Dieses wandelfähige Biest. Dieses kriminelle Element, das sich des Körpers bemächtigt, die Abwehr austrickst und wächst und wächst und wächst. Dieser Mörder, der Menschen um ihre besten Jahre bringt. Wenn Hans Schreiber über Krebs spricht, dann ist er nicht nur Forscher. Er hat seine Mutter an die Krankheit verloren sowie zwei sehr gute Freunde. Seine Mine, die sonst schnell von einem Lachen über das ganze Gesicht erfüllt wird, verfinstert sich. "Sie waren eigentlich so gesund", sagt der Immunologe von der Universität von Chicago. "Krebs ist furchtbar."

Die Wucherung sei so komplex, so voller veränderter Gene, dass sie beinahe ein eigenes Wesen habe. "Wir müssen diese einzigartigen Merkmale erkennen, um den Krebs zu zerstören", sagt Schreiber. Seine Vision ist eine neue, wirklich personalisierte Immuntherapie. Zugeschnitten auf jeweils genau einen Menschen.

Die Idee hatte Schreiber vor mehr als 20 Jahren. Manche noch so kleine Mutation – und sei es ein einziger Buchstabe, der im Erbgut durch einen anderen ersetzt wird – führt mitunter dazu, dass das Immunsystem die Masse als fremd einstufen kann. Zumindest, wenn dadurch der "Personalausweis" auf der Oberfläche der Zelle ein neues Eiweiß präsentiert. Es ist wie ein manipuliertes Foto. T-Zellen, die als Polizeistreife den Körper nach Eindringlingen absuchen, können es entlarven. Erkennt die T-Zelle das falsche Foto und ist sie in der Lage, an dieser Stelle anzudocken, zerstört sie die Tumorzelle. Das sollte man nutzen, meint Schreiber.

Die Abwehr wird vom Krebs eingelullt

Normalerweise ist dies eine Strategie des Körpers, die uns ein Leben lang selbstverständlich vor sonst verheerenden Virusinfektionen schützt. Doch bei der Entstehung eines Tumors versagt das Immunsystem ganz offensichtlich. Vielleicht saß das Foto nicht fest genug auf dem Personalausweis und die T-Zellen nahmen es daher nicht ernst. Vielleicht waren viel zu wenige spezialisierte T-Zellen in den Tumor eingewandert und wurden dort bald eingelullt. Statt anzugreifen, dümpeln sie funktionsunfähig vor sich hin. "Krebs hemmt das Immunsystem sehr", sagt Matthias Leisegang.

Der Wissenschaftler vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) leitet seit 2014 das Berliner Labor von Hans Schreiber, das der Einstein Visiting Fellow an der Charité aufgebaut hat. Eingebunden sind sie in ein ganzes Forschungskonsortium am Berlin Institute of Health (BIH), das personalisierte T-Zell-Therapien in etwa zwei Jahren erstmals an einzelnen schwerkranken Krebspatienten erproben will. Schreiber und Leisegang erforschen die dafür nötigen Grundlagen.

Datenberge statt kleiner Krankenakte

Wer ihren Plan hört, der ahnt, warum der Schritt in die Klinik erst jetzt denkbar ist. Wenn eine Patientin mit Eierstockkrebs an der Charité operiert wird, wollen sie möglichst viele Proben aus unterschiedlichen Regionen des Tumors haben und das Erbgut dieser Krebszellen komplett entschlüsseln. Die so entstehenden Datenberge müssen zwei bioinformatische Programme bewältigen: Eines sucht nach jenen Veränderungen im Erbgut, die zu einem manipulierten Foto im Personalausweis führen.

Beim Eierstockkrebs sind das im Durchschnitt 42 Foto-Varianten, die ausschließlich Krebszellen auf ihrer Oberfläche präsentieren. Ein weiteres Programm analysiert, wie fest dieses Foto angeheftet ist und somit als Warnzeichen für T-Zellen gut erkennbar ist. Kommen diese Foto-Personalausweis-Kombinationen in möglichst vielen der Proben vor, sind sie vermutlich ein gutes Angriffsziel für die T-Zellen.

Aus dem Tumor wollen die Forscher zusätzlich jene T-Zellen isolieren, die ohnehin dorthin eingewandert waren. Denn sie haben bereits die erkennungsdienstlichen Hilfsmittel (T-Zell-Rezeptoren), um die Merkmale der Krebszellen zu identifizieren. "Wir glauben, dass uns diese natürliche Selektion zu besonders effektiven T-Zell-Rezeptoren führt", sagt Leisegang. Diese Werkzeuge werden dann ausgebaut, vermehrt und ihre Wirksamkeit in Experimenten überprüft.

Man braucht eine Armee trainierter T-Zellen

Kommt der Eierstockkrebs der Patientin nach etwa anderthalb Jahren zurück, soll die bestmögliche Waffe gegen ihren Tumor feststehen. Ärzte werden ihr dann Blut entnehmen und daraus frische, noch fitte T-Zellen isolieren. T-Zellen, die noch nicht durch die Täuschungsmanöver des Tumors in Mitleidenschaft gezogen wurden. Mithilfe gentechnischer Methoden verändern sie die Forscher so, dass die T-Zellen nicht mehr die eigenen erkennungsdienstlichen Werkzeuge auf ihrer Oberfläche tragen, sondern jene Rezeptoren, mit denen sie den Krebs finden und besiegen können. Die Patientin bekommt anschließend eine Infusion mit massenhaft neuen, im Labor trainierten T-Zellen. Eine ganze Armee statt einer Polizeistreife auf verlorenem Posten. Im Versuch mit Mäusen hat das funktioniert. "Selbst große Tumoren sind quasi in sich zerfallen", sagt Schreiber.

"Theoretisch sollte das bei vielen verschiedenen soliden Krebsarten funktionieren", sagt Leisegang. Die Wahl fiel nur deshalb auf Eierstockkrebs, weil er zunächst gut behandelbar, bei einem Rückfall aber fast immer tödlich ist. Das verschafft den Forschern eine Pause, in der sie die Komponenten dieser Therapie auswählen und herstellen können. Zumal nicht nur die technischen Hürden, sondern auch die bürokratischen Anforderungen der Zulassungsbehörden hoch sind. "Wir müssen erst Vertrauen schaffen, dass es funktionieren kann", sagt Leisegang. "In dieser Phase befinden wir uns gerade."