ZEIT ONLINE: Noch wissen wir kaum etwas über den mutmaßlichen Fahrer, der gestern Abend auf einem Weihnachtsmarkt in Berlin in eine Menschenmenge raste. Lassen sich anhand des Ablaufs der tödlichen Fahrt dennoch Rückschlüsse darauf ziehen, womit wir es zu tun haben?

Marc Sageman: Einiges deutet darauf hin, dass der Fahrer gezielt in die Menge gefahren ist. Das spricht eher für politische Gewalt als für einen Unfall.

ZEIT ONLINE: Könnte nicht auch ein psychisch kranker Mensch am Steuer gesessen haben?

© Marc Sageman

Sageman: Ähnliche Taten waren meist politische Gewalt. Hat der Fahrer mit Vorsatz gehandelt, ist er jedenfalls ein Massenmörder. Laien – und auch Journalisten – neigen dazu, solche Täter zu psychologisieren. Dabei sind politische Täter, die in Gruppen organisiert sind, selten psychisch krank. Unter Einzeltätern ist der Anteil derer, die pathologische Störungen haben, zwar höher, aber auch nicht höher als unter Einzelgängern in der Gesamtbevölkerung. Gleichzeitig verübt nur ein verschwindend geringer Teil aller psychisch Kranken jemals eine Gewalttat.

ZEIT ONLINE: Heißt das, wer bei vollem Bewusstsein in eine Menschenmenge rast, kann psychisch völlig normal sein?

Sageman: Natürlich. Soldaten, die etwa in Aleppo Gräueltaten angerichtet haben, sind das ja auch. Sie töten, weil sie zur Verteidigung eines Landes oder einer Gemeinschaft im Krieg sind. Genau so sehen sich solche Attentäter. Sie halten sich für Soldaten. Töten gehört dann dazu. Außerdem wissen wir aus zahlreichen Studien, dass die meisten Menschen zum Mörder werden können – es kommt nur auf die Umstände an. Der entscheidende Faktor, dass Menschen sich radikalisieren, ist die starke Identifikation mit einer Gruppe in Abgrenzung zu einer anderen, die zum Feindbild wird.

ZEIT ONLINE: Der Schlüssel zum Terror ist also die Identifikation?

Sageman: Genau. Diese Menschen teilen die Welt in "wir" und "die anderen" auf, die sie bedrohen, verfolgen, ihre Familien töten und sie ihrer Chancen berauben. Sie wollen ihresgleichen beschützen und ziehen in einen Krieg. Das legitimiert sie in ihrer Wahrnehmung zum Töten. Diese Identifikation kann die gleiche Nationalität, eine gemeinsame Religion, derselbe Job oder Leidensweg oder eben der gemeinsame Kampf für etwas wie den Dschihad sein.

ZEIT ONLINE: Über eine Verbindung zu einer Terrororganisation ist bisher nichts bekannt. Auch hat der "Islamische Staat" (IS) – der sich teils auch zu Taten von Menschen bekennt, die keinerlei Verbindung zu dem Terrornetzwerk hatten – bisher nichts in diese Richtung veröffentlicht.

Sageman: Ein Anschlag kann auch islamistisch motiviert sein, wenn keine Organisation ihn vorbereitet oder unterstützt. Es gibt viele Beispiele, in denen sich Terroristen mit dem Gedankengut des IS identifiziert hatten, wahrscheinlich ohne dass sie jemals zu ihm Kontakt hatten. In Nizza beispielsweise, wo es im Juli zu einer ähnlichen Todesfahrt mit einem Lkw kam, gab es höchstens lose Kontakte. Auch das Täterpaar von San Bernardino, Kalifornien, kannte zwar Extremisten, wurde aber wohl nicht von ihnen gesteuert. Ähnlich war es in Orlando. All diese Täter sahen sich lediglich als Teil einer imaginären Gemeinschaft aller Muslime.

ZEIT ONLINE: Das heißt, Menschen radikalisieren sich von ganz allein?

Sageman: Es kann reichen, im Fernsehen den grausamen Krieg in Aleppo, die Ausländerfeindlichkeit gegenüber Flüchtlingen und die hoffnungslose Situation der eigenen Mitmenschen mitzubekommen. Mit der Religion, dem Islam, hat das wenig zu tun: Diese Täter halten sich zwar für Muslime und argumentieren aus einer vermeintlichen Gläubigkeit heraus. In Wahrheit aber kämpfen sie für ihresgleichen – wie auch immer sie das definieren. In den Interviews, die ich mit Islamisten in Guantanamo und anderen Gefängnissen geführt habe, war ich verblüfft, ja schockiert, wie wenig die meisten über den Islam und den Koran wussten. "I don't care about quran, I care about jihad", sagte einer.

ZEIT ONLINE: Sind wir in Deutschland jetzt stärker Teil des Feindbildes?

Sageman: Zumindest hat Deutschland in letzter Zeit einiges dazugetan. Die Linie gegen Flüchtlinge wird politisch härter und in den Medien wird die Ablehnung ihnen gegenüber offen sichtbar. Das verstärkt die Aufteilung der Welt in "wir" und "die anderen". Umgekehrt machen Deutsche es übrigens genauso. Viele grenzen Flüchtlinge und deutsche Staatsbürger aus, nur weil sie eine andere Herkunft oder Hautfarbe haben. Nicht wenige Bürger fühlen sich, so der Eindruck aus den Medien, von Mitbürgern mit Migrationshintergrund pauschal bedroht und reagieren ähnlich wie im Extremfall ein Terrorist: Sie schotten sich ab, werden radikaler in ihren Ansichten und Äußerungen, manche wählen sogar extrem rechte Parteien. Einige wenige verüben schlimmstenfalls Attentate auf Ausländer.