Dieses Wochenende wird der Traum von Workaholics und Langschläfern wahr: ein Tag, der 25 Stunden hat. In der Nacht zum 25. Oktober 2015 werden die Uhren um drei Uhr auf zwei Uhr zurückgestellt.

Endlich den aufgestauten Papierkram erledigen, das Laub harken oder einfach mal später aufstehen. Genugtuung für die gestohlene Stunde im März, als die Sommerzeit begann. Man könnte sich also freuen auf diesen Tag, aber die meisten Deutschen sehen das anders: Zwei von drei sind genervt von der Zeitumstellung, denn sie wirbelt die Tagesroutinen durcheinander.

Auf dem Zeitstrahl des Werktags könnten nun wichtige Uhrzeiten ins Rutschen geraten, fürchten viele. Tatsächlich finden Schlafforscher immer mehr Belege dafür, dass die künstlich geschaffene Sommerzeit den Tag-Nacht-Rhythmus des Menschen zusätzlich durcheinanderbringt. Dauerhafter Schlafmangel und ein unnatürlicher Schlafrhythmus, der sich nicht nach der Sonne, der Jahreszeit und den Bedürfnissen des Körpers richtet, mache dumm, unkonzentriert und krank.

Die Studienlage dazu, wann konkret wir am effizientesten arbeiten, ist dagegen ziemlich dürftig. Die Daily Mail etwa zitierte einmal aus einer Umfrage, die eine Londoner Immobilienagentur mit 420 Angestellten durchgeführt hatte: Demnach sei man um 10.26 Uhr im Büro am produktivsten. Kurz nach dem Mittagessen käme dann das Leistungstief: Um 14.55 suchen die Menschen nach Ablenkung und schlagen sich die Zeit bei Facebook tot, hieß es da.

Eine Hotelkette will herausgefunden haben, dass 92 Prozent der Menschen nachmittags keine Inspiration finden, genauer gesagt um 16.33 Uhr. Geistesblitze seien hingegen um 22.04 Uhr am wahrscheinlichsten, besonders unter der (Hotel?)-Dusche. Ein Onlineshop für Sanitärbedarf konzentrierte sich in seiner Umfrage ausschließlich auf Mütter. Frauen mit Kindern hätten um 17.55 Uhr besonders viel Stress. Als Ausgleich wird empfohlen, mehr zu entspannen, zum Beispiel mit einem Bad.

Solche Umfragen sind in der Regel plumpe PR-Manöver. Andererseits ist es durchaus plausibel, dass die Zeitumstellung die innere Stechuhr kurzfristig durcheinanderbringt und damit auch die Arbeitsleistung beeinflusst. "Kein Grund zur Panik", meint Martin Braun vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft in Stuttgart: "Die Arbeitszeiten sind heute flexiblerer sind als früher", viele Menschen seien in Schichtarbeit tätig oder arbeiten in internationalen Unternehmen. Der heutige Alltag ist nicht mehr so stark durch Routinen geprägt, auch die Mahlzeiten finden nicht jeden Tag zur selben Zeit statt. "Diese Umstellung ist ein Stück weit Alltag", sagt Braun, "ich würde die eine Stunde nicht überbewerten."

Jetlag ohne Ortswechsel

Unumstritten ist unter Forschern: Der wichtigste Zeitgeber für die innere Uhr bleibt das Sonnenlicht. In Industrieländern bestimmt aber oft die Uhrzeit, wann wir aufstehen, arbeiten, essen und uns erholen. Und dieser Rhythmus wiederum hat Auswirkungen auf die Psyche und viele Körperfunktionen, etwa den Kreislauf, den Leberstoffwechsel, den Blutdruck und die Körpertemperatur. Nach einer Zeitumstellung braucht es einige Zeit, bis sich die innere Uhr wieder an die künstliche Uhrzeit angepasst hat. Es ist ein Jetlag ohne Ortswechsel.

Wir nehmen wir Zeit wahr? Davon handelt die Titelgeschichte der neuen Ausgabe des ZEIT-Wissen-Magazins.

Die exakten Zeitangaben zur Leistungsfähigkeit sind natürlich nur Mittelwerte – und bei jedem Menschen ohnehin etwas anders. Generell braucht man morgens zunächst ein paar Stunden, um richtig wach zu werden, läuft dann gegen elf Uhr zur Höchstform auf und hat ein zweites Leistungshoch am Nachmittag. Wer anders lebt, ist deshalb nicht krank. 

Wichtiger als der idealtypischen Vorstellung zu folgen sei es, öfter in sich hineinzuhorchen und den Tagesablauf an den eigenen Körper anzupassen, sagt Martin Braun. Die in Umfragen ermittelten Uhrzeiten könnten dennoch einen Nutzen haben: An seinem Institut simuliert Braun natürliche Lichtverläufe mit LEDs. Das Licht soll sich an die innere Uhr der Menschen anpassen und so für bessere Arbeitsbedingungen in Gebäuden sorgen. Die Uhrzeiten seien relevant für die Steuerung der Lichtanlage, sagt Braun.

Seine geschenkte Stunde macht Martin Braun am Sonntag von den natürlichen Lichtverhältnissen abhängig: "Wenn das Wetter gut ist, nutze ich die Zeit für einen Spaziergang. Anderenfalls bleibe ich wohl länger im Bett."