Es war der 7. Mai 2001, als die neunjährige Peggy spurlos auf ihrem Heimweg von der Schule verschwand. Vergangenen Samstag fand ein Pilzsammler ihre Überreste in einem Waldstück.

ZEIT ONLINE: Die Staatsanwaltschaft war nur zwei Tage nach dem Knochenfund davon überzeugt, dass es sich um Peggys Überreste handeln musste. Wie war das Mädchen so schnell zu identifizieren?

Randolph Penning: Zunächst einmal gab es neben dem Skelett mehrere Indizien, die auf ihre Person deuteten. Da wären der 15 Kilometer entfernte Wohnort der Eltern und möglicherweise persönliche Gegenstände. Rechtsmedizinisch kann man sich nur so früh festlegen, wenn Schädelknochen und Zähne vorliegen. Sie geben Hinweise auf das Alter. Acht- bis Zehnjährige haben zum Beispiel ein Wechselgebiss. Darin sind Milchzähne, die bald ausfallen, zugleich eine bestimmte Zahl an bleibenden Zähnen, die durchgebrochen sind.

ZEIT ONLINE: Was ist mit anderen Merkmalen?

Penning: Das Geschlecht lässt sich nicht mit einem Blick auf die Knochen feststellen. Es zeichnet sich erst bei Erwachsenenskeletten ab, etwa in der Becken- und Schädelform. Wenn nur Teile des Skeletts vorliegen, lässt sich auch die genaue Körpergröße nur grob anhand von Langknochen aus dem Ober- und Unterschenkel abschätzen. Eine sichere Identifizierung bringt allein ein DNA-Abgleich. Dieser dauert je nach Material etwa eine Woche. Wenn gut erhaltene Gewebeteile vorliegen und man einen entsprechenden Aufwand betreibt, könnte man das Ergebnis auch schon einen Tag später haben. Bei Knochen oder Zähnen geht das sicher nicht.

ZEIT ONLINE: Warum?

Penning: Die Knochen müssen erst entsprechend aufbereitet werden. Dafür muss das Labor die Knochen trocknen und mahlen, um daraus die DNA zu lösen. Gerade das Trocknen kann dauern, weil man nicht mit großer Hitze arbeiten kann. Sonst würde die DNA-Struktur kaputt gehen.

ZEIT ONLINE: Der DNA-Abgleich war schon nach wenigen Tagen abgeschlossen. Ist das Ergebnis überhaupt belastbar?

Penning: Ja, denn entweder es gibt ein Ergebnis oder es gibt kein Ergebnis. In dem Fall könnte es sein, dass die Knochen schon trocken waren oder noch Weichgewebe vorhanden war. Wenn Teile der Leiche zum Beispiel in Plastikfolien gewickelt waren, verzögert sich der Zersetzungsprozess massiv und auf unkalkulierbare Zeit.

ZEIT ONLINE: Sind die Untersuchungen ein Wettlauf gegen die Zeit?

Penning: Rechtsmedizinisch sind die kritischen Momente längst überschritten. Als das Mädchen im Mai verschwand, herrschten draußen etwa 20 Grad Celsius, es waren Fliegen unterwegs. Wenn die Leiche im Freien lag, müsste sie unter diesen Umständen binnen eines Tages mit Maden besiedelt und zum Ende des Jahres fast vollständig skelettiert sein. Mit jedem Tag schwindet die Wahrscheinlichkeit, eine Todesursache festzustellen.

ZEIT ONLINE: Was ist anhand der Knochen abzulesen?

Penning: Die Todesursache lässt sich auch damit schwer bestimmen. Die Rechtsmediziner könnten bloß grobe Verletzungen am Knochenmaterial feststellen, zum Beispiel einen eingeschlagenen Schädelknochen oder Kerben an Knochen. Diese könnten auf den Gebrauch eines Messers hindeuten. Eine subtilere Diagnostik ist ohne Weichgewebe nicht mehr möglich.

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel?

Penning: Ob ein Täter sein Opfer erwürgt hat, lässt sich beispielsweise am Kehlkopf feststellen. Der zersetzt sich aber viel schneller als Knochen. Hinzu kommt, dass Kehlköpfe von Kindern so weich sind, dass es nach 15 Jahren ein großes Glück wäre, noch einen zu finden. Auch könnte man nicht mehr ablesen, ob jemand das Opfer erstickt oder ertränkt hat.

ZEIT ONLINE: Was ist mit dem Todeszeitpunkt?

Penning: Es gibt zwar neuere Verfahren wie Isotopenuntersuchungen, um herauszufinden, wie viel Zeit seit dem Tod vergangen ist. Wenn man aber weiß, dass das Mädchen vor 15 Jahren verschwunden ist und das Skelett wie das einer Neunjährigen aussieht, kann eine solche Untersuchung nichts Präziseres feststellen.

ZEIT ONLINE: Worauf kommt es jetzt an, um den Täter zu fassen?

Penning: Alles hängt davon ab, was die Polizei noch findet, also Gegenstände wie Fesseln oder irgendetwas, das der Täter verloren haben könnte. Die Rechtsmediziner – außer es finden sich noch auffällige Besonderheiten – haben an diesem Punkt alles getan, was sie können.