Ein Paradebeispiel für den frühen Beginn einer psychischen Erkrankung ist das Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom ADHS. Ein Störungsbild, von dem früher viele meinten, es wachse sich mit den Jahren aus. "Heute wissen wir, dass 60 Prozent der Betroffenen im Erwachsenenalter weiter darunter leiden", sagte Alexandra Philipsen von der Karl-Jaspers-Klinik in Oldenburg. Erwachsenenpsychiater wüssten jedoch oft über ADHS bei Erwachsenen und dessen typische Erscheinungsformen wie organisatorisches Unvermögen und psychische Labilität zu wenig Bescheid. "Kinder- und Jugendpsychiater haben hier weit mehr Erfahrung."

Bessere Versorgung gefordert

In einem gemeinsamen Eckpunktepapier der beiden Fachgesellschaften fordern sie nun bessere Versorgung und Forschung für die Phase der Transition, also des Übergangs zwischen beiden Lebensphasen. Diese endet keineswegs mit der juristischen Volljährigkeit, sondern folgt einem individuelleren Timing.

Während bei ADHS das Manko darin besteht, dass man die Störung bei Erwachsenen zu oft nicht mehr vermutet, sind Psychosen bisher die Domäne der Erwachsenen-Psychiatrie. Dabei beginnt etwa die Schizophrenie im Schnitt mit 18 bis 19 Jahren, also "haargenau an der Schnittstelle", wie Anne Karow sagt, die in der Früherkennungsambulanz für Psychische Störungen am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf speziell für adoleszente Patienten zuständig ist. Sie wünscht sich, dass Diagnosen früher gestellt werden können. "Wir sind heute in vielen Fällen eher eine Späterkennungsambulanz."

Hier müssten Kinder- und Jugendpsychiater noch aufmerksamer werden. Die Ärzte sollten aber auch versuchen, sich noch besser auf den Umgang mit Patienten in dieser Altersgruppe einzustellen, damit ihre Behandlungsangebote weniger "krawattentragend" rüberkommen, sagte Franz Resch vom Zentrum für Psychosoziale Medizin in Heidelberg. Die Schwierigkeit: Die Mehrheit der Adoleszenten, die zeitweise "Vorläufersymptome" einer Schizophrenie zeigen wie Wirklichkeitsverzerrungen oder Lethargie, bleibt von der Krankheit verschont. Nur fünf Prozent von ihnen erkranken später wirklich.

Nicht von starren Altersvorgaben beeindrucken lassen

Nicht allein Unter-, sondern auch Über-Behandlung wäre ein Fehler. Resch plädiert pragmatisch dafür, sich auf die Symptome zu konzentrieren, die die Entwicklung der Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alltag behindern, vor allem auf die kognitiven Einschränkungen. Und sich dabei nicht von starren Altersvorgaben beeindrucken zu lassen. In Einrichtungen wie dem Heidelberger Frühbehandlungszentrum werden junge Leute zwischen 14 und 28 Jahren behandelt.

Der Umgang mit (in etwa) Gleichaltrigen kann dabei Teil der Therapie sein. "Auf unseren Erwachsenenstationen fühlen sich junge Menschen oft vollkommen deplatziert", berichtet Iris Hauth vom St.-Joseph-Krankenhaus in Berlin-Weißensee. Zu diesem Gefühl trägt nach Ansicht der Fachgesellschaften auch das allgemeine gesellschaftliche Phänomen der bis ins Alter von Mitte 20 verlängerten Adoleszenz bei. Bei jungen Menschen, die mit psychischen Störungen zu kämpfen haben, reifen einzelne Hirnareale zudem auch biologisch verzögert und nach anderen Mustern, wie beim Symposium deutlich wurde.

Dass in der Psychiatrie Übergänge für diese Phase fehlen, ist keineswegs ein rein deutsches Problem. Das zeigt das EU-geförderte Acht-Länder-Projekt "Milestones", das von der britischen Universität Warwick geleitet wird und nach evidenzbasierten Lösungen sucht. Das Fazit der Forscher um Swaran Singh: "Die derzeitige Aufteilung der psychiatrischen Zuständigkeiten führt zur Schwächung des Hilfssystems ausgerechnet an der Stelle, an der es am robustesten sein müsste."