Bayer kauft Monsanto. Daraus hervorgehen wird ein Gentechnikriese, der den weltweiten Nahrungsmarkt dominieren wird. Sein Geschäft: Saatgut mit ganz bestimmten erwünschten Eigenschaften, die Gentechniker den Pflanzen ins Erbgut programmieren.

Doch Saatgut, das dem Klimawandel trotzt, haben die beiden Konzerne bisher nicht im Angebot. Dabei rechnen Klimaforscher damit, dass die globale Erwärmung zehn bis 50 Prozent der jährlichen Ernte auf der Welt bedroht. Gerade hat in Marrakesch die Weltklimakonferenz begonnen, auf der es auch um die verheerenden Folgen gehen wird, die das veränderte Klima vor allem auf die ärmsten Regionen der Erde hat.

Der Klimawandel wird künftig über gute und schlechte Ernten mitentscheiden. "Wir verlieren mit jedem Grad höherer Temperatur sechs Prozent des Ertrags von Weizen", prognostiziert der Agrarforscher Frank Ewert von der Uni Bonn. Das entspreche weltweit 42 Millionen Tonnen Weizen, einem der wichtigsten Grundnahrungsmittel. Die Jahresproduktion dieses Getreides liegt bei knapp 800 Millionen Tonnen weltweit.

Das Europäische Patentamt hat mehr als 2.000 Patente auf gentechnisch veränderte Pflanzen erteilt. Monsanto und Bayer tun fast alles, um Mais und Weizen, Baumwolle und Tomaten ertragreicher zu machen und gegen Unkrautvernichtungsmittel abzuhärten. Neue Sorten, die dem Klimawandel trotzen, muss man dagegen mit der Lupe suchen: Von den 132 beim Bundesinstitut für Risikobewertung beantragten und teilweise schon zum Verkauf zugelassenen genetisch veränderten Lebensmitteln betraf nur ein einziges eine trockenheitsresistente Maissorte.

Warum dieses Desinteresse?

"Natürlich erforschen wir bei Monsanto, wie Pflanzen Hitze oder Salze besser tolerieren, das ist ganz wichtig für uns", sagt Monsanto-Sprecher Thoralf Küchler. "Aber bisher gibt es noch keine marktfähigen Produkte dazu."

Das sagt auch Bart Lambert, leitender Forscher bei Bayercrop. Er und seine Kollegen erforschten inzwischen zwar, wie Pflanzen erhöhten Wetterstress vertragen. "Aber da stehen wir noch am Anfang."

Monsanto und Bayer konzentrieren sich bisher fast ausschließlich darauf, gentechnisch verändertes und hybrides Saatgut zu entwickeln. Weil die Technik beherrschbar ist – die Unempfindlichkeit gegen ein Herbizid etwa ist auf einem einzelnen Gen festgeschrieben. Und weil die so entwickelten Samen patentierbar sind und dem Konzern gehören, der sie dann langfristig vermarkten kann.

Beim Versuch, Pflanzen gegen den Klimawandel zu wappnen, versagt die Gentechnik bisher. Eigenschaften wie Hitzetoleranz und geringer Wasserbedarf sind an mehreren Stellen im Erbgut festgehalten. Sie lassen sich nicht so einfach übertragen. "Es ist vergleichsweise einfach, Pflanzen unempfindlich zu machen gegen Gifte, ihre Kolben, Samen oder Blüten anschwellen zu lassen", sagt Lambert. Viel komplexer sei es, Pflanzen gegen höhere Temperaturen zu stärken, gegen zu viel oder zu wenig Niederschlag – dazu müssten viele Gene verändert werden.

Tausende Petrischalen

Lambert arbeitet bei Bayercrop im belgischen Gent, wo mehr als 400 Biologen, Genetiker und Bioinformatiker an neuen Züchtungen forschen. Hier schlägt das Herz der Bayer-Saatgutforschung. Sorten, die hier entwickelt werden, sollen eines Tages in unseren Einkaufstaschen und auf unseren Tellern landen.

Das Labor erinnert an ein Krankenhaus, in der Luft liegt ein Hauch von Desinfektionsmitteln. In tausenden Petrischalen wachsen zentimetergroße Soja- und Baumwollsetzlinge in Nährlösungen. Menschen in weißen Kitteln ernähren sie mit Pipetten. In diesem frühen Stadium sind die Pflanzen nur linsengroße, weiße Klumpen. Die Forscher haben ihnen das Gen einer fremden Pflanze eingesetzt. Nur wenige werden überleben. Und die werden weiterentwickelt und sollen eines Tages mehr Ertrag bringen als ihre Mutterpflanzen. Oder überleben, wenn sie mit Unkrautvernichtungsmitteln besprüht werden.

Traditionelle Methoden

Monsanto hat sich auf Pestizide spezialisiert. Gegen den von ihm entwickelten Mais Smartstax+ beispielsweise können gleich zwei Unkrautvernichtungsmittel nichts ausrichten und der Mais selbst produziert sieben Insektengifte – eine Art Sebstverteidigungsstrategie. Insgesamt hält Monsanto zur Zeit rund 190 Patente, die meisten davon entfallen auf gentechnisch veränderte Pflanzen wie Mais und Soja, nur drei auf Pflanzen, an deren Erbgut nichts künstlich verändert wurde.

Die Versuche des Konzerns, in Afrika mit dem Programm Water Efficient Maize for Africa in heißen Regionen Fuß zu fassen, stehen noch ganz am Anfang – und in der Kritik. Afrikanische Agronomen kritisieren inzwischen, bei großer Hitze sei der gentechnisch veränderte Mais sogar weniger ertragreich als traditionelle Sorten.

Bayer hat sich auf Gentechnik und die Herstellung von hybriden Sorten spezialisiert. Häufig sind die neuen Pflanzen tatsächlich ertragreicher, die Früchte sehen einheitlicher aus. Andererseits können deren Samen in der nächsten Saison nicht ausgesät, sondern müssen erneut bei Bayer gekauft werden.

Traditionelle Methoden

Es spricht viel dafür, dass mit dem Klimawandel die Züchtung durch Selektion wieder wichtiger wird. Dieses Prinzip ist seit Jahrtausenden bekannt: Von einer Tomatenpflanze beispielsweise werden nach jedem heißen Sommer die größten und gesündesten Früchte genommen. Deren Samen werden dann im kommenden Frühjahr erneut ausgesät. Mit jeder Generation kommen die Pflanzen besser mit der Hitze zurecht.

So gezüchtete Sorten seien widerstandsfähiger als solche, die rein auf Ertrag getrimmt sind, sagt Garlich von Essen, Generalsekretär des Interessenverbandes der Europäischen Saatgutindustrie Esa. Er vertritt Konzerne wie Bayer und Syngenta, aber auch kleinere Familienbetriebe. Letztere könnten bei der Züchtung durch Selektion wieder im Vorteil sein, glaubt Garlich von Essen: "Gerade kleinere Unternehmen forschen an der Klimatoleranz, sie entwickeln Sorten für spezifische regionale Märkte."

Auch die Welternährungsorganisation der UN, die FAO, fordert Bauern dazu auf, im Kampf gegen den Klimawandel eigenständig lokales und regionales Saatgut zu entwickeln, das direkt an seine Umgebung angepasst ist.

Hirse statt Weizen

In Südeuropa leiden Bauern schon jetzt unter heißen und trockenen Sommern. Das ist der Grund, warum der Anbau von Hirse dort eine Renaissance erlebt. Denn einmal aufgegangen, begnügt sich die Pflanze mit wenig Feuchtigkeit. Nachteil von Hirse: seine Bitterkeit. Aber es gebe vielversprechende Versuche, die Bitterkeit herauszuzüchten, sagt Martine Dugué vom französischen Hirse-Verband Terra-Millet. "Für Konzerne war Hirse bisher nicht interessant, weil sie keinen Dünger und keine Pestizide benötigt." Dugué glaubt, Hirse besitze großes Potenzial.

Tatsächlich sind die Möglichkeiten, passende Nahrung für eine Zukunft mit Klimawandel zu finden, noch längst nicht erschöpft: Laut FAO gibt es rund 25.000 essbare Pflanzenarten – von denen bisher nur rund 30 intensiv angebaut werden.

Das Angebot von Bayer und Monsanto ist noch viel beschränkter. Bayer konzentriert sich auf Weizen und Soja, Monsanto auf Soja und Mais. Aus Klimagesichtspunkten wenig zukunftsweisend: Weizen, Soja und Mais sind durstige Pflanzen.

Die Autorin schreibt für das Recherchezentrums correctiv.org. Die Redaktion, die mit unserer Zeitung kooperiert, finanziert sich ausschließlich über Spenden und Mitgliedsbeiträge. Ihr Anspruch: In intensiver Recherche gesellschaftlich relevante Missstände aufzudecken und unvoreingenommen darüber zu berichten.