Sie leben mit dem Nötigsten, in ständiger Unsicherheit und oft ohne Perspektive: Geschätzt 59,5 Millionen Menschen weltweit waren im vergangenen Jahr auf der Flucht. Ein Drittel der Flüchtlinge musste nicht nur ihr Zuhause, sondern das Land verlassen. Die neue Heimat für viele: ein Flüchtlingslager im Libanon, in Georgien, in der Türkei, dem Sudan und anderswo.

Was als vorübergehender Zufluchtsort gedacht war, ist selbst zum Zentrum der humanitären Krisen geworden. So zumindest sieht es Elizabeth Cullen Dunn. "Die humanitäre Hilfe ist dramatisch unzureichend", schreibt sie in einem Essay. Nicht, weil zu wenig Mittel vorhanden wären; dank Spenden und internationalen Hilfsgeldern stehen Milliarden zur Verfügung. Die Planung sei das Problem: Statt Flüchtlinge zu unterstützen, sich ein neues Leben aufzubauen, würden die meisten Maßnahmen eben das verhindern – zuallererst die Lager selbst (Science, 2015).

Dunn ist Humangeographin der Indiana University in den USA. Sie erforscht unter anderem, wie sich Veränderungen in einem Gebiet – ein Krieg oder eine Hungersnot beispielsweise – auf die dortige Bevölkerung auswirken. In Georgien besuchte sie zwischen 2009 und 2012 über 16 Monate verschiedene Flüchtlingslager. 30.000 Georgier waren nach dem Krieg mit Russland im Jahr 2008 zu Binnenflüchtlingen geworden. Dunn stellte fest: Die dürftig als Zwischenlösung angelegten Camps wurden rasch zur unzulänglichen Heimat für Tausende. Nicht allein in Georgien, sondern weltweit, wie ihre weiterführende Forschung zeigte.

Lager sind leicht zu räumen. Theoretisch

Die grundlegende Erkenntnis, die Dunn aus ihren Studien zog: Flüchtlinge sollten nicht ihr Leben in Lagern verbringen müssen. Sinnvolle Hilfe gebe es dort in den seltensten Fällen. Mal aus Berechnung, mal weil die Versorgung chaotisch ablaufe.

Grundsätzlich gibt es zwar mehrere Gründe, die für Flüchtlingslager sprechen. "Für Hilfsorganisationen bieten Camps einen zentralen Punkt, an dem sie einer großen Zahl von Menschen Lebensmittel, Wasser, sanitäre Anlagen und medizinische Versorgung zur Verfügung stellen können", schreibt Dunn. Viele Regierungen wiederum schätzten die Lager, weil sie Flüchtlinge aus den Städten heraushielten. Außerdem seien Lager theoretisch leicht zu räumen. Das bedeutet: Endet ein Krieg, können die Menschen leicht zurückgeschickt und das Lager binnen kurzer Zeit dem Erdboden gleichgemacht werden, so die Idee.

Die Menschen leben über Generationen in klapprigen Zelten
Elizabeth Cullen Dunn, Humangeographin

Allerdings dauern rund 80 Prozent der Flüchtlingskrisen mehr als ein Jahrzehnt an, 40 Prozent sogar 20 Jahre oder länger. Das geht aus einem Report der Humanitarian Policy Group hervor (Crawford, Cosgrave, Haysom & Walicki, 2015). Die Folge: "Die Menschen leben Jahre, Jahrzehnte oder sogar über Generationen in klapprigen Zelten oder nicht isolierten Metallunterkünften, in denen es an Elektrizität, Toiletten, fließend Wasser, Läden oder Schulen mangelt", schreibt Dunn. Mit ernsthafter Hilfe, dem Schaffen einer stabilen Lebenssituation oder gar Integration habe das nichts zu tun.

Wie aber können solche Zustände vorherrschen, obwohl Regierungen, Unternehmen und Privatpersonen Milliarden Euro für die Flüchtlingshilfe bereitstellen? Dunn ist überzeugt: Ausreichend finanzielle Mittel sind vorhanden. Sie kommen bloß nicht an den entscheidenden Stellen an.

Organisationen planen Kampagnen oft zu oberflächlich

Der Fehler liege im System. Hilfsorganisationen wetteifern um das Geld von Sponsoren. Daher würden sie nur ungern Informationen untereinander austauschen, schreibt die Forscherin. Das wiederum führe dazu, dass zahlreiche Organisationen unabhängig voneinander eine Krise analysieren, um zu entscheiden, wie viele Menschen welche Bedürfnisse haben und wie groß das Budget sein muss, um ihnen zu helfen. Allerdings erfolge das oft zu oberflächlich, weil jeder als erster die Sponsoren von seinem Projekt überzeugen wolle: "Verschiedene Agenturen liefern letztlich dieselben Waren an leicht erreichbare Camps." Auf diese Weise aber entfallen oftmals weitere dringend benötigte Produkte. "Und Menschen, die weiter weg untergebracht sind, aber ebenso bedürftig, werden übersehen."

Da Hilfsmittel in Krisensituationen zumeist kurzfristig benötigt werden, wüssten häufig weder Organisationen noch Spender mit welcher Art Hilfe genau zu rechnen ist, geschweige denn wann und für wie lange. Zu welch Verschwendung das führen kann, hat die Humangeographin in Georgien beobachtet.

Dort hatte Unicef in der Krise Müttern eine Klinik zur Verfügung gestellt, um die Versorgung von Neugeborenen sicherzustellen. Vor allem sollten Mütter lernen, welche Vorteile es hat, ihr Baby zu stillen, und wie sie es richtig machen. Gerade mal 21 von 10.000 mutmaßlich betroffenen Frauen nahmen das Angebot an. Denn Stillen ist in dem Land üblich und während der gesamten Krisenzeit war zudem ausreichend Säuglingsmilchnahrung und sauberes Wasser vorhanden. Das Angebot war also überflüssig.

Flüchtlinge sollten eigenständig über Geld verfügen können

Ein sinnvolleres Projekt wäre es gewesen, sich um die Alten zu kümmern, sagt Dunn ZEIT ONLINE. "Als der Krieg 2008 ausbrach, hatten viele der jüngeren Generation bereits ihre Dörfer verlassen und zogen in die Hauptstadt oder gingen nach Übersee, um zu arbeiten. Zurück blieben ältere Menschen, die eine auf sie abgestimmte medizinische und psychologische Betreuung benötigt hätten. "Die Hilfsorganisationen aber sind daran gewöhnt, mit durchschnittlich jungen Leuten zu arbeiten und brachten die entsprechenden Projekte mit – nicht die, die wirklich nötig waren."

125.3 Millionen Menschen brauchen Hilfe. 87.6 Millionen Menschen bekommen sie.
Global Humanitarian Overview 2016

Für das Wirrwar um Hilfsagenturen, Spendern und Regierungen hat Dunn den Begriff Adhocracy geprägt (Humanity, 2012), eine unheilvolle Mischung aus ad hoc und bureaucracy, also Spontanität und Bürokratie.

Demgegenüber steht die Meinung, das System sei "not broken – but broke", nicht kaputt, sondern pleite. So hat es Stephen O'Brien von den Vereinten Nationen formuliert. Entsprechend groß stellt die internationale Organisation die Finanzierungslücke im Global Humanitarian Overview von 2016 dar: Rund 20 Milliarden US-Dollar an Hilfsmitteln für Essen, Unterkunft, Ausbildung und Ähnliches hätten Organisationen allein 2015 angefragt, geflossen ist weniger als die Hälfte. Was tun? Man bat um zusätzliche 15 Milliarden Dollar.

Lokale Hilfsagenturen brauchen mehr Unterstützung

Worauf sich viele Beteiligte einigen können: Das System sei sowohl pleite, als auch kaputt. Zu diesem Ergebnis kommt auch die Humanitarian Policy Group in einem weiteren Report namens Time to let go. Hauptproblem sei, dass die großen Agenturen den Hauptanteil von Fördergeldern bekommen – 81 Prozent. "Das UN-System und das Rote Kreuz sind keineswegs überflüssig – die Milliarden Dollar, die noch immer durch sie fließen, sind ein Beweis dafür – doch sie sind nur ein Teil eines viel größeren Universums von Unterstützung", heißt es in dem Bericht.

Vor allem die Bedeutung lokaler Hilfsorganisationen werde unterschätzt. Nur rund 1,5 Prozent aller Fördergelder gehen direkt an sie, berichtet das Rote Kreuz in seinem World Desaster Report 2015 und fragt: "Wenn internationale Hilfsorganisationen und Spender dauernd für das Missverhältnis kritisiert werden, warum wurden dann noch keine konkreteren Schritte eingeleitet, um die Investitionen auszugleichen?" Eine endgültige Antwort hat niemand.

Derweil stärken Studien die These, dass es kurzfristige, direkte Projekte braucht, um Flüchtlingen langfristig zu helfen. Bestenfalls könnten die Menschen selbst entscheiden, für was sie das Geld verwenden, schreibt Dunn (Capps et al., 2015).  

Eine Methode gilt dabei derzeit als besonders vielversprechend: cash-based transfer, kurz CBT. Das Prinzip ist einfach. Mithilfe von Kreditkartensystemen oder Smartphones bekommen Flüchtlinge von einer Regierung oder Hilfsorganisation direkt einen Betrag überwiesen, über die sie frei verfügen können. "Als ich unterwegs war, habe ich Flüchtlinge gesehen, die das Geld für alles Mögliche genutzt haben, von Ferkeln über Bandsägen bis hin zu Wintermänteln", erzählt Dunn. Doch obwohl die Methode in manchen Regionen wie der Türkei und Somalia erfolgreich war, mache sie dennoch nur sechs Prozent der Hilfe aus. Befürworter fordern, den Anteil bis 2020 auf 20 Prozent zu steigern (Ali & Gelsdorf, 2012). 

Bargeld für alle ist nicht die Lösung

Dabei halten es alle Beteiligten für utopisch, 60 Millionen Menschen mithilfe von CBT dezentral zu versorgen. Sicherlich würden sie noch unterschätzt, gleichzeitig aber seien cash-based responses "kein Allheilmittel", betont etwa die Humanitarian Policy Group in einem Bericht. "Sie sind ein Teil des Werkzeugkasten der humanitären Hilfe" – eine Ergänzung, kein Ersatz für gängige Saatgut-, Lebens- oder Arzneimittelspenden (Harvey, 2007).

Direkter Geldtransfer, kurzfristige Hilfe, Projektplanung vor Ort – solche Maßnahmen gelte es weiterzuverfolgen und zu stärken, schreibt Dunn. Zwar würden die meisten Regierungen in Europa, Nordamerika und dem Mittleren Osten "die Illusion aufrechterhalten, dass die Menschen nur für eine begrenzte Zeit in ihrem Land sind." Doch es sei unwahrscheinlich, dass es in naher Zukunft bedeutend weniger Flüchtlinge gebe und unwahrscheinlich, dass die meisten Menschen bald nach Hause zurückkehren können.

Man müsse beginnen, Lager abzubauen, die Menschen in Städten und Unternehmen einzugliedern und ihnen zur Selbstständigkeit verhelfen, sagt Dunn. Wollten sie Flüchtlingen wirklich helfen, müssten die Verantwortlichen in der Realität ankommen.