"Postfaktisch" – so lautet das Wort des Jahres. Es meint grob gesagt den Trend, zu glauben, was man möchte – anstelle dessen, was man weiß. Gehandelt wird nach Gefühl statt mit Verstand. Der Brexit und die Wahl Trumps sind nur zwei Beispiele dafür, wie Wut, Angst, Trotz oder Enttäuschung Wahlen entscheiden können, während Verschwörungstheorien an Einfluss gewinnen. Nur woher kommt dieses gefährliche kollektive Bauchgefühl? Wissenschaftler suchen für uns nach Antworten.

Markus Maier, Psychologe
Der Professor an der Uni München ist Spezialist für Emotions- und Motivationsforschung.

"Denken ist anstrengender als Fühlen"

Emotionen kommen nur gefühlt aus dem Bauch. In Wahrheit entstehen sie im Gehirn. Die emotional-intuitive Informationsverarbeitung geht viel schneller als die intellektuell-kognitive.

Markus Maier © privat

Faszinierend finde ich, dass sie trotzdem häufig zu richtigen Entscheidungen führt (Personality & Social Psychology Bulletin: Betsch et al., 2001, PDF). Denken ist eben anstrengender als Fühlen. Und es dauert länger. Der Mensch braucht Gefühle, um Situationen zu bewerten, erkannte schon Darwin.

Die angeborene Gabe, eine Lage intuitiv einzuschätzen und dann spontan zu handeln, macht uns aber leider auch manipulierbar: Wer es schafft, unsere Ängste oder Wut zu wecken, kann uns lenken. Genau das haben die Brexit-Befürworter und das Trump-Lager offensichtlich bei vielen Menschen geschafft.


Neurowissenschaftler und Psychologen wie der Nobelpreisträger Daniel Kahnemann sprechen heute davon, dass es zwei Systeme im Gehirn gibt:

  • System 1 – intuitiv und emotional – evolutionsbedingt und angeboren.
  • System 2 – intellektuell und kognitiv getrieben – hier wirken Bildung und Erziehung.

Wenn populistische Gedanken und Parteien plötzlich mehrheitsfähig werden, kann das daran liegen, dass mehr Menschen wieder stärker nach System 1 handeln. Nur warum passiert das genau jetzt, Herr Korte?