Die Anteilnahme war nicht zu übersehen. Nach dem Anschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt legten Menschen Teddybären und Blumen nieder, richteten Konzerte, Gedenkgottesdienste und Trauerfeiern aus. Nutzer tauchten ihr Facebook-Profilbild in die deutschen Nationalfarben, andere teilten rasch noch eine digitale Kerze und schickten auf Twitter ein #prayforberlin hinterher im Gedenken an die Opfer.

Tausende bekundeten ihr Beileid, obwohl die meisten mit den zwölf Toten und 45 Verletzten gar nicht bekannt sind. Hoffentlich, weil sie ehrliche Empathie empfinden. Bestenfalls, weil sie mitfühlen.

Empathie ist eines der ältesten, mächtigsten Gefühle der Menschheit. Sie ist bedeutsam für den Zusammenhalt der Gemeinschaft – und zugleich so leicht auszunutzen. Sich in andere hineinzuversetzen, ist eine wunderbare Fähigkeit. Sie kann Menschen motivieren, Gutes zu tun. Doch Empathie kann auch blenden. Das macht sie zu einem nützlichen Werkzeug für Politiker und Propagandisten.

Seit etwa 100 Jahren ergründen Forscher Ursprung und Charakter der Empfindung. Was diese besonders macht: Das Gefühl ist nicht angeboren wie Angst, Wut, Ekel, Freude und Trauer. Es ist sozial erlernt und damit deutlich komplexer. Empathie ist überlebenswichtig und dient der sozialen Anpassung – Mütter können ihren Nachwuchs nur ausreichend versorgen, wenn sie auf dessen Signale eingehen, Eltern ihren Kindern Trost spenden, wenn sie dessen Sorge nachvollziehen können. Wie sehr jemand das Leid oder die Freude eines anderen emotional nachvollziehen kann, hängt davon ab, wie sich Eltern, Verwandte und Freunde über die Jahre des Erwachsenwerdens verhalten haben.

Mitgefühl ist Einfühlung plus dem Wunsch, Heilsames zu bewirken.
Luise Reddemann, Psychoanalytikerin

Doch mit der Empathie sei es nicht getan: Menschen müssen Mitgefühl empfinden können. Der Unterschied ist laut Forschern bedeutend: "Empathie ist Einfühlung", sagt die Psychoanalytikerin Luise Reddemann der Universität Klagenfurt. Und "Mitgefühl ist Einfühlung plus den Wunsch, Heilsames zu bewirken".

Doch fühlt wirklich mit, wer sein Profilbild einfärbt? "Sicherlich nicht jeder", sagt Reddemann. Mancher wolle sich darstellen, andere ahmen nach, was das Umfeld für eine angemessene Reaktion zu halten scheint, um Teil des Kollektivs zu sein. Mitmachen bedeutet nicht mitfühlen. "Mitgefühl erfordert die Bereitschaft, sich berühren zu lassen, das können nicht alle Menschen in gleichem Maße", sagt Reddemann. Schon allein, weil sich viele vor dem Schmerz schützen wollen, den die Anteilnahme an Todesopfern mit sich bringt.

Wer sich darauf einlässt, wird schnell mitgerissen. "Das Zuschauen und Beitragen erregt eine Art emotionalen Sog", sagt Reddemann. Posten, teilen und mit einem traurigen Emoji darauf zu reagieren suggeriere, Kontrolle über eine in Wahrheit unbegreifliche Situation zu haben. Das Netz hat die Zahl der Kondolierenden potenziert.