Im Laufe des Jahres 2014 schlitterte die Ukraine immer tiefer in einen Bürgerkrieg. Spätestens im Sommer griffen Kampfflugzeuge und Panzer in die Kriegshandlungen ein und wurden feindliche Kampfflugzeuge mit Luftabwehrraketen abgeschossen. Derweil zogen gut zehn Kilometer hoch die internationalen Passagiermaschinen ihre stetigen Bahnen. Bis zum 17. Juli 2014, als Flug MH17 vom Himmel geschossen wurde und 298 Menschen starben. 

Rund eineinhalb Jahre später hat die niederländische Flugsicherheitsbehörde OVV diesen Dienstag ihren Abschlussbericht zu dem Unglück veröffentlicht. Darin steht nicht nur, dass es eine Buk-Flugabwehrrakete russischer Bauart war, die die Maschine vom Himmel holte. Sondern auch, dass die Mechanismen der internationalen Flugsicherheit auf ganzer Linie versagt haben, als es darum ging, die Gefährdungslage über einem Krisengebiet einzuschätzen.

Bislang gibt es drei Instanzen, die unkoordiniert entscheiden, wie sicher der Luftraum über einem Krisengebiet ist.

Erstens die Luftfahrtbehörde des jeweiligen Krisenlandes. Ja, sagte die Flugsicherheit der Ukraine bis zuletzt, unser Luftraum in einer Höhe ab rund 10.000 Metern ist sicher. Man muss fragen: War diese Behörde geeignet, um das zu entscheiden? Womöglich nicht. Ein Land im Kriegszustand hat viele Sorgen – die Sicherheit der zivilen Luftfahrt steht vielleicht nicht an erster Stelle. 

Anwälte der Hinterbliebenen von Flug MH17 haben behauptet, die Ukraine habe ihren Luftraum offen gelassen, um weiter die Überfluggebühren von den Airlines zu kassieren.

Im Abschlussbericht der Niederländer steht dazu nun ausdrücklich: Selbst wenn ein Krisenland seinen Luftraum nicht schließt, heißt es nicht, dass er sicher ist.

Die zweite Instanz, die bislang Flugkorridore bewertet, sind die Airlines selbst. Im Fall der Ukraine entschieden einige wenige, dass der Überflug im Sommer 2014 nicht sicher war. Auch große Airlines hielten an der alten Route fest. Ein Umweg hätte zusätzliche Kosten und längere Flugzeiten bedeutet. Auch eine Maschine der Lufthansa überflog kurz vor dem Abschuss von MH17 das Kampfgebiet und entging vielleicht nur knapp einer Katastrophe.

Die dritte Risikoabschätzung stammt von den Staaten, in denen eine Airline beheimatet ist. Im Fall von MH17 hätte die Regierung Malaysias ihrer Airline also raten müssen, die Ostukraine zu meiden. Natürlich fehlten den dortigen Behörden die Mittel für eine solche Einschätzung.

Europas Nachrichtendienste, Diplomaten und Politiker waren besser aufgestellt für eine Risikoabschätzung in Sachen Ukraine. Ausführlich beobachteten sie die Eskalation der Kämpfe. Doch sie unterließen es, daraus Schlüsse zu ziehen für die Sicherheit der Flugpassagiere. Weil, so heißt es im Abschlussbericht der Niederländer, der Fokus der Dienste "hauptsächlich auf die militärischen Aktivitäten und geopolitischen Konsequenzen des Konflikts ausgerichtet war".

Mit anderen Worten: Europas Regierungen waren auf einem Auge blind, dem Auge der Flugsicherheit – aus politischen und diplomatischen Gründen.