Hier soll es enden. Der Schmerz endlich aufhören, die ewige Angst. Rene B. schaut auf die Gleise vor sich. Hier will er sich von einem Zug töten lassen. Doch bevor er sich auf die Schienen legt, halten ihn Polizisten auf. Sie fahren im Streifenwagen vorbei, sehen den Mann an der Bahntrasse, holen Rene B. von den Gleisen und bringen ihn zu einem seiner Freunde.

Rene B. weiß, dass er Hilfe braucht. Er kennt sich aus mit psychischen Störungen: Er arbeitet als Krankenpfleger, er hat acht Jahre lang bei der Bundeswehr als Sanitätssoldat gedient. Doch die Diagnose, die er sich selber stellt, ist monatelang falsch: Du schaffst das schon allein, sagt er sich. Und er behandelt seine Probleme mit hartem Alkohol. Bei der Arbeit fällt er auf: Müde wirkt er, schlapp, unkonzentriert. Er versteckt sich immer öfter vor der Welt zu Hause, isoliert sich von Freunden und Familie, hört mit dem Fußballspielen im Verein auf. Trinkt immer mehr.

Schließlich schickt ihn ein ehemaliger Kamerad nach Berlin ins Bundeswehrkrankenhaus. Wenige Wochen nach dem Selbstmordversuch stellt er sich als Patient im Psychotrauma-Zentrum vor. Hier spricht er endlich über seine Probleme, erzählt von den grauenhaften Erlebnissen in Afghanistan. Rasch steht die Diagnose fest: Rene B. leidet an einer PTBS, einer Posttraumatischen Belastungsstörung.

Mit dieser Krankheit haben Ärzte bei der Bundeswehr in den vergangenen Jahren viel zu tun. Die Zahl der traumatisierten Soldaten steigt – obwohl der Kampfeinsatz der Bundeswehr in Afghanistan seit 2014 vorbei ist. Im vergangenen Jahr wurde bei 235 Soldaten eine PTBS diagnostiziert – darunter auch einige wenige Frauen. Insgesamt sind das rund 15 Prozent mehr Ersterkrankungen als im Vorjahr. 2013 erfasste die Bundeswehr noch 149 Neuerkrankungen. Eine davon war die von Rene B.

Seine Erkrankung entwickelte sich schleichend, nachdem er aus dem Einsatz zurück war. Das ist typisch für eine PTBS. Vor drei Jahren bekam Rene B. die Diagnose. Seitdem war er schon zweimal stationär in Behandlung.

Jetzt ist er zum dritten mal im Berliner Bundeswehrkrankenhaus, die Therapie fast abgeschlossen. Er sitzt im Büro von Peter Zimmermann. Der ist Oberstarzt, wie es bei der Bundeswehr heißt, und leitet das Psychotrauma-Zentrum. In dem hellen, freundlichen Raum stehen um einen kleinen Tisch mit orientalischem Muster bequeme Stühle, bunte Bilder schmücken die Wände. Doch entspannen kann Rene B. sich nicht. Während er von Afghanistan berichtet, von all dem Blut, das er gesehen hat, von den schwerverletzten und getöteten Kameraden, die 2010 im Karfreitagsgefecht von Aufständischen angegriffen wurden, presst er seine Hände ineinander, die Finger scheinen zu krampfen. Stress.

Auf einen Weihnachtsmarkt voller Menschen zu gehen, war unmöglich.
Rene B., Patient im Bundeswehr-Traumazentrum

"Bald nach dem Afghanistan-Einsatz hatte ich Angst, wenn ich an Baustellen vorbeigehen oder öffentliche Plätze überqueren musste. Auf einen Weihnachtsmarkt voller Menschen zu gehen, war unmöglich", sagt Rene B. Der junge Mann spricht nicht gern über die Erlebnisse, die ihn krank gemacht haben. Er will kein Mitleid, er will nicht für schwach gehalten werden. So geht es vielen Soldaten, die an einer Posttraumatischen Belastungsstörung erkranken.

"Viele haben Angst, sich ihren Vorgesetzten und auch Kameraden zu offenbaren. Sie glauben, dass sie allein mit der Traumatisierung zurechtkommen. Das ist aber ein Trugschluss", sagt Oberstarzt Zimmermann. "Der psychisch Kranke hat manchmal in der Bundeswehr noch immer den Ruf, jemand zu sein, der sich drücken will." Auch deswegen möchte Rene B. nicht, dass sein Nachname voll genannt wird und zu viele biografische Details in diesem Artikel stehen.

Auch nach fast drei Jahren Therapie ist er nicht gesund – aber es geht ihm viel besser. Heute kann er an Baustellen vorbeigehen und selbst, wenn der Presslufthammer plötzlich losgeht, erstarrt er nicht mehr. "Dann sage ich mir: Bleib ruhig, Du bist in Deutschland, alles ist sicher. Dann atme ich ruhig und konzentriert. Das hilft mir sehr", sagt Rene B. "Wenn ich heute in den Spiegel schaue und mich mit dem Rene vor drei Jahren vergleiche, dann sehe ich eine andere Person." Vor wenigen Tagen ist er erstmals seit vier Jahren wieder S-Bahn gefahren – zusammen mit einer Therapeutin. Für ihn, der Menschenansammlungen fürchtet, war das ein gewaltiger Schritt.