Ich muss sagen, als ich vor 40 Jahren meinen 60. Geburtstag gefeiert habe, hätte ich nicht gedacht, dass ich mich heute, an meinem 100., fitter fühlen würde. Seinerzeit plagte ich mich mit sehr hartnäckigen rheumatischen Beschwerden herum, aber seit die unermüdlichen chinesischen Gentüftler in den zwanziger Jahren das Rheumarätsel gelöst haben und der Crispr-Boom das Erbgut in einen Bio-Baukasten verwandelt hat, geht es mit mir und meinem Körper wieder aufwärts.

Und nachdem darüber hinaus vor 15 Jahren Tausende meiner Hautzellen in hochpotente Haarfollikel umprogrammiert worden sind, die mir anschließend Mahmoud, mein genialer Friseur, einzeln eingepflanzt hat – ein allerdings nach wie vor äußerst zeitaufwendiger Vorgang –, fühle ich mich fast wieder wie ein Mann in den besten Jahren. Ich habe mich im Spiegel mit meinem Robert-Redford-Look zuerst nicht wiedererkannt, aber inzwischen habe ich mich an den angenehmen Anblick gewöhnt.

Mein 100. also – wer hätte das gedacht! Ich versuche, keine große Sache daraus zu machen, aber das ist nicht so leicht. Früher wäre man mit 100 ziemlich einsam gewesen, wie eine Art letzter Überlebender einer schrecklichen Katastrophe, und hätte sich nicht viele Gedanken über die Anzahl der einzuladenden Freunde machen müssen – aber auch das hat sich geändert. Zum Glück ist aber Ferienzeit und die meisten sind im Urlaub.

Micki und Susi erfüllen sich mit ihren 98 und 94 Jahren endlich ihren Lebenstraum einer Paragliding-Überquerung der Rocky Mountains, Toni taucht mit seiner 65 Jahre jüngeren Freundin (einem Ex-Model – wir haben uns im Freundeskreis, zugegeben, ein wenig das Maul darüber zerrissen) auf den Malediven – oder dem, was von diesen nach dem Anstieg des Meeresspiegels noch übrig ist, und Charlie, der es nicht lassen kann, als Steueranwalt zu praktizieren, hat sich damit entschuldigt, dass ihm die Arbeit über den Kopf wächst, seit er sich auf die Abwicklung von unrentabel gewordenen Altersheimen spezialisiert hat.

Donauthunfisch-Loins und cholsterinfreier Hummer

Es hat geklingelt, die Leute vom Cateringservice waren da. Sie haben im Garten alles für die Feier vorbereitet und wir haben noch ein paar letzte Details für das Buffet besprochen. Sie können leider doch keinen Spingold-Salat anbieten, der dieses Jahr wegen der Trockenheit schwer zu bekommen ist. Das ist wirklich schade, da ich die Kreuzung von Spinat und Mangold, die vor vier oder fünf Jahren von der EFSA zugelassen worden ist, wirklich exquisit finde. Zum Grillen können sie neben den bereits verabredeten weißen Donauthunfisch-Loins, cholsterinfreiem Hummer und den nach ihrem Schöpfer benannten sensationellen Lagarde-Riesenwachteln noch Stroulardenbrust-Steaks anbieten, aber mir ist der Straußanteil in der Stroularde immer zu dominant. Im übrigen ist rotes Fleisch bekanntermaßen krebserregend, was aber, wie ich zugebe, heutzutage kein Argument mehr ist.

Als die Cateringleute wieder weg sind, überblicke ich noch einmal den Garten. Die ganzjährig blühende Magnolie, die mir Toni und seine damals dritte Frau zum 95. geschenkt haben, hat sich prächtig entwickelt, obwohl ich gestehen muss, dass mir die ständige Blütenpracht auch ein bisschen auf die Nerven geht. Außerdem tut sich der Mähroboter mit den herabfallenden zähen Blütenblättern manchmal schwer, weil sie sein Schneidewerk verkleben, obwohl der Mäher – ich hätte vielleicht doch kein Billigmodell aus Subsahara-Afrika kaufen sollen – ausdrücklich als blossomsave angepriesen wurde. Außerdem soll die Mode der dauerblühenden Pflanzen angeblich ganze Ökosysteme durcheinanderbringen. Aber das hieß es vor 50 Jahren von Genmais und Gensoja schließlich auch.

Crispr - So funktioniert das neue Universalwerkzeug der Gentechnik Günstig, leicht zu handhaben und enorm effektiv: Crispr revolutioniert die Gentechnik. Das Erbgut aller Lebewesen lässt sich damit beliebig formen, wie das Video zeigt.