Der Mars liegt näher als man denkt. Schließlich haben sechs Menschen dort jüngst ein Jahr verbracht – gewissermaßen. Für das Projekt Hawaii Space Exploration Analog and Simulation (HI-SEAS) waren Forscher in eine Kuppel auf den abgeschiedenen Vulkan Mauna Loa in Hawaii gezogen, um ein Leben in Isolation auf dem Roten Planeten zu simulieren. Nun durften sie die Helme ablegen und waren binnen Sekunden wieder auf der Erde.

Noch vor wenigen Jahren schien die bemannte Raumfahrt ausgedient zu haben. Raumfahrtagenturen wollten lieber Roboter ins All schicken statt Menschen, weil günstiger und ungefährlicher. Doch mittlerweile ist die Suche nach einer Heimat außerhalb der Erde wieder en vogue und damit sind es auch Projekte, die ein Leben auf dem Mars simulieren. 

In der Kuppel auf Mauna Loa etwa hatten sich in den vergangenen Jahren schon andere Teams einquartiert. Doch nicht nur dort wird der Mars simuliert. Für das Projekt Mars500 beispielsweise hatten im Auftrag von Roskosmos und Esa sechs Menschen 520 Tage in unwirtlicher Umgebung verbracht. Und der Astronaut Scott Kelly sowie Kosmonaut Michaeil Kornijenko lebten ein Jahr lang auf der internationalen Raumstation ISS, um die Auswirkungen monatelanger Schwerelosigkeit und Einsamkeit für die Menschheit am eigenen Leib zu testen.

20 Minuten braucht eine Mail vom Mars zur Erde

Nun also HI-SEAS, finanziert von der amerikanischen Raumfahrtagentur Nasa. Die Kuppel, in der die Forscher lebten, misst elf Meter im Durchmesser. Überall hängen Kameras, was ein Gefühl von dauerhafter Überwachung erzeugt. Warme Mahlzeiten bereitete sich das Team mit Solarenergie zu, unter anderem aus gefriergetrockneten Lebensmitteln. Landwirtschaft in der Umgebung ist undenkbar: Das vulkanische Erdreich ähnelt dem Boden, der auf dem Mars vorzufinden ist. Wegen der Höhenlage wachsen in der Region kaum Pflanzen.

Allenfalls in Raumanzügen hatte sich das Team von der Anlage wegbewegen dürfen. Um die Bedingungen auf dem Roten Planeten möglichst authentisch nachempfinden zu können, musste die Crew zudem mit begrenzten Ressourcen auskommen. Alle vier Monate gab es neue Lebensmittel, alle zwei Monate eine Lieferung Wasser. Die Kommunikation war auf E-Mails beschränkt. Zirka eine Viertelstunde brauchte eine Nachricht an Erdlinge, ganz so wie es vom Mars aus wäre.

Diverse Sensoren übermittelten regelmäßig Daten über den körperlichen Zustand der Crew an das Hauptquartier. Auch die Psyche wurde überwacht. Dazu füllten die Teilnehmer täglich Fragebögen aus. Manche davon waren kurz und bezogen sich auf spezifische Ereignisse, wie die deutsche Geophysikerin Christiane Heinicke von vor Ort in ihrem Blog beschrieb: "Wir geben dann unsere allgemeine Stimmung an, mit wem wir zuletzt interagiert haben, und wie effektiv diese Interaktion war." Andere Fragebögen bezogen sich auf den gesamten vergangenen Tag, etwa "wie müde wir waren, wie viel wir gegessen haben, und natürlich wie gut wir miteinander klar gekommen sind."

Ein Alltag ohne Fragebögen – undenkbar

Während des Lebens in Isolation musste das Team zudem Notfälle üben. Etwa an diesem einen Tag, als die Erde die Crew vor einer Welle tödlicher Strahlung warnte, die den Planeten aufgrund verstärkter Sonnenaktivität überraschend treffen sollte. Es galt, außerhalb der Kuppel in den Lava-Gestein-Strukturen Schutz zu suchen. Eine Situation, die an Szenen aus dem Nasa-Werbefilm Der Marsianer erinnert. Oder das Team simulierte medizinische Einsätze, deren Umstände und Ergebnisse sie nicht nur in den offiziellen Fragebögen, sondern auch in Tweets festhielten:

Auch mussten die Forscher Experimente durchführen. In manchen mussten sie die eigene Ausdauer und Leidensfähigkeit testen. In anderen standen Technik und Ingenieurswissenschaften im Fokus. So hat das Team beispielsweise nach eigenen Angaben in dem trockenen Klima selbst Wasser zutage gefördert. "Das funktioniert, man kann dem scheinbar trockenen Boden tatsächlich Wasser entnehmen", sagt Heinicke. Daraus lasse sich schließen, dass man auch auf dem Mars Wasser gewinnen könne. Fraglich bleibt, ob das reicht. "An normalen Tagen verbrauchen wir um die 25 Gallonen, also knapp 100 Liter Wasser. Und mit 'wir' meine ich die gesamte, 6-köpfige Crew", schrieb Heinicke in ihrem Blog.