Im Stammbaum zeigt sich die Gewaltbereitschaft der verschiedenen Säugetierarten. Die Ausübung tödlicher Aggression steigt dabei mit der Intensität der Farbe, von Gelb bis Dunkelrot. Oben links: die Familie des Menschen. © José María Gómez, M. Verdú, Adela González-Megías, Marcos Méndez/Nature

Die Neigung zur Gewalt ist eine Besonderheit des Menschen. Erklären lässt sie sich mit unserer evolutionären Vergangenheit, unserem Stammbaum, das schreiben Forscher im Fachmagazin Nature (Gómez et al., 2016).

In einem Stammbaum zeigen sie die Gewaltbereitschaft von 1.024 Säugetierarten: Die Ausübung tödlicher Aggression steigt dabei mit der Intensität der Farbe, von Gelb bis Dunkelrot. Die Stammbaumlinien entwickeln sich aus der Mitte des Kreises, dem Ursprung aller Säugetierarten, nach außen hin zu den heutigen Arten, die als Silhouetten dargestellt sind. Das rote Dreieck oben links markiert die heutige Position des Menschen im Säugetier-Stammbaum. Die Knotenpunkte der menschlichen Entwicklung sind mit roten Punkten markiert, alle anderen mit schwarzen. Es fällt auf: Dort, wo sich die roten Punkte häufen, häufen sich auch die roten und gelben Linien. Die Familie der Primaten, aus der die Hominiden und damit die Menschen hervorgingen, erwies sich für die Forscher als gewalttätigste in der Entwicklungsgeschichte.

Doch müssten nicht eigentlich rein fleischfressende Tiere wie Löwen noch gewalttätiger sein – schon allein, weil sie für ihr Überleben zwangsweise töten müssen? Nicht in diesem Fall, denn die Forscher definierten Gewalt als tödliche Aggression gegenüber Artgenossen. Dazu zählten sie zum Beispiel Kindstötungen, Fälle von Kannibalismus oder Todesfälle nach Revierkämpfen und anderen Auseinandersetzungen.

Insgesamt fanden die Wissenschaftler um den Spanier José María Gómez Informationen zu vier Millionen Todesfällen von Säugern aus 137 Familien. Das sind etwa 80 Prozent aller Säugetierfamilien. Die Forscher errechneten dann den Anteil an Toden durch Artgenossen. Am evolutionären Ursprung der Säuger betrug dieser Anteil noch 0,3 Prozent, es kamen also etwa drei Tiere von 1.000 durch Gewalt eines Artgenossen ums Leben. Unter Primaten beträgt dieser Anteil heute knapp zwei Prozent. Auch wenn die Daten nicht komplett genau sind, zeige die Entwicklung, dass tödliche Gewalt tief in der Linie der Primaten verwurzelt ist, sagen die Forscher.

Die Studie liefere somit gute Gründe für die Annahme, dass auch der Mensch von Natur aus gewalttätiger ist als die meisten anderen Säugetiere, schreibt der Biowissenschaftler Mark Pagel, der nicht an der Studie beteiligt war (Nature: Pagel, 2016). Dies decke sich auch mit Untersuchungen, die Jäger-und-Sammler-Gemeinschaften als in "ständigem Kampf befindlich" beschrieben.

Um die Entwicklung dieser Gewalt besser zu verstehen, untersuchten die Forscher in weiteren Studien, wie verbreitet sie in den menschlichen Populationen der letzten 50.000 Jahre war. Dabei fanden sie heraus, dass das Ausmaß tödlicher Gewalt im Laufe der Jahrtausende stark schwankte. Demnach lagen die Tötungsdelikte am Ursprung unserer Spezies bei etwa zwei Prozent und nahmen dann zeitweise erheblich zu. Seit etwa 100 Jahren sinke die Gewaltbereitschaft innerhalb der Menschheit wieder. 

"Der Anteil tödlicher Gewalt ist nicht unveränderlich, sondern hat sich mit dem Fortschreiten unserer Geschichte verändert", sagt das Forscherteam. Vermutlich beeinflussten sowohl die Kultur als auch ökologische Bedingungen die Gewaltbereitschaft. Auch die Organisation in einem Staat habe die Zahl der Tötungsdelikte möglicherweise sinken lassen. Das ist ebenfalls eine Besonderheit des Menschen.