Da ist Maik, der den Spitznamen Psycho trägt, weil er über die Alkoholprobleme seiner Mutter und die Abwesenheit seines Vaters nicht hinwegkommt. Oder sein neuer Freund Andrej, der in der Schule äußerst schwankende Leistungen zeigt, aber mit 14 lässig im gestohlenen Auto über Land fährt. Und schließlich Isa, das Mädchen, das auf der Müllhalde lebt. Wolfgang Herrndorf hat das Adoleszenten-Trio in seiner Erzählung "Tschick" trefflich beschrieben. Sie strotzen vor Kraft, verfügen über eine schnelle Auffassungsgabe und über einen wachen Blick auf Menschen. In manchen Momenten wirken sie fast erwachsen, und doch sind sie ganz besonders verletzlich.

Ein Psychiater wie Harald Freyberger vom Uniklinikum in Greifswald wählt naturgemäß eine andere Sprache, um diese Phase des Umbruchs zu beschreiben. Auf dem gemeinsamen Hauptstadtsymposium der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde und der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Berlin sprach er von der "fluktuierenden Entwicklung zwischen Bestreben nach Autonomie und Anlehnungsbedürftigkeit". Eine Ursache der "unerhörten Entwicklungsdynamik" des zweiten Lebensjahrzehnts seien "beträchtliche Umbauprozesse im menschlichen Gehirn" in dieser Lebensphase.

Unterschiedliches Tempo beim Umbau des Gehirns

Dieser Umbau erfolgt mit unterschiedlichem Fortschritt. Der präfrontale Cortex, an der Stirnseite des Gehirns gelegen und zuständig für bedächtiges Abwägen und rationale Kontrolle, ist gewissermaßen der Spätentwickler. Er muss gegenüber dem für Emotionen zuständigen – und wesentlich frühreiferen – limbischen System aufholen. "Viele typische Entwicklungsprobleme des Kindes- und Jugendalters verlieren sich dann hoffentlich", sagte Freybergers Kollege Jörg Fegert von der Uniklinik in Ulm.

Einige jedoch sind Vorboten späterer Leiden: Die Hälfte aller psychischen Störungen, die junge Erwachsene haben, haben bereits in der Kindheit oder in der Pubertät begonnen. Das zeigen Längsschnittstudien, bei denen die Entwicklung ausgewählter Personen über mehrere Jahre verfolgt wird. So haben die meisten Erwachsenen, die unter einer Borderline-Störung leiden, als Jugendliche Handlungen vollzogen, die Psychiater als "selbstverletzendes Verhalten" bezeichnen. "Meist beginnen sie im Alter von 13 bis 14 Jahren damit, viele hören um das 16. Lebensjahr wieder damit auf", berichtete Paul Plener von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Uniklinikum in Ulm.

Das Zufügen von Schmerz reduziert Stress und Angst

Inzwischen ist belegt, dass bei Jugendlichen, die sich die Haut ritzen, der für die Bewertung von Emotionen zuständige Mandelkern (Amygdala) besonders heftig arbeitet, während die Verbindung zwischen der Großhirnrinde und dem limbischen System gestört ist. Experimente zeigten, dass diese Heranwachsenden Stress und Angst reduzieren können, wenn sie sich Schmerz zufügen und dabei auch noch ihr eigenes Blut fließen sehen. "Ein Verständnis dieser neurobiologischen Grundlagen kann der Stigmatisierung entgegenwirken", meint Plener. Vor allem aber könnte es zu neuen Therapieformen führen, bei denen die Betroffenen lernen, ihre Hirnfunktionen in Krisensituationen besser selbst zu steuern, hofft Plener.