Ein sinnvolleres Projekt wäre es gewesen, sich um die Alten zu kümmern, sagt Dunn ZEIT ONLINE. "Als der Krieg 2008 ausbrach, hatten viele der jüngeren Generation bereits ihre Dörfer verlassen und zogen in die Hauptstadt oder gingen nach Übersee, um zu arbeiten. Zurück blieben ältere Menschen, die eine auf sie abgestimmte medizinische und psychologische Betreuung benötigt hätten. "Die Hilfsorganisationen aber sind daran gewöhnt, mit durchschnittlich jungen Leuten zu arbeiten und brachten die entsprechenden Projekte mit – nicht die, die wirklich nötig waren."

125.3 Millionen Menschen brauchen Hilfe. 87.6 Millionen Menschen bekommen sie.
Global Humanitarian Overview 2016

Für das Wirrwar um Hilfsagenturen, Spendern und Regierungen hat Dunn den Begriff Adhocracy geprägt (Humanity, 2012), eine unheilvolle Mischung aus ad hoc und bureaucracy, also Spontanität und Bürokratie.

Demgegenüber steht die Meinung, das System sei "not broken – but broke", nicht kaputt, sondern pleite. So hat es Stephen O'Brien von den Vereinten Nationen formuliert. Entsprechend groß stellt die internationale Organisation die Finanzierungslücke im Global Humanitarian Overview von 2016 dar: Rund 20 Milliarden US-Dollar an Hilfsmitteln für Essen, Unterkunft, Ausbildung und Ähnliches hätten Organisationen allein 2015 angefragt, geflossen ist weniger als die Hälfte. Was tun? Man bat um zusätzliche 15 Milliarden Dollar.

Lokale Hilfsagenturen brauchen mehr Unterstützung

Worauf sich viele Beteiligte einigen können: Das System sei sowohl pleite, als auch kaputt. Zu diesem Ergebnis kommt auch die Humanitarian Policy Group in einem weiteren Report namens Time to let go. Hauptproblem sei, dass die großen Agenturen den Hauptanteil von Fördergeldern bekommen – 81 Prozent. "Das UN-System und das Rote Kreuz sind keineswegs überflüssig – die Milliarden Dollar, die noch immer durch sie fließen, sind ein Beweis dafür – doch sie sind nur ein Teil eines viel größeren Universums von Unterstützung", heißt es in dem Bericht.

Vor allem die Bedeutung lokaler Hilfsorganisationen werde unterschätzt. Nur rund 1,5 Prozent aller Fördergelder gehen direkt an sie, berichtet das Rote Kreuz in seinem World Desaster Report 2015 und fragt: "Wenn internationale Hilfsorganisationen und Spender dauernd für das Missverhältnis kritisiert werden, warum wurden dann noch keine konkreteren Schritte eingeleitet, um die Investitionen auszugleichen?" Eine endgültige Antwort hat niemand.

Derweil stärken Studien die These, dass es kurzfristige, direkte Projekte braucht, um Flüchtlingen langfristig zu helfen. Bestenfalls könnten die Menschen selbst entscheiden, für was sie das Geld verwenden, schreibt Dunn (Capps et al., 2015).  

Eine Methode gilt dabei derzeit als besonders vielversprechend: cash-based transfer, kurz CBT. Das Prinzip ist einfach. Mithilfe von Kreditkartensystemen oder Smartphones bekommen Flüchtlinge von einer Regierung oder Hilfsorganisation direkt einen Betrag überwiesen, über die sie frei verfügen können. "Als ich unterwegs war, habe ich Flüchtlinge gesehen, die das Geld für alles Mögliche genutzt haben, von Ferkeln über Bandsägen bis hin zu Wintermänteln", erzählt Dunn. Doch obwohl die Methode in manchen Regionen wie der Türkei und Somalia erfolgreich war, mache sie dennoch nur sechs Prozent der Hilfe aus. Befürworter fordern, den Anteil bis 2020 auf 20 Prozent zu steigern (Ali & Gelsdorf, 2012). 

Bargeld für alle ist nicht die Lösung

Dabei halten es alle Beteiligten für utopisch, 60 Millionen Menschen mithilfe von CBT dezentral zu versorgen. Sicherlich würden sie noch unterschätzt, gleichzeitig aber seien cash-based responses "kein Allheilmittel", betont etwa die Humanitarian Policy Group in einem Bericht. "Sie sind ein Teil des Werkzeugkasten der humanitären Hilfe" – eine Ergänzung, kein Ersatz für gängige Saatgut-, Lebens- oder Arzneimittelspenden (Harvey, 2007).

Direkter Geldtransfer, kurzfristige Hilfe, Projektplanung vor Ort – solche Maßnahmen gelte es weiterzuverfolgen und zu stärken, schreibt Dunn. Zwar würden die meisten Regierungen in Europa, Nordamerika und dem Mittleren Osten "die Illusion aufrechterhalten, dass die Menschen nur für eine begrenzte Zeit in ihrem Land sind." Doch es sei unwahrscheinlich, dass es in naher Zukunft bedeutend weniger Flüchtlinge gebe und unwahrscheinlich, dass die meisten Menschen bald nach Hause zurückkehren können.

Man müsse beginnen, Lager abzubauen, die Menschen in Städten und Unternehmen einzugliedern und ihnen zur Selbstständigkeit verhelfen, sagt Dunn. Wollten sie Flüchtlingen wirklich helfen, müssten die Verantwortlichen in der Realität ankommen.