Ein 17-Jähriger hat in einem Regionalzug bei Würzburg Reisende mit einer Axt und einem Messer angegriffen. Der Jugendliche ist ein Asylbewerber aus Afghanistan und rief während des Angriffs "Allahu Akbar" (Arabisch für: Gott ist groß), zudem besaß er eine handgemalte IS-Flagge und hinterließ einen Abschiedsbrief.

ZEIT ONLINE: Der Jugendliche scheint sich schnell radikalisiert zu haben. Sind Flüchtlingskinder, die ohne Familie nach Deutschland gekommen sind, dafür besonders anfällig?

Thomas Mücke: Wir dürfen hier nichts überstürzen. Ob es ein Faktor gewesen ist, dass der Junge ein unbegleiteter, minderjähriger Flüchtling war, weiß niemand. Ja, er scheint sich radikalisiert zu haben, aber die genauen Hintergründe sind unklar.

Sie haben Krieg und Gewalt miterlebt, ja. Einige sind traumatisiert. Aber das macht sie nicht gefährlich.
Thomas Mücke, Pädagoge und Politologe

Nach Ereignissen wie dem Anschlag in Nizza gibt es häufig Nachahmungstäter. Aber dass unbegleitete minderjährige Flüchtlinge dazu besonders neigen, lässt sich nicht sagen. Durch meine Arbeit weiß ich: Sie stellen keine besondere Gefahr dar. Überhaupt sehen wir kein Radikalisierungsrisiko unter jungen Flüchtlingen. Mit Ausnahme der Einzelnen, die bewusst eingeschleust wurden. Aber die suchen natürlich keine Beratungsstelle auf.

ZEIT ONLINE: Die Kinder, die aus Krisenregionen nach Deutschland fliehen, sehen und erleben Schreckliches. Macht sie das nicht besonders labil?

Mücke: Sie haben Krieg und Gewalt miterlebt, ja. Einige sind traumatisiert. Aber das macht sie nicht gefährlich. Diese Kinder und Jugendlichen sehnen sich nach Stabilität und Sicherheit. Sie sind entwurzelt, haben keine Familie. Unsere Aufgabe ist es, ihnen eine neue Heimat zu bieten. Wir müssen sie intensiv psychologisch betreuen und alles tun, um sie zu integrieren. Diese Kinder sind verletzlich.

ZEIT ONLINE: Macht sie das für radikale Gruppen wie den "Islamischen Staat" besonders attraktiv?

Mücke: Es gibt Versuche der Anwerbung, die sind aber bislang auf wenig Resonanz gestoßen. Das funktioniert allerdings nur so lange, wie wir uns um die Kinder kümmern. Extremisten warten nur darauf, dass die Gesellschaft einen Fehler macht, sie ausgrenzt, ihnen keine Perspektive bietet, sie nicht integriert. Dann ist der Frustcocktail da und Radikale ergreifen die Chance, junge Menschen für ihre eigenen Interessen zu beeinflussen. Von diesem Punkt aber sind wir derzeit weit entfernt.