Die größte Walfangnation der Welt ist wider Erwarten nicht Japan. Auch nicht Island. Sondern Norwegen. Drei Jahrzehnte lang haben norwegische Fischer tonnenweise Minkwale aus dem Meer gezogen. Das geht aus dem Bericht Frozen in Time hervor, den die Tier- und Umweltschutzorganisationen Pro Wildlife, OceanCare und das Animal Welfare Institute während des 66. Treffens der Internationalen Walfangkommission vorgestellt haben. Der Vorwurf: Die Regierung nutze gezielt Lücken der internationalen Vorschriften zum Handel und fragwürdige Wissenschaft, um ihre Fangquoten möglichst hoch anzusetzen.

Doch, Moment: Ist Walfang nicht verboten? Ja, mit Ausnahmen. Die Internationale Walfangkommission (IWC) definiert drei Kategorien: Jagen dürfen demnach Ureinwohner, um sich selbst zu versorgen sowie Forscher für wissenschaftliche Zwecke. Kommerziellen Walfang hat die IWC 1986 hingegen verboten. Die Formulierungen des Moratoriums lassen allerdings einen gewissen Spielraum.

So startete Japan beispielsweise noch 1986 ein Programm für wissenschaftlichen Walfang, um weiter Wale zu jagen. "Ursprünglich war der Wissenschaftswalfang dazu gedacht, einzelne Tiere für die Forschung zu töten", betont Pro Wildlife. Allein in der Saison 2015/2016, also zwischen September und Februar, hat das Land aber in der Antarktis unter dem Titel "Forschungsprogramm NEWREP-A" 333 Tiere getötet. Genau wie geplant, aber absolut unnötig. Auf neue, weitreichende wissenschaftliche Erkenntnisse aus diesen Fängen wartet die Welt bis heute.

Island stellte es noch geschickter an. Nicht nur gründete das Land ebenfalls Alibi-Wissenschaftsprogramme. Im Jahr 1992 schied Island zudem aus der IWC aus. Als es 2004 wieder beitrat, erkannte die Regierung das Walfangmoratorium explizit nicht an. Ein besonderes Recht für "Neumitglieder", wie es in den Regularien heißt.

Die IWC rügt Norwegen, mehr kann sie nicht tun

Norwegen wiederum hielt sich bis 1993 an das Verbot, dann beschloss die Regierung dem Moratorium nachträglich die Zustimmung zu verweigern. Die Jagd war wieder eröffnet – und zwar nach ganz eigenen Regeln. Die Fangquoten für Minkwale setzte das Land fortan selbst fest. Von 296 Tieren im Jahr 1993 stieg die Zahl auf einen Spitzenwert von 1.286 in 2015. Zuletzt begnügte man sich mit 880 der Meeressäuger.

Die Geschichte des Walfangs reicht in Norwegen zurück bis ins 9. Jahrhundert, dem Zeitalter der Wikinger. "Lobbyisten nennen die moderne Jagd daher eine kulturelle Tradition", heißt es in dem aktuellen Bericht Frozen in Time. Für die Artenschützer eine nicht haltbare Position. Schließlich gehöre Norwegen mittlerweile zu einem der am weitesten entwickelten Länder und sei laut Daten des International Monetary Fund das sechstreichste Land der Erde. "Da ist das Argument wenig überzeugend", schreiben die Autoren.

Norwegen bezeichnet seine Jagd offiziell denn auch als das, was sie ist: kommerziell. Dafür bekommt das Land jedes Jahr aufs Neue eine offizielle Rüge der IWC. Das ist nicht gut für das Image, lässt sich aber problemlos ignorieren. Denn Sanktionen kann die Kommission nicht verhängen.