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"Es wäre besser, wenn Sie so etwas nicht mehr veröffentlichen." Der Chef sagt, man solle vorsichtig sein, ehe es Ärger gibt. Dort beginnt sie, die Spirale aus Misstrauen und Zensur. Als Nächstes wird man gefeuert, weil man eine Petition unterschrieben hat. Behörden kennen plötzlich private E-Mails, wissen, was man am Handy gesagt hat. Schlimmstenfalls wird man verhaftet und gefoltert, weil man auf einer Friedensdemo war.

Kaum jemand traut sich noch, Journalisten davon zu erzählen, was in der Türkei gerade passiert. Drei Wissenschaftler haben es trotzdem getan, weil ZEIT ONLINE weder ihre Namen noch Details über sie nennt.

"Ich kann meine Kinder hier doch nicht mehr zur Uni schicken"

Wenn Sie schreiben würden, woran ich forsche, wüssten die Staatsorgane sofort, wer ich bin. Das könnte mich den Job kosten, womöglich würde ich sogar angezeigt. Eigentlich ist meine Arbeit nicht politisch, ich mache evidenzbasierte Naturwissenschaft. Weder im Sinne einer Religion, noch einer politischen Richtung. Selbst in meinem Bereich gibt es Dinge, die der Erdoğan-Regierung missfallen. Oder den Gülen-Anhängern, die viele Ämter an den Unis bekleiden und die der Präsident jetzt genau wie viele andere Staatsangestellte massenhaft suspendieren will. 

Seit mehr als zehn Jahren bekomme ich das zu spüren, werde gemobbt und unter Druck gesetzt. Mein Vorgesetzter hat mich direkt aufgefordert, aufzuhören, die Wahrheit zu veröffentlichen. Und mein Telefon wird abgehört. Schon sehr lange.

Wie viele andere Staatsangestellte wurde ich nach dem Putsch aufgefordert, an meinen Arbeitsplatz zurückzukehren und weiterzumachen wie bisher. Der Sommerurlaub ist für alle gestrichen. Für Feldforschung oder Konferenzbesuche im Ausland braucht man eine Ausreisegenehmigung. Keine Ahnung, ob ich die noch bekomme.

Bis zum fünften August müssen alle Uni-Direktoren Listen mit den Namen vermeintlicher Gülen-Anhänger abgeben. Die werden dann wohl entlassen. Ich habe Angst, dass wir anderen Forscher, die einfach nur unabhängig arbeiten wollen, als Nächste dran sein könnten. Erdoğan will religiöse, konservative Wissenschaftler. Freie Forschung ist schon länger kaum möglich – nicht erst seit dem Putschversuch.

Ich weiß von Kollegen, die unter diesem Druck neuerdings die wahnwitzigsten Thesen veröffentlichen.

Auch die Unterstützer des im Exil lebenden Fathullah Gülen üben an den Unis seit Jahren heftigen Druck aus. Seitdem sie mehrheitlich in den Gremien für öffentliche Forschungsförderung sitzen, bekomme ich kein Geld mehr für meine Projekte. Ich will mich nicht zwingen lassen, linientreu zu forschen. Aber ich weiß von Kollegen, die unter diesem Druck neuerdings die wahnwitzigsten Thesen veröffentlichen – jenseits jeder Evidenz.

Weil ich unabhängig bleibe, bin ich auf internationale Finanzierung angewiesen. Die wird in Zukunft noch schwerer zu bekommen sein, wenn jetzt reihenweise auch gute Kollegen entlassen werden. Im nächsten Schritt können sie durch Erdoğan-Getreue ausgetauscht werden. Ganz egal, was die für eine fachliche Qualifikation haben. Darunter wird die Qualität der Wissenschaft zusätzlich leiden. Meine ehemaligen Doktoranden sind verzweifelt. Sie wissen nicht, wie es weitergehen soll. Soll ich sie jetzt im Stich lassen?

Ich überlege schon lange, ins Ausland zu gehen. Aber ich habe Kinder – und im Moment wäre es sowieso viel zu gefährlich. Würde ich jetzt etwas unternehmen, würde man mich als Gülen-Anhängerin einstufen. An den Flughäfen werden hohe Staatsangestellte aus allen Bereichen, erkennbar an ihrem grünen Pass, aus der Schlange gewunken, verhört und nach Sondergenehmigungen und Bescheingungen gefragt. Als Türkin kenne ich so eine einschüchternde Behandlung an der Grenze aus allen möglichen Ländern, in die ich schon gereist bin. Jetzt erlebe ich dasselbe, wenn ich nach Hause will.

Wenn es einem in der Türkei als Wissenschaftlerin ohnehin nicht mehr gelingt, halbwegs sinnvolle Arbeit zu machen, ist es das dann wert?

Bisher habe ich meinen Job noch, meine Eltern leben hier und ich hänge an meiner Forschung. Als Frau habe ich in diesem Land früh gelernt, mich durchzubeißen. Besonders als Einzelkämpferin in der Wissenschaft. All das hat mich ziemlich abgehärtet. Andererseits kann ich meine Kinder doch nicht hier an die Uni gehen lassen.

Wenn es einem in der Türkei als Wissenschaftlerin ohnehin nicht mehr gelingt, halbwegs sinnvolle Arbeit zu machen, ist es das dann wert, jeden Tag seine Karriere zu riskieren und mit der Familie in Unfreiheit zu leben? Langsam macht mich das alles müde. Aber wenn ich auch diese Phase durchstehe, werde ich vielleicht noch stärker. Ich gebe nicht auf. Aber ich brauche dringend mal Urlaub.