Schon vergessen? Drei Monate ist es her, dass eine Sonde an Pluto vorbeiraste. Während des Flybys mit wahnsinnigen 50.000 Kilometern pro Stunde, als dieNew Horizons ihrem Ziel nach neunjähriger Reise so nah wie irgend möglich kam, nahmen die Messgeräte massenweise Daten auf: Sie knipsten den zum Zwergplaneten degradierten Himmelskörper aus 13.700 Kilometern "Nähe" und maßen dabei Sonnenwind, Staub, Strahlung, Temperatur, Feuchtigkeit und alles, was die Sensoren aufschnappen konnten.

Jetzt haben die Planetenforscher im Magazin Science die erste wissenschaftliche Arbeit veröffentlicht, die zusammenfasst, was die New-Horizons-Missionbisher über Pluto zutage gebracht hat (Stern et al., 2015). Zusammen mit dem, was die Nasa schon online berichtet hatte, ergibt sich ein erstaunliches Gesamtbild: Auf Pluto gibt es Berge, einen blauen Himmel und Eis.

Eisige Gebirge mit Dreitausendern

Die Schnappschüsse und Daten der New-Horizons-Sonde bestätigten: Pluto ist von Kratern zerklüftet und bergig. Allerdings war lange nicht klar, woraus die Berge bestehen. Zwar hatte man massenweise Stickstoff auf der Pluto-Oberfläche gefunden und dazu noch Kohlenstoffmonoxid und Methan – aber all diese Stoffe können allein keine bis zu 3.000 Meter hohen Massive formen. Denn die Moleküle sind in ihrem festen Zustand nur schwach aneinander gebunden. Sie würden unter ihrem Eigengewicht zusammenbrechen.

Etwa anderes muss das Pluto-Gebirge also zusammenhalten. Spektrometer-Messungen der Stoffzusammensetzung unterstützen nun, was Forscher schon ahnten: Es gibt festes Eis auf Pluto. Und zwar nicht nur aus Stickstoff, der dort sogar gletscherähnliche Strukturen bildet, sondern auch aus Wasser. Und dieses Wassereis ist überraschenderweise rot. Warum genau, wisse man noch nicht, sagt Silvia Protopapa aus dem New-Horizons-Team.

Da die Sonde an Pluto nur vorbeisauste und es anders als auf dem Mars keine Roboter dort gibt, haben die Forscher aber keine Proben von dort. Das gefrorene Wasser haben sie also nur indirekt nachgewiesen.

Blauer Himmel

Die Partikel in der dünnen Atmosphäre des Plutos brechen das Licht so, dass ein blauer Dunst erscheint.

Dass über den eisigen Gipfeln eine Art blauer Himmel strahlt, hatte das New-Horizons-Team schon vergangene Woche verraten. Zwar müssten die Partikel in der dünnen Pluto-Atmosphäre selbst eher gräulich oder rötlich sein. Doch im Sonnenlicht erscheinen sie als blauer Dunst. "Wer hätte einen blauen Himmel im Kuiper-Gürtel erwartet? Das ist großartig", schwärmte Chef-Pluto-Forscher Alan Stern. Dieser Lichteffekt lässt zudem darauf schließen, dass die Partikel recht klein sind – wenn auch größer als auf dem bisher einzigen wirklich blauen Planeten, unserer Erde.

Was bringen uns diese Erkenntnisse?

So richtig neu und überraschend ist das alles nicht. Was die umfassende Auswertung der New-Horizons-Daten jetzt zeigt, deckt sich weitgehend mit den Vermutungen der Forscher. Interessant ist das Gesamtbild, was sich zunehmend vervollständigt. Sollte der Pluto doch den Status eines Planeten verdienen, der ihm 2006 abgesprochen wurde? Damals hatte die International Astronomical Union (IAU) ihn zum Zwergplaneten degradiert, weil er nach Auffassung der Astronomen einige Definitionskriterien für einen echten Planeten nicht erfüllte. Die Größe etwa passte ihnen nicht.

Eine weitere, entscheidende Schwachstelle laut Ulrich Christensen vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung: Pluto habe in seiner Umlaufbahn nicht aufgeräumt. Es befinden sich noch viele kleine Objekte wie Asteroiden darin. "Planeten wie unsere Erde, haben diese Objekte angezogen und sind mit ihnen zu einem größeren Planeten verschmolzen", sagt Christensen. So lange bis nur noch eine große Kugel übrig war. "Die Regelung der IAU ist allerdings kein Gesetz, im Grunde darf jeder den Pluto nennen wie er möchte", sagt Christensen.

Mag er für Astronomen also vorerst ein Zwergplanet sein, viele Planetenforscher – auch Christensen – haben nie an seinem Planetendasein gezweifelt. Ihnen reichen für den Titel nämlich die Minimalbedingungen der Astronomen, die diese für Zwergplaneten festlegen: Das Objekt muss groß genug sein und durch die eigene Schwerkraft eine Kugelform annehmen. Das ist bei Pluto definitiv der Fall, hinzu kommen all die Besonderheiten, die Wissenschaftler nun nach und nach entdecken.*

New-Horizons-Missionsleiter Stern fordert seit Längerem, das alle Forscher Pluto wieder für voll  nehmen. "Es sollte denen [der IAU] reichlich peinlich sein. Ich glaube, jetzt sehen alle Pluto und sagen 'Hey, das ist wirklich ein Planet'", sagte Missionsleiter Stern im Sommer in einem Interview mit ZEIT ONLINE

Die Aufmerksamkeit die Pluto in der letzten Zeit zu Teil wird, kommt auch der Nasa zugute. Schließlich will die US-Raumfahrtagentur gerne aller Welt zeigen, dass die umgerechnet rund 670 Millionen Euro für den Spähflug zum Pluto keine Fehlinvestition war.

*Dieser Absatz wurde nachträglich hinzugefügt.