Robert Spitzer, einer der führenden amerikanischen Psychiater der vergangenen Jahrzehnte, ist im Alter von 83 Jahren gestorben. Er erlag am Freitag in Seattle Herzproblemen, teilte seine Frau Janet Williams mit. Spitzer hatte seit den 1960er Jahren maßgeblichen Anteil an der Entwicklung von Standards zur Klassifizierung psychischer Störungen, die allgemein in Forschung und Wissenschaft anerkannt sind.

Der New Yorker Psychiater gab das Handbuch Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders heraus, kurz DSM, das ein Bestseller wurde. Darin wurden erstmals alle größeren seelischen Leiden systematisch erfasst und definiert. Bis heute bildet das DSM in überarbeiteten Fassungen mit die Grundlage zur Diagnose seelischer Erkrankungen, auch in Deutschland. "Das war ein großer Durchbruch in der Fachrichtung", sagte seine Frau, eine emeritierte Professorin, die selbst an der 1980 veröffentlichten dritten Ausgabe des Handbuchs mitgearbeitet hatte.

Spitzers Ansatz war, Experten zusammenzubringen und eine auf Daten basierte Definition der jeweiligen Störung ausarbeiten zu lassen. Seine Arbeitsweise beschrieb er 2005 in dem Magazin The New Yorker: "Statt sich einfach auf Autorität zu berufen, die Autorität von Freud, war der Aufruf: Gibt es Studien? Welche Beweise und Fakten gibt es?" Sein Nachfolger als DSM-Herausgeber, Allen Frances, würdigte Spitzer in der New York Times als den "bei Weitem einflussreichsten Psychiater seiner Zeit".

Auf Spitzers Initiative wurde 1973 die Homosexualität von der Liste psychischer Krankheiten gestrichen. Spitzer sagte nach Gesprächen mit Aktivisten der Schwulenbewegung, er sei zu dem Schluss gekommen, dass Homosexualität keine Krankheit sein könne, wenn Schwule kein Problem mit ihrer Sexualität hätten. Er schrieb: "Eine medizinische Störung muss entweder mit subjektivem Leid verbunden sein oder einer allgemeinen Beeinträchtigung der sozialen Funktion."

"Dass Homosexuelle heute heiraten dürfen, ist zum Teil Bob Spitzer zu verdanken", sagte der schwule Psychoanalytiker Jack Drescher der New York Times.

Der größte Irrtum seines Lebens

Allerdings zog Spitzer später auch Kritik der Schwulen- und Lesbenbewegung auf sich. 2001 war er Herausgeber einer Studie über die therapeutische Möglichkeit der Veränderung der sexuellen Orientierung homosexueller Menschen. Sie kam zu dem Ergebnis, dass Schwule heterosexuell werden könnten, wenn sie das wirklich wollten. 2012 entschuldigte er sich öffentlich für diese Aussage.

Spitzer sagte damals der New York Times, die Studie sei fehlerhaft, weil er die Probanden einfach nur gefragt habe, ob sich ihre sexuelle Orientierung geändert habe. "Als ich die Kommentare zur Studie las, wusste ich, dass da ein Problem ist, ein großes Problem, auf das ich keine Antwort hatte", sagte Spitzer. "Wie will man wissen, ob jemand sich wirklich verändert hat?"