Deutschland hat ein Jahr der Unsicherheit erlebt. In der Silvesternacht wurden in Köln zahlreiche Frauen ausgeraubt und sexuell belästigt. Im Juli schlug ein Mann mit einer Axt um sich, ein anderer sprengte sich einen Monat später in Ansbach in die Luft. Ebenfalls im August erschoss ein Amokläufer in München neun Menschen, im Dezember folgte ein Anschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt. Elf Menschen starben. Jedes Ereignis warf unweigerlich Fragen auf wie: Ist Deutschland noch sicher? Muss sich das Land gegen Gewalt und Terror wappnen? Und wenn ja, wie?

Einige haben darauf eine klare Antwort: Ja, das Leben sei unsicherer geworden. Die Polizei sei hilflos bis unfähig, das Volk zu schützen. Allen voran Innenminister Thomas de Maizière und der Vorsitzende der Innenministerkonferenz, Klaus Bouillon, fordern deshalb, die Polizei aufzurüsten. Sie sind überzeugt:

  • Das Land muss besser überwacht werden. Überwachung verhindert Vorfälle wie die Übergriffe in Köln, Amokläufe und Anschläge.
  • Die Polizei braucht schwerere Waffen: Automatikwaffen, Langwaffen, Panzerfahrzeuge. Nur so lassen sich Attentate und Massenstraftaten vermeiden.
  • Andere Länder wie Frankreich oder Spanien haben längst aufgerüstet – deshalb leben die Menschen dort viel sicherer.
  • Jeder fühlt sich sofort sicherer, wenn die Polizei präsent ist und ihre Waffen zeigt.
  • Die Polizei und Sondereinsatzkommandos allein können Terroranschläge und Amokläufe nicht bewältigen. Sie brauchen Unterstützung von der Bundeswehr im Inneren.

Es ist eine umfangreiche Thesen-Sammlung. Kriminologen, Konfliktforscher und Psychologen versuchen seit Jahren, diese Behauptungen auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Manche lassen sich nach jetziger Kenntnis belegen, andere sind klar widerlegt – und für weitere fehlt es schlicht an Daten, um zu einem Ergebnis zu kommen.

Kameras verhindern keine Straftaten

Der Kriminologe Friedrich Lösel setzt sich für mehr Kameras im öffentlichen Raum ein. Allerdings nicht, weil sich Attentate damit verhindern lassen: "In Großbritannien, wo die flächendeckende Videoüberwachung in vielen Teilen längst Realität ist, zeigt die Forschung, dass der präventive Aspekt gering ist", sagt Lösel, der als ehemaliger Direktor des Kriminologischen Instituts der University of Cambridge die Bundesregierung mehrfach in Sicherheitsfragen beraten hat. Straftaten würden weiterhin im selben Maßstab geschehen. "Jedoch sind Kameras für die Tataufklärung von Vorteil. Deswegen sollten öffentliche Hotspots, wie Bahnhöfe, stärker überwacht werden. Das zeigt zum Beispiel die Silvesternacht von Köln", sagt Lösel.

Auch der Kriminologe Brandon Welsh aus Boston fand in einer Studie heraus, dass der Einfluss von Videoüberwachung auf Gewaltakte – Prügeleien, Messerstechereien und eben Anschläge – gering ist (Criminology and Public Policy: Brandon Welsh & David Farrington, 2004). Einbrüche hingegen wären durch Überwachungskameras stärker reduziert worden.

Maschinenwaffen sind eine Gefahr für Unbeteiligte

Einen Tag nach dem Anschlag in Berlin forderte der Vorsitzende der Innenministerkonferenz Klaus Bouillon in der ARD, Polizeistreifen künftig mit Automatikwaffen auszurüsten. Bei den von ihm erwähnten Maschinenpistolen reicht ein Abdrücken für eine Schusssalve. Hingegen muss jedes Mal den Abzug betätigen, wer mit einer Handfeuerwaffe einen Schuss abgeben möchte. Bouillon ist das zu langsam. Allein mit Automatikwaffen hätten Polizisten Tätern etwas entgegenzusetzen, in Berlin etwa den Angreifer vor Ort stellen können.

Eine strittige Ansicht, sagen Forscher, eine impraktikable dazu: "Den Einsatz von Maschinenwaffen im öffentlichen Raum, an einem Flughafen oder Weihnachtsmarkt, wo viele Menschen sind, kann niemand wollen", sagt Hans-Jörg Albrecht, Leiter der kriminologischen Abteilung am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht. "Den Streifenpolizisten mit Maschinenpistolen auszustatten, ist Unsinn." In chaotischen Anschlagssituationen streckten Maschinenwaffen eher Unbeteiligte nieder als die eigentlichen Angreifer.