags der Befreiung von den Konzentrationslagern die Frage nach dem Erbe von Gewalt und Befreiung aufgeworfen wurde, erinnert zum Jahrestag von Pegida ein Gastredner an die Konzentrationslager. Wo früher Bilder möglich waren, die Konflikte mindern und Menschenwürde betonen, erscheinen heute Zerrbilder.

Diese Unruhen sind nicht vom Himmel gefallen

Teile unserer Gesellschaft haben sich so radikalisiert, wie es angelegt war. Der Rechtspopulismus hatte es leicht. Die Religion des Islams bot das Feindbild, um die Nation und das Abendland zu bestimmen. Das Leitbild Volk bot die erhoffte autoritäre Integration in eine nostalgisch verklärte Kultur. Eine politische Kultur, die sich schlicht der Stimmung anpasste, verhieß Sicherheit. Menschenverachtende Vorurteile gegen Fremde, emanzipierte Frauen und eine Zivilgesellschaft, die Fremde willkommen heißt, lieferten den Stoff für Bedrohungsszenarien und die Mythen, die Bindung schaffen.

Die Folgen sind maßlos, nicht nur gemessen am Terroranschlag auf Kölns neu gewählte Oberbürgermeisterin Henriette Reker. Am Ende des Jahres werden die Statistiken weit mehr als 500 vorurteilsbasierte Hasstaten zählen, angefangen mit Brandanschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte. Kaum bekannt sind die alltäglichen Beleidigungen, Beschimpfungen und Angriffe von Wutbürgern im Alltag von Menschen. Die Zahl würde uns erschrecken.

Der Sozialpsychologe Andreas Zick leitet das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld. Er forscht seit Jahren zu Gewalt, Diskriminierung, Rassismus, Menschenfeindlichkeit und Vorurteilen. © privat

Diese Unruhen sind nicht vom Himmel gefallen, noch entwickelten sie sich jenseits der Mitte, und schon gar nicht sind sie der sogenannten Asyl- und Flüchtlingskrise geschuldet. Diese Stimmung erwuchs auch nicht aus Abstiegsängsten von tatsächlich oder vermeintlich zurückgelassenen Bürgern. Schon eher stammen sie von Ansprüchen, die nach Krisenzeiten ansteigen und sich von Populisten in Verteilungskämpfe überführen lassen.

Kurz vor Pegida gaben 61 Prozent der Befragten in einer repräsentativen Studie an, dass "unsere Traditionen wiederbelebt werden" müssten. Zugleich sei es wichtig, "dass wir unsere Identität, Werte und Eigenschaften wieder stärker in den Mittelpunkt rücken" (Zick & Preuß, 2014). Das alles entwickelte sich in einer Phase, in der für viele Menschen Leitbilder der Einwanderungsgesellschaft und Willkommenskultur nicht lebendig werden konnten, weil Bilder dafür fehlten. Wer heißt hier wen willkommen und was passiert nach dem Willkommen? Nein, das alles entwickelte sich in einer Zeit, in der sich nationalistische Selbstüberhöhungen mit einem marktförmigen Extremismus verbinden konnten, der Gruppen in Nützliche und Unnütze unterteilt. Und der bild- und sprachreiche Hass sowie die unverfrorene Hetze entpuppen Rechtspopulisten als erlebnis- und unterhaltungssuchende radikale Flaneure einer menschenverachtenden Spaßgesellschaft – inklusive des Spaßes an Gewalt.