2016, das Ende der Vernunft?

"Postfaktisch" – so lautet das Wort des Jahres. Es meint grob gesagt den Trend, zu glauben, was man möchte – anstelle dessen, was man weiß. Gehandelt wird nach Gefühl statt mit Verstand. Der Brexit und die Wahl Trumps sind nur zwei Beispiele dafür, wie Wut, Angst, Trotz oder Enttäuschung Wahlen entscheiden können, während Verschwörungstheorien an Einfluss gewinnen. Nur woher kommt dieses gefährliche kollektive Bauchgefühl? Wissenschaftler suchen für uns nach Antworten.

Markus Maier, Psychologe
Der Professor an der Uni München ist Spezialist für Emotions- und Motivationsforschung.

"Denken ist anstrengender als Fühlen"

Emotionen kommen nur gefühlt aus dem Bauch. In Wahrheit entstehen sie im Gehirn. Die emotional-intuitive Informationsverarbeitung geht viel schneller als die intellektuell-kognitive.

Markus Maier © privat

Faszinierend finde ich, dass sie trotzdem häufig zu richtigen Entscheidungen führt (Personality & Social Psychology Bulletin: Betsch et al., 2001, PDF). Denken ist eben anstrengender als Fühlen. Und es dauert länger. Der Mensch braucht Gefühle, um Situationen zu bewerten, erkannte schon Darwin.

Die angeborene Gabe, eine Lage intuitiv einzuschätzen und dann spontan zu handeln, macht uns aber leider auch manipulierbar: Wer es schafft, unsere Ängste oder Wut zu wecken, kann uns lenken. Genau das haben die Brexit-Befürworter und das Trump-Lager offensichtlich bei vielen Menschen geschafft.


Neurowissenschaftler und Psychologen wie der Nobelpreisträger Daniel Kahnemann sprechen heute davon, dass es zwei Systeme im Gehirn gibt:

  • System 1 – intuitiv und emotional – evolutionsbedingt und angeboren.
  • System 2 – intellektuell und kognitiv getrieben – hier wirken Bildung und Erziehung.

Wenn populistische Gedanken und Parteien plötzlich mehrheitsfähig werden, kann das daran liegen, dass mehr Menschen wieder stärker nach System 1 handeln. Nur warum passiert das genau jetzt, Herr Korte?


"Wer überfordert ist, denkt eher in Schwarz-Weiß-Mustern"

Martin Korte, Neurobiologe
Der Direktor des Zoologischen Instituts der TU Braunschweig beschäftigt sich mit den zellulären Grundlagen von Lernen und Gedächtnis.

"Wer überfordert ist, denkt eher in Schwarz-Weiß-Mustern"

Wie Sie sagen, funktioniert das intuitive System am schnellsten. Vermutlich kann es also auch deutlich mehr Informationen verarbeiten als das rationale. Heutzutage nehmen wir Unmengen an Informationen auf – in der Bahn, im Auto, im Termin und sogar im Restaurant, fast in jeder freien Sekunde. Wir bekommen Nachrichten von Freunden und Kollegen oder von Wildfremden über Facebook, Twitter oder Snapchat, lesen Newsportale, Blogs und streamen Videos. Viel zu viel, um noch kognitiv verarbeitet zu werden.

Das könnte erklären, warum Gefühle mehr Einfluss bekommen. Wer täglich etwas über den Krieg in Syrien, die Not von Flüchtlingen, die Finanzprobleme in Eurostaaten oder scheiternde Politiker liest, hört oder sieht, ist kognitiv überfordert und verarbeitet das stark emotional.

Martin Korte © privat

Auch Neurologen sagen: Eine intensive Internetnutzung schwächt sowohl die kognitive Verarbeitung als auch das Einfühlungsvermögen und die Empathie (American Journal of Pharmaceutical Education: Terry & Cain, 2016). Selektiv ist unser Gehirn sowieso. Die Informationsflut verstärkt das.

Wer überfordert ist, denkt eher in Stereotypen und Schwarz-Weiß-Mustern (Science of Learning: Vogel&Schwabe, 2016). Bleibt die Frage, wie man darauf reagieren soll. Herr Eichstädt?

"Gegen Populisten wirken Gefühle mehr als Fakten"

Tilman Eichstädt, Ökonom
Der Professor an der Wirtschaftshochschule bbw in Berlin erforscht, was Menschen Verhandlungsmacht verleiht, insbesondere wenn es um Preisverhandlungen geht.

"Gegen Populisten wirken Gefühle mehr als Fakten"

Ist das Phänomen wirklich so neu? Vielleicht hat ja schon die Informationsflut durch Telegrafie, Telefonie und Film und Funk um 1900 dazu geführt, dass zwischen 1920 und 1940 emotionale Verführer auf Basis von Ärger und Ängsten mit Versprechen von Stolz und Aggression Mehrheiten für sich gewinnen konnten.

Werden wohl die kommenden Wahlen bei uns in Deutschland und in andern Ländern noch durch kluge und weitsichtige politische Konzepte beeinflusst oder ebenso stark wie die letzten zwei durch Emotionen? Wie schon Aristoteles wusste, gehört zur Überzeugung und guten Rhetorik neben Logos und Ethos auch immer Pathos. Nur wer die informationsüberfluteten Menschen auch bei ihren Gefühlen erreicht, kann Sie überzeugen (Journal of Management Information Systems: Stieglitz & Dang-Xuan, 2013). Wissenschaftlichen Ratgebern, ökonomischen Theorien und technokratischen Apparaten wie der Europäischen Union oder den UN gelingt es immer weniger, die Menschen zu erreichen.

© bbw Hochschule Berlin

Gerade die großen politischen Debatten der letzten zehn Jahre – Globalisierung, Finanzkrise, Eurokrise, Terrorismus, Krimkrieg und die sogenannte Flüchtlingskrise – waren von einer offensiven Hilflosigkeit der westlichen Eliten geprägt. Dass viele Menschen darauf ängstlich und wütend reagieren, überrascht da wenig. Ebenso, dass sie Politikern folgen, die Stärke, Entschlossenheit und Handlungswillen demonstrieren. Bürgerliche Parteien, die enttäuschte Wähler zurückgewinnen wollen, müssen lernen, stärker emotional zu argumentieren. Mit durchdachten und ausgefeilten Konzepten werden die wichtigen bevorstehenden Wahlen nicht gewonnen werden. Gegen Populisten wirken Gefühle mehr als Fakten. 

Wobei ich mich frage, welche Rolle tatsächliche Krisen und gefühlte Risiken hierbei spielen. Wären die Konsequenzen dieselben, wenn die Menschen mehr mit guten Nachrichten konfrontiert wären, Herr Renn?

"Wir müssen unser Immunsystem gegen Populisten stärken"

Ortwin Renn, Risikoforscher
Der Soziologe, Volkswirt und Nachhaltigkeitswissenschaftler ist Direktor am IASS in Potsdam.

"Wir müssen unser Immunsystem gegen Populisten stärken"

Ich denke, das würde wenig ändern. Wie einflussreich Nachrichten sind, hängt vor allem davon ab, wer sie verbreitet. Und Populisten sind immer dann besonders überzeugend, wenn sie noch keine Macht haben. Werden sie gewählt, zeigt sich meist schnell, dass die viel postulierten einfachen Lösungen nicht funktionieren.

Dass Menschen im Alltag nicht nach komplexen Erkenntnissen der Wissenschaft entscheiden, finde ich weder erstaunlich noch verwerflich. Es wäre aber das falsche Signal, als Politiker, Journalist oder Wissenschaftler darauf mit vereinfachten, frohen Botschaften zu reagieren. Das wäre unlauter, unglaubwürdig und würde wenig nützen: Auch die Bestätigung, dass etwas objektiv viel besser läuft, als wir Menschen es wahrnehmen, ändert nämlich nichts daran: Wir nehmen das als wahr an, was wir wahrnehmen. Positive Rückmeldung – gerade von Mächtigen – kann da wenig ausrichten (Jungermann/Pfister/Fischer: Die Psychologie der Entscheidung, 2010).

Ortwin Renn ist Soziologe und leitet seit Februar 2016 das Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) in Potsdam. Er hat zwei Bücher über die Wahrnehmung von Risiken geschrieben, zuletzt: "Das Risikoparadox: Warum wir uns vor dem Falschen fürchten".

Gerade jetzt sollten wir alle uns die Fallstricke der eigenen Wahrnehmung und die Mechanismen der Manipulation vor Augen führen. So hat jeder die Chance, zu erkennen, wann er in die Irre geführt wird und wann er eine wahrheitsgemäße und ehrliche Lagebeschreibung erhält.

Wie sich die Wahlen 2017 entscheiden, hängt nicht nur davon ab, was wir an Terror, Armut, Integrationsbemühungen und politischen Krisen erleben werden, sondern auch davon, ob es uns gelingt, unser Immunsystem gegenüber falschen Versprechungen von Populisten zu stärken. Allerdings ist das anstrengend. Sowohl für diejenigen, die Informationen vermitteln, als auch für diejenigen, die sie aufnehmen. Vielleicht ein guter Vorsatz fürs neue Jahr, es zu versuchen. Herr Geiger, haben Sie eine Idee, wie wir konkret damit anfangen können?

"Soziale Medien brauchen echte Journalisten"

Daniel Geiger, Betriebswirtschaftler

Der Professor für Organisation an der Universität Hamburg erforscht unter anderem, wie Organisationen Wissen generieren, verarbeiten und beurteilen.

"Soziale Medien brauchen echte Journalisten"

Dazu müssen wir als Erstes Wissen von Vermutungen oder bewusst falschen Nachrichten unterscheiden. Nur wie? In der Wissenschaft müssen Erkenntnisse einer Überprüfung standhalten – durch andere Wissenschaftler, die Ergebnisse und Studien prüfen, die Methodiken hinterfragen, Experimente wiederholen, Gegenthesen publizieren und so weiter – und durch Journalisten, die aufdecken und öffentlich machen, wo Forscher finanziell verstrickt sind, unkorrekt arbeiten oder Studien mit unerwünschtem Ergebnis zurückhalten. Die Kriterien, nach denen das abläuft, müssen transparent und Gegenstand von Auseinandersetzungen sein. Zwar lässt sich auch Forschung im Einzelfall manipulieren, doch das Prinzip hat sich bewährt, um brauchbares Wissen zu erlangen. 

Daniel Geiger © privat

Erzählungen hingegen gewinnen an vermeintlicher Wahrheit schlicht dadurch, dass sie weitergetragen werden, weil sie emotional ergreifend und spannend sind. So erfährt eine nachweislich falsche Geschichte etwa über Kinderpornoringe in Pizzerien mehr Aufmerksamkeit als eine faktenreiche Debatte zur Krankenversicherung. Hier gilt es anzusetzen: Wir sind als "Wissensgesellschaft" darauf angewiesen, Wissen einer Prüfung entlang von Argumenten, die anhand transparenter Kriterien beurteilt werden, zu unterziehen.

Dies bedeutet nicht, dass Wissen nicht umstritten sein und sich als falsch herauskristallisieren kann. Praktisch findet eine solche Prüfung ständig statt, wenn beispielsweise Ärzte um die richtige Diagnose ringen oder Journalisten entscheiden, welche Nachrichten sie verbreiten und welche nicht. Dasselbe müssen wir von den Betreibern sozialer Netzwerke fordern. Die Beurteilung von Wissen darf man nicht Algorithmen überlassen, die einer kommerziellen Logik folgend denjenigen Geschichten, die die meiste Aufmerksamkeit erfahren, den höchsten Stellenwert einräumen. Die Verbreitung von Informationen sollte stattdessen entlang öffentlich diskutierter, transparenter Kriterien erfolgen. So müssen Quellen geprüft, Fakten gecheckt und Diskussionen moderiert werden, während gleichzeitig Meinungsfreiheit ohne Zensur möglich sein muss. All dies kann kein Algorithmus allein – dazu braucht es ausgebildete Journalisten und Kontrollgremien. Was wir in anderen Bereichen der Gesellschaft selbstverständlich erwarten, sollten wir auch hierfür einfordern. Ein Vorsatz für 2017 könnte sein, sich politisch dafür einzusetzen.

Protokolle: Dagny Lüdemann