Raus aus Afrika und dann wohin? – Seite 1

In Afrika liegt die Wiege der Menschheit. Daran zweifelt kaum jemand. Wo aber ging der moderne Mensch hin, als er den Kontinent verließ – zuerst nach Südasien? Oder zog es ihn direkt nach Europa? Es ist eine zähe Debatte, versteinerte Knochenreste, die sicher darüber Auskunft geben könnten, fehlen. Deshalb dürfte ein in Nature veröffentlichter Fund aus China für gewisse Aufregung sorgen: In einer Höhle der Provinz Hunan sind Forscher auf mehrere Zähne gestoßen, die nahelegen, dass der moderne Mensch Südchina erreicht hatte, lange bevor er Europa besiedelte (Liu et al., 2015).

Der Homo sapiens, also wir, lebte erstmals vor 190.000 bis 160.000 Jahren in Ostafrika. Er trieb sich ausschließlich dort herum, bis Einzelne seiner Gattung vor rund 100.000 bis 60.000 Jahren den Weg in den östlichen Mittelmeerraum antraten und dort den Neandertaler verdrängten. Darüber sind sich die meisten Wissenschaftler einig. Doch was folgte dann? Die Meinungen gehen auseinander.

Eine Theorie besagt, der Homo sapiens machte sich vor 60.000 Jahren weiter auf gen Osten. Modellrechnungen und Werkzeug-Funde stützen die Annahme (Mellars & Gori & Carr & Soares, 2013; Roberts et al., 1994; Mellars, 2006). Laut einer anderen wiederum wanderte der Mensch – wahrscheinlich über die Arabische Halbinsel – während der letzten Zwischeneiszeit nach Südasien. Ein paar Tausend Jahre früher also. Anhänger dieser Idee lechzen geradezu nach Belegen dafür.

Funde von Dorfbewohnern zählen nicht

"Südchina ist ein Ort, an dem diese Hypothese überprüft werden kann. Es ist überzogen mit Höhlen und reich an Fossilien", kommentiert Robin Dennell, Archäologe an der University Exeter in Nature. Er war nicht an der aktuellen Studie beteiligt, die die Zähne analysierte. Bisheriges Knochen-Material sei oft fragwürdig gewesen, etwa weil die Datierung oder Identifizierung nicht überzeugt hat. Dorfbewohner hatten Fossilien ausgegraben und dabei die umlegenden Gesteinsschichten vermischt, deren Abfolge für genaue Zeitangaben aber unerlässlich ist, oder aber versteinerte Zähne hatten die Jahrtausende im Boden gar nicht erst überstanden. "Die Funde von Wu Liu und Kollegen sind deshalb so begrüßenswert, weil sie all diese Probleme nicht haben", schreibt Dennell.

47 Zähne, deutlich mehr also als es für ein vollständiges menschliches Gebiss braucht, haben die chinesischen Paläoanthropologen gefunden. Sie sind dank entsprechender Temperatur und Feuchtigkeit in der Fuyan Höhle gut erhalten geblieben. Doch nicht allein ihr Zustand macht sie wertvoll: Die Gesteinsformationen sowie versteinerte Überreste mehrerer Säugetiere und Pflanzen in der Höhle erlauben eine für das Fach genaue Datierung. Zwischen 80.000 und 120.000 Jahre sind die Beißer demnach alt und gehören "zweifelsfrei", wie Dennell betont, zur Gattung Homo sapiens.

Laut Liu und Kollegen sind die Zähne grundsätzlich kleiner als die anderer afrikanischer und asiatischer Spezies aus dem Oberen Pleistozän. Sie ähneln eher jenen der damaligen Europäer und modernen Menschen. "Das legt nahe, dass die Population eingewandert ist", schreiben die Forscher. Im größeren Kontext betrachtet, hieße das: Der moderne Mensch war 30.000 bis 60.000 Jahre vor der Besiedlung Europas in Südchina.

Das sei nur logisch, schreibt auch Dennell. Der Homo sapiens kam aus nahezu tropischer Umgebung. Wer, der die Wärme gewohnt sei, wolle dann schon gen Norden in den Winter ziehen, wo zu damaliger Zeit die Temperaturen im Winter weit unter den Gefrierpunkt fielen? Dann doch lieber direkt nach Osten, wo es fast wie zu Hause ist.

Streit um die Herkunft des modernen Menschen

"Ja, es ist eine Möglichkeit, dass der moderne Mensch diesen Weg genommen hat", sagt Jean-Jacques Hublin, ein Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Doch zu behaupten, es sei die erste, gar einzige Route, hält er für überzogen. Auch weil sich nicht bestreiten lasse, dass es im östlichen Mittelmeerraum sehr früh Bevölkerungen des modernen Menschen gegeben hat.

Wissen müsse man zudem: "Viele Generation von chinesischen Wissenschaftlern wollen nicht wahrhaben, dass der moderne Mensch in Afrika entstanden ist", sagt Hublin. Alle vier, fünf Jahre gäbe es eine Studie, mit der Forscher Belege für die Existenz besonders früher moderner Menschen in China anführen. Zuletzt war das ein Unterkieferknochen, vermeintlich eines Homo sapiens oder Homo erectus, dessen Herkunft und Datierung unter Wissenschaftlern letztlich als äußerst fraglich eingestuft wurden (Lui et al., 2010; Dennell, 2010; Kaifu & Fujita, 2012).

"Ehrlich gesagt, hat mich dieser aktuelle Fund doch sehr überrascht", sagt Hublin. Er passe einfach nicht zu gängigen Theorien. "Natürlich müssen wir für andere Optionen offen sein, doch diese Zähne sehen einfach sehr modern aus." So finden sich an manchen Stücken Spuren von Karies. Den aber gab es nur äußerst selten und er setzt eine bestimmte Ernährung voraus. Allerdings: Auch eine ihm bekannte, spanische Forscherin habe die Zähne analysiert. "Deshalb zweifle ich nicht am Alter. Die Datierung der Höhle ist ebenfalls schlüssig", aber man könne halt nicht wissen, wie die Zähne dorthin gelangt seien, sagt Hublin. "Dass die Zähne von woanders eingebracht wurden, ist die einzige alternative Erklärung, wollte man diesen Beleg zurückweisen."

47 Zähne beenden die Debatte um die Wanderung des Menschen also nicht, sie regen sie an. Die Fundstücke mahnen, beide Theorien ernst zu nehmen – entweder der Mensch gelangte direkt nach Südchina oder aber er wählte die Nordroute über Europa und Nordchina. Um Klarheit zu schaffen, braucht es mehr Fossilien. In den Höhlen Südchinas wird noch so manches Überbleibsel zu finden sein. Und sicherlich manch neue Frage.