Eigentlich ist der Winter an allem schuld. Als Buffalo Bill vor genau 100 Jahren, am 10. Januar 1917, an Nierenversagen stirbt, ist es kalt in Denver, Colorado. Nachts bis zu minus 26 Grad Celsius. Schnee, metertief, hat eine dicke weiche Decke über die Rocky Mountains westlich der Stadt gebreitet. Noch im März kommt die Temperatur kaum über die Null-Grad-Marke. Der Boden hier, 1.600 Meter über dem Meer, ist tiefgefroren, betonhart. So entscheidet Buffalo Bills Witwe Louisa, mit der Beerdigung ihres Mannes zu warten. Es werden fünf Monate, die der Leichnam des Büffeljägers im Keller des Bestattungsunternehmers Olinger verbringt. Und hier ist es auch, wo die Gerüchte, Verschwörungstheorien und Lügen um den toten Wild-West-Star ihren Ausgangspunkt haben.

Um 1900 ist William Frederick Cody, wie er wirklich heißt, der berühmteste und meistfotografierte Mensch der westlichen Welt. Nach Jugendjahren als Goldsucher, Pony-Express-Reiter und Armee-Scout hatte er sich als Büffeljäger bei der Eisenbahngesellschaft Kansas Pacific verdingt. Der Job: Bahnarbeiter mit Fleisch zu versorgen. Er erlegt binnen 18 Monaten 4.280 Bisons. Bei einem Wettjagen schafft er es gar, an einem Tag 68 Tiere zu töten. Um seine Person bildet sich ein Kult, angefacht von Autoren, die Groschenromane und Theaterstücke über ihn schreiben. Die Gestalt "Buffalo Bill" ist geboren – aus wirklichen Taten, Aufschneidereien und der Fantasie sensationsheischender Schundschreiber.

Der Mann, der den Wilden Westen erfand

1883 startet er Buffalo Bill's Wild West, ein zirkusähnliches Spektakel mit Lasso schwingenden Cowboys, bezaubernden Kunstschützinnen, tanzenden Indianern, Postkutschenverfolgungsfahrten und Tomahawk-Kämpfen. Die Truppe mit mehr als 500 Darstellern und über 100 Pferden und Bisons tourt erst durch die USA, später durch Europa. Es wird ein dreißig Jahre langer Triumphzug, mehr als zwölf Millionen Menschen geben Wochenlöhne aus, um Romantik und Exotik des Wilden Westens – oder dem, was sie dafür halten – zu erleben. "Der König der Prärie" ist auf dem Höhepunkt seiner Karriere so populär wie Elvis, Lionel Messi und Obama zusammen. Als er im Alter von 71 Jahren stirbt, senden der deutsche Kaiser Wilhelm II., Englands König George V. und US-Präsident Woodrow Wilson Kondolenznoten.

Womit wir wieder im Keller von "Olinger's Mortuary" im Eis-Winter 1917 sind. Als bekannt wird, dass Codys Witwe ihn auf dem Lookout Mountain nahe Denver beerdigen will, macht sich im Örtchen Cody in Wyoming, 650 Kilometer nördlich von Denver, Unmut breit. Hatte nicht William Frederick Cody 1906 verfügt, er wolle nahe des von ihm gegründeten und nach ihm benannten Orts seine letzte Ruhe finden?

In einem später verfassten Testament überließ der spitzbärtige Held die Entscheidung jedoch seiner Witwe. Die wählte Colorado. Buffalo Bills in Cody lebende Nichte hielt dagegen: Er habe immer darauf bestanden, in Cody beerdigt zu werden. Die Stadt Denver habe die Witwe mit 10.000 Dollar bestochen. Das lässt den Streit eskalieren: Anschuldigungen folgen, Lügenvorwürfe, Drohungen. Schließlich kündigen Bürger Wyomings an, den Leichnam mit Gewalt zurück nach Cody zu bringen. Denver reagiert mit Aufrüstung: Bewaffnete Wachmänner stehen von nun an in der Leichenhalle.

10.000 Dollar Prämie für den Leichendieb

Irgendwann aus dieser Zeit stammt auch das Gerücht, eine Bande um einen Bestatter aus Wyoming habe den Leichnam mit Hilfe eines korrupten Wächters aus dem Sarg gestohlen und ihn gegen die präparierte Leiche eines ähnlich aussehenden Obdachlosen ausgetauscht. "Bullshit", sagt Buffalo-Bill-Biograf Steve Friesen: "Auf der Beerdigung im Juni 1917 zogen Tausende an seinem Sarg vorbei, darunter seine engste Familie. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass niemandem aufgefallen wäre, dass da ein anderer Mann im Sarg ist." Natürlich ist Friesen parteiisch, er leitet das Buffalo Bill Museum and Grave nahe Denver.