Simon Krätschmer tappt allein durch eine heruntergekommene, finstere Baracke. Die Wände triefen vor Nässe, die Räume sind verlassen. Niemand ist da. Niemand? Simon Krätschmer irrt sich. Und er weiß das. Auf ihn wartet der blanke Horror. Sekunden später fällt ihn etwas an, das vielleicht mal ein Mensch war. Er schreit, duckt sich, es gibt kein Entrinnen. Der Bildschirm wird schwarz. Krätschmer zieht die Virtual-Reality-Brille vom Kopf. Er ist außer Atem wie nach einem 100-Meter-Lauf. Aber er lacht. "Die Erfahrung ist geil."

Simon Krätschmer und sein Kollege Daniel Budiman arbeiten beim Onlinekanal Rocket Beans. Sie haben das Horrorvideospiel Outlast auf der VR-Brille getestet, während die Kamera mitlief und jeden Angstschrei aufzeichnete (das Video dazu gibt es hier).

So etwas ist dutzendfach auf YouTube zu sehen: Zumeist junge Menschen ziehen sich die Brillen über, die etwa ein Computerspiel realer erscheinen lassen, und begeben sich in der virtuellen Realität an gruselige Orte. Obwohl alles nur ein Spiel ist, haben sie Herzrasen, leiden unter Beklemmung und wollen gar nicht dort sein. Sie zucken, schwitzen, schreien. Kurz: Sie erschrecken. Und fühlen sich gut danach. Warum ist das so?

Der Schreck ist nicht zum Spaß da

Zwar ist der Erfolg der VR-Brillen relativ neu, aber die Lust am Horror ist es nicht. Menschen spielen Horrorspiele, schauen Horrorfilme, fahren mit Geisterbahnen, lauschen Gruselgeschichten und erschrecken sich gegenseitig an Halloween. Sie reizt die Angst, sie suchen den Schock. Dabei haben diese ursprünglichen Gefühle nicht den Zweck, zu unterhalten. Eigentlich existieren sie, um zu schützen.

"Der Schreckreflex ist eine Reaktion auf plötzliche, laute Geräusche", sagt der Psychologe Jürgen Margraf. Er leitet das Zentrum für psychische Gesundheit und Forschung im Bereich Angststörungen an der Ruhr-Universität Bochum. Auch visuelle Reize oder unerwartete Berührungen könnten den Reflex auslösen. "Das System aus Erschrecken und Angst hat sich in der Evolution herausgebildet, weil es einen Überlebenswert hat."

Der Schrecken ist keine rein menschliche Eigenschaft. Das zeigen tausende Videos, in denen Katzen panisch vor Gurken flüchten, die heimlich hinter ihnen abgelegt wurden. Auch Echsen, Fische und Amphibien erschrecken sich. "Bei Fröschen, die vor Störchen flüchten, wurde ausgerechnet, dass jene, die davonkommen, und jene, die gefressen werden, lediglich eine Reaktionszeit von sechs Tausendstelsekunden trennt", sagt Margraf. Im Zweifel überlebt also der, der eher wegzuckt.

Herzrasen, Erstarren, das Blut stockt

Erschrickt ein Mensch, schlägt sein Herz schneller. Dieses Symptom kennt fast jeder. Wenn jemand daher sagt, sein Herz schlage bis zum Hals, können wir verstehen, was er fühlt. Auch andere Merkmale des Schreckens haben nicht grundlos unsere Sprache geprägt: Wir werden starr vor Schreck, damit wir drohende Gefahren einordnen können, bevor wir handeln.

Kürzlich fanden Forscher der niederländischen Universität Leiden sogar Hinweise darauf, dass einem vor Angst tatsächlich das Blut in den Adern stocken kann. Nach einem Horrorfilm wurde bei einer Probandengruppe eine Erhöhung des Glykoproteins F8 um 17 Prozent festgestellt. Das Eiweiß spielt bei der Gerinnung eine Rolle und beeinflusst wesentlich die Stillung von Blutungen.