Wilder als wir ist er gewesen: der Neandertaler. Aber war er auch mutiger? In kleinen Gruppen organisiert, jagte Homo neanderthalensis vor 400.000 bis 40.000 Jahren Mammuts, Bären und Nashörner. Um die Beute zu häuten und verzehren, entfachte er kleine Feuer unter Felsvorsprüngen und in Höhlen. Weit hinein in den Berg wagte er sich dabei aber nicht. Hieß es zumindest bisher. Ein Fund im südwestlichen Frankreich stellt das infrage: In der Grotte de Bruniquel stehen fernab des Tageslichts auffallend durchdachte Gebilde, die wirken wie von Frühmenschen-Hand gebaut (Nature: Jaubert et al., 2016).

Diese Beweisobjekte sind 175.000 Jahre alte Steinwälle, mehr als 300 Meter vom Eingang der Grotte entfernt. Genauer gesagt: zwei einigermaßen runde Anordnungen und vier Sammelstellen aus gut 400 zerbrochenen Stalagmiten. Der eine Wall ist rund 40 Zentimeter hoch und erstreckt sich über sieben mal viereinhalb Meter. Der andere mit rund zwei Metern Durchmesser etwas kleiner. Diese Steinhaufen hatten Forscher 1990 entdeckt. Die entscheidende Frage schon damals: Haben Neandertaler sie gebaut? Oder hat vielleicht doch ein Höhlenbär im Winterschlaf versehentlich Steine abgebrochen?

Eine 3D-Konstruktion zeigt die Strukturen in der Grotte de Bruniquel.

"Die Stalagmiten-Teile scheinen absichtlich so angeordnet und einige von ihnen gezielt bearbeitet worden zu sein", schreiben der Archäologe Jacques Jaubert von der Uni Bordeaux und sein Team nun im Magazin Nature. Irgendjemand habe sie per Hand gestapelt. Zwar gibt es Knochen, Krallenspuren und Tatzenabdrücke, die auf die einstige Anwesenheit eines Bären hindeuten. Doch die für den Bären-Winterschlaf typischen Mulden haben die Forscher an anderen Stellen der Höhle entdeckt. Und überhaupt: Wie sollte ein Bär so etwas schaffen? Es werden daher wohl Neandertaler gewesen sein, die sich in das Dunkel der Höhle wagten, heißt es weiter.

300 Meter machen den Neandertaler zum Entdecker

Die Funktion der künstlichen Strukturen ist noch unklarer. Eine Feuerstelle könnte es gewesen sein, darauf deuteten die Verfärbungen der Steine sowie Knochen hin, die in der Nähe gefunden wurden, schreiben Jaubert und Kollegen. Es könne sich auch um eine rituelle Stelle gehandelt haben, schließlich seien Rückstände von Flammen auf den Stalagmiten sichtbar, nicht aber auf dem Boden.

Auf ähnliche Gedanken war Mitte der Neunziger schon ein anderes Team französischer Forscher gekommen. Sie hatten die kniehohen Steinwälle in der Grotte de Bruniquel ebenfalls untersucht. Mit ähnlichem Resultat: Rund 48.000 Jahre sind die Gebilde alt, von Bären stammen sie wohl nicht, womöglich ist es eine rituelle Stätte (Spelunca: Rouzaud et al., 1995). Das ist zwar bedeutend jünger, als Jaubert es datiert, ändert aber nichts an der übereinstimmenden Interpretation. Der anatomisch moderne Mensch kam erst vor rund 40.000 Jahren in die Region, der Neandertaler hingegen war schon da. Wenn das Ganze also jemand gebaut hat, dann Vertreter der mittlerweile ausgestorbenen Homininen.

Schade, dass auch die neue Studie am Ende nur neue Spekulationen liefert. Die Forscher lassen sich sogar zur Behauptung hinreißen: "Die Menschen aus dieser Zeit waren in der Lage, eine unterirdische Umgebung zu meistern. Darauf deutet ihre Gegenwart 336 Meter vom Eingang der Höhle entfernt hin", schreibt Jaubert. Das soziale Verhalten von Neandertalern müsse außerdem weit umfassender sein als bisher gedacht. Sich 300 Meter in eine dunkle Höhe zu wagen – darin liegt demnach der Unterschied zwischen einem schlichten und einem komplexen, modernen Leben.

Das Fazit der Fachkollegen sei in Teilen nachvollziehbar, kommentiert die niederländische Paläoanthropologin Marie Soressi (Nature: Soressi, 2016): "Die Neandertaler waren die einzigen Homininen, die zu jener Zeit in Westeuropa lebten." Zudem würden Größe und Bauweise der Konstruktionen ausschließen, dass es sich etwa um das Nest einen Höhlenbärs handeln würde. "Die Entdeckung liefert einen ersten, direkt datierten Hinweis für das Geschick der Neandertaler", schreibt Soressi. Ob die Homininen allerdings aus der Not heraus in die Höhle zogen oder es zu ihrem Leben gehörte, lasse sich erst durch die Analyse weiterer Funde klären.

Auch Jaubert und Kollegen sagen selbst: Die Geschichte sei schön. Fraglich, ob sie wahr ist. Bislang gibt es keine Beweise dafür, dass Homo neanderthalensis sich überhaupt gern in Höhlen aufgehalten hat. Alldieweil man an solch einem Ort mal auf so etwas wie Fußspuren gestoßen ist (Quarternary Science Reviews: Onac et al., 2005).