Saufen bis zum Darmkrebs

Erst war es das Partybier zum locker werden. Dann das Konterbier, um den Kopfschmerz am nächsten Morgen zu betäuben. Irgendwann war Alkohol für Silvio Griesert wie Medizin. Und dann war es zu spät. Er wird zum Alkoholiker.

25 Jahre wird der Alkohol sein täglicher Begleiter. Trotzdem macht Griesert Karriere im Metallbau, steigt auf bis zum stellvertretenden Fertigungsleiter. Er ist ein Beispiel dafür, wie leicht man von Alkohol abhängig werden kann – und wie schwierig es ist, wieder davon loszukommen.

Gleich nach der Wende kommt Griesert, der heute am südlichen Rand des Ruhrgebiets in Ennepetal wohnt, für einen Job in den Westen. Am zweiten Tag stellt ihm ein Kollege um 9 Uhr morgens eine Bierflasche auf die Maschine. Griesert merkt: Alkohol gehört dazu und unterdrückt die Schmerzen vom langen Stehen.

Im nächsten Job ist Alkohol verboten. Also fährt Griesert in der Mittagspause nach Hause. Zehn Minuten hin, zehn Minuten mit dem Hund raus, zehn Minuten zurück. Das reicht ihm für drei Bier. Der Alkohol sorgt dafür, dass Griesert funktioniert.

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Irgendwann fährt Griesert fast nur noch angetrunken Auto. Abends daheim steht das Bier schon kalt. "Ich habe dann eins nach dem anderen geholt, getrunken, auf dem Tisch aufgebaut." Zwischen den leeren Bierflaschen stehen die Kümmerlinge und Underbergs, die er zwischendurch kippt. Bis er schließlich auf dem Sofa einschläft. "Meistens bin ich auf der Couch wach geworden, vor dem leeren Haufen Dosen und Flaschen. So bin ich dann in den Tag gestartet."

Griesert gerät in eine Spirale, in der viele Alkoholiker sich irgendwann wiederfinden. Er trinkt. Dann geht es ihm nicht gut, weil er getrunken hat. Also trinkt er wieder. Dass diese Entwicklung nur eine Richtung kennt, verdrängt er. "Du bist doch kein Alkoholiker", denkt er sich. Schließlich funktioniert er ja noch. "Du gehst doch arbeiten, machst Überstunden, gehst anschließend noch ins Fitnessstudio. Das kann nicht sein, dass Du Alkoholiker bist. Du stehst doch mitten im Leben."

Man sagt heute, dass Alkohol mehr als 200 Krankheiten oder Symptome auslösen kann
Helmut Seitz, ärztlicher Direktor des Klinikum Salem in Heidelberg

Doch irgendwann werden die Folgen seiner Alkoholabhängigkeit spürbar. Täglich nimmt er sich vor, wenigstens einen Tag ohne Alkohol auszukommen. Und greift abends wieder zur Flasche. Vor dem Einschlafen denkt er: "Lieber Gott, lass mich bloß nicht wieder aufwachen, das ist ein Kreislauf, da komme ich nicht mehr raus."

Nach einem Betriebsfest im Sommer 2009 spricht ihn ein Kollege an. "Silvio, Du solltest etwas an Deinem Trinkverhalten ändern." Griesert geht zum Betriebsarzt, danach zur Entgiftung und 16 Wochen in stationäre Therapie. Ihm wird klar, dass der Alkohol seine Probleme nur zugedeckt hat. Seitdem ist er trocken.

Hohe Kosten

Wie für Griesert gehört Alkohol für viele Deutsche zum Alltag. Das kostet nicht nur Menschenleben, sondern auch richtig viel Geld. Fehltage am Arbeitsplatz, ärztliche Behandlungen, Polizeieinsätze. 60 Milliarden Euro kostet das unsere Gesellschaft jedes Jahr, hat im vergangenen Jahr die Universität Hamburg hochgerechnet. Statistisch gesehen trinkt jeder erwachsene Deutsche durchschnittlich 130 Liter alkoholische Getränke im Jahr. Eine ganze Badewanne voll. Zu viel, sagen Experten.

Bis heute haben Bier, Wein und Spirituosen ein vergleichsweise gutes Image. Dabei wissen wir seit Jahrzehnten, dass Alkohol gefährlich ist. Er ist "ein Zellgift und trifft jede Zelle des menschlichen Körpers", sagt Professor Helmut Seitz, ärztlicher Direktor des Klinikum Salem in Heidelberg und einer der angesehensten Alkoholforscher weltweit.

"Man sagt heute, dass Alkohol mehr als 200 Krankheiten oder Symptome auslösen kann – oder Krankheiten, die bereits bestehen, verschlechtern", sagt Seitz. Schon geringe Mengen können Darm- und Brustkrebs auslösen. Ein viertel Liter Wein am Tag erhöht zum Beispiel das Risiko für Brustkrebs um 25 Prozent. Für den Professor ist die wissenschaftliche Datenlage eindeutig. Umso mehr wundert sich Seitz darüber, dass es immer wieder Studien gibt, die das Gegenteil behaupten. Je mehr Menschen eingeredet wird, dass Alkohol gesund ist, desto höher der Umsatz.

Im Zentrum all dieser Interessen: die Politik

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ZEIT ONLINE arbeitet mit dem Global Drug Survey zusammen, der weltweit größten Umfrage unter Drogennutzern. Mehr als 70.000 Alkoholtrinker gaben an, wie sie negative Folgen zu verringern versuchen. Zusammen mit Suchtexperten sind daraus Tipps zum Konsum entstanden.

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#1 – Besser ganz lassen ...

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#1 – Besser sein lassen ...

... machen aber nur die wenigsten.

Keine Droge gehört so selbstverständlich dazu wie Alkohol. Selbst Jugendliche kommen trotz Verbot leicht an Bier, Wein und Schnaps. 1,3 Millionen Deutsche sind abhängig, 9,5 Millionen übertreiben es meist, 74.000 sterben jährlich an den Folgen.

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Der männliche Körper verträgt Alkohol besser. Er hat prozentual mehr Muskelzellen. Deshalb wird mehr Wasser gebunden als im weiblichen Körper. Trinkt ein Mann die gleiche Menge wie eine Frau, verdünnt sich der Alkohol stärker. Allerdings: Männer neigen deutlich häufiger zum Rauschtrinken.

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Die Industrie fördert ihre eigene Forschung. Ein Beispiel ist ERAB, eine von der Alkoholindustrie gegründete und finanzierte Organisation: The European Foundation for Alcohol Research. Die europäischen Brauerverbände und die vier großen Brauereien Carlsberg, Heineken, Anheuser Busch und SABMiller geben für ERAB insgesamt eine halbe Million Euro pro Jahr. Seit der Gründung hat ERAB rund sechs Millionen Euro investiert und damit 86 Forschungsprojekte finanziert. Die Alkoholindustrie nennt das eine Förderung "auf Armlänge". Das soll die Interessenkonflikte vertuschen.

Internationale Studien haben in den vergangenen Jahrzehnten gezeigt, was Menschen dazu bringt, weniger zu trinken: Höhere Preise, weniger Werbung und kein Alkoholverkauf mehr rund um die Uhr (RAND Europe, 2009 & Sucht: Morgenstern et al., 2015 & Alcohol in in the European Union: Anderson et al., 2012).* Politiker müssten sich dafür entscheiden, die Gesundheit der Bürger über den Umsatz der Alkoholindustrie zu stellen.

DFB und "Bild": Unheilige Allianz für den Alkohol

Das bislang letzte Mal, dass eine Politikerin gegen die Alkoholindustrie vorging, ist nun fast acht Jahre her. Damals war Sabine Bätzing Drogenbeauftragte. Sie hat dafür gekämpft, dass die Deutschen weniger trinken – und wurde ausgebremst von der Industrie. Allen voran vom Bayerischen Brauerbund, der damals zahlreiche Verbindungen in Politik und Wirtschaft nutzte, um Bätzings Plan abzuschmettern. 

Gegen Sabine Bätzing wurde eine Kampagne geführt. Angeblich hat Bätzing in dieser Zeit sogar anonyme Morddrohungen erhalten. Darüber sprechen möchte Bätzing heute nicht mehr. Ein Interview dazu lehnt sie ab. Der Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Brauerbundes, Lothar Ebbertz, schreibt auf Anfrage, sein Vorgehen gegen die Vorschläge Bätzings sei "sach- und interessengerecht" gewesen.

Der einzelne Trinker hat keine Lobby. Die Industrie schon. In Europa hängen geschätzte 750.000 Jobs am Alkohol (Alcohol in Europe: Anderson & Baumberg, 2006). Dazu kommen der Einzelhandel, die Gastronomie, der Sport, die Werbebranche und damit auch die Medien. Im Zentrum all dieser Interessen: die Politik.

Vermutlich auch deshalb haben sich die Regeln für Alkohol bis heute nicht verschärft. Seit Sommer 2015 gilt zwar bundesweit ein neues Präventionsgesetz. Darin steht das große Ziel: Alkoholkonsum reduzieren. Was aber nicht im Gesetz steht: Wie? Festlegen soll das eine Arbeitsgruppe. Besonders im Fokus: drei Maßnahmen, die auch schon die ehemalige Drogenbeauftragte der Bundesregierung Sabine Bätzing forderte. Weniger Werbung, höhere Preise und eingeschränkte Verfügbarkeit von Alkohol.

Reporter von ZDFzoom und correctiv.org haben diese Arbeitsgruppe in den vergangenen eineinhalb Jahren begleitet, immer wieder mit den beteiligten Experten gesprochen. Die Arbeit geht langsam voran. Wohl auch, weil die Arbeitsgruppe nicht nur aus Experten besteht. Neben Ärztevereinigungen, Krankenkassen oder Suchtexperten sitzen auch vier Vertreter von Ministerien in der Arbeitsgruppe: Gesundheit, Familie, Ernährung und Wirtschaft. Und wenn den Ministerien eine Textpassage nicht passt, kann diese nicht in den Abschlussbericht.

Übernimmt die Regierung die Positionen der Industrie?

Die Bundesregierung macht sich nach Recherchen von correctiv.org und ZDFzoom offenbar die Interessen der Industrie zu eigen. Zwar sitzt die Industrie offiziell nicht mit am Tisch. Dennoch hat sie offenbar Zugriff auf den Stand der Beratungen. Und versucht schon jetzt, Einfluss auf die Gespräche zu nehmen. Das legen Dokumente nahe, die die Journalisten mit Hilfe des Informationsfreiheitsgesetzes erhalten haben. Zu den Unterlagen gehören zwei Briefe an das Bundeswirtschaftsministerium.

Am 17. September 2015 schrieb der Deutsche Brauer-Bund an das Wirtschaftsministerium. "Uns liegt nunmehr der überarbeitete Entwurf für die sogenannten Gesundheitsziele vor", beginnt der Brief. Er sieht schon den Titel der Arbeitsgruppe kritisch: "Alkoholkonsum reduzieren". Die Brauer wollen neue Verbote verhindern.

So fordern die Brauer zum Beispiel, lieber mehr auf Prävention zu setzen, als die Steuern für Alkohol zu erhöhen. Auch der Verkauf von Alkohol und die Werbung sollten nicht eingeschränkt werden. "Wir würden uns freuen, wenn es möglich wäre, unsere Argumente in der weiteren Diskussion zu berücksichtigen," endet der Brief.

Einen Tag später wendet sich auch der Bundesverband der Deutschen Spirituosen-Industrie an das Ministerium. Die Briefe scheinen aufeinander abgestimmt zu sein. Beide Lobbygruppen freuen sich, dass "einige der im Sommer bereits erörterten Kritikpunkte offenbar aufgegriffen wurden.

30 Minister-Kontakte mit der Alkohol-Industrie

Der Deutsche Brauer-Bund schreibt auf Anfrage: So wie sich das ZDF etwa zu Fragen des Rundfunkbeitrags einbringe, "äußert sich der Brauerbund zu aktuellen Fragen der Alkoholpolitik. Deshalb hat sich der DBB natürlich auch zu den geplanten Gesundheitszielen geäußert."

Bei Ihrer Lobbyarbeit belassen es die Alkohol-Vertreter nicht bei Briefen. Regelmäßig werden Spitzenpolitiker und Beamte zu Treffen mit der Industrie eingeladen. Bundesernährungsminister Christian Schmidt zum Beispiel trifft sich häufig mit Vertretern der Wein- und Bierindustrie oder hält Grußworte auf deren Veranstaltungen. Zum Beispiel auf der Eröffnung des Heilbronner Weindorfes oder bei der Jungweinprobe des Weinbauvereins Ipsheim in Franken. Seit Beginn der Legislaturperiode, in 2013, hatte Schmidt rund 30 solcher Kontakte mit der Alkoholindustrie.

Die Einflussnahme der Alkoholindustrie hat offenbar Erfolg. Denn die Bundesregierung verhindert in der Arbeitsgruppe härtere Regeln. ZDFzoom und correctiv.org haben mehrere Schreiben aus der Arbeitsgruppe zugespielt bekommen. Diese zeigen, dass vor allem das Wirtschaftsministerium sowie das Ernährungs- und Landwirtschaftsministerium von Christian Schmidt entscheidende Formulierungen blockieren, die den Alkoholkonsum in Zukunft einschränken könnten.

Klares Veto gegen zu starke Regulierung

In einem Entwurf für das bis heute nicht fertig gestellte Abschlussdokument der Arbeitsgruppe widerspricht die Regierung mehreren Formulierungen der Gesundheitsexperten. Der Entwurf ist von Februar 2016, etwa ein halbes Jahr nach den Lobbybriefen an das Ministerium. Ein Beispiel ist die Formulierung "Der Verkauf von Alkohol an Tankstellen und in Supermärkten wird beschränkt". Sie wurde vom Bundeswirtschaftsministerium gestrichen. Das schreibt: "Alles darüber hinausgehende wird vom BMWi nicht mitgetragen." Ein klares Veto gegen zu starke Regulierung. Gleich darunter unterstützt das Ernährungsministerium das Veto der Kollegen.

Auch in anderen Kapiteln orientiert sich die Regierung bei den Diskussionen erstaunlich nah an den Positionen der Industrie. Während zum Beispiel die Bundesärztekammer, die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen und der Fachverband Sucht eine harte Regulierung von Alkoholwerbung verlangen, setzt das Wirtschaftsministerium voll auf die Selbstkontrolle der Industrie. Fazit: Im Wesentlichen soll alles so bleiben wie es ist. Kaum Einschränkungen bei der Verfügbarkeit von und Werbung für Alkohol, keine höheren Preise.

Die Gesundheitsexperten in der Arbeitsgruppe sind zum Teil frustriert über die Arbeit und den Widerstand der Ministerien. "Bei uns hat man den Eindruck, dass die Wirtschaft überall sehr dominant ist", sagt Gabriele Bartsch, die stellvertretende Geschäftsführerin der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen. "Und dass die unternehmerischen Interessen doch sehr im Vordergrund stehen."

Professor Ulrich John von der Universität Greifswald beklagt, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse in der Gesundheitspolitik nicht Ernst genug genommen würden. Erkenntnisse der Forscher hätten "natürlich eine andere Qualität, als wenn jemand über das Trinkverhalten seines Nachbarn berichtet." Dennoch würden im politischen Prozess alle Interessenverbände auf eine Ebene gestellt. "Und das ist etwas, das aus Sicht der Forschung schlicht nicht geht."

Erfolgreiche Lobby

ZDFzoom und correctiv.org haben alle vier beteiligten Ministerien für Interviews vor der Kamera über die offensichtlich erfolgreiche Lobbyarbeit der Industrie angefragt. Keines wollte ein Interview geben. Nur das Bundesgesundheitsministerium teilte schriftlich mit, dass alle Beteiligten Änderungen vorschlagen könnten, die Arbeit am Gesundheitsziel "Alkoholkonsum reduzieren" aber noch nicht abgeschlossen sei. Die Drogenbeauftragte Marlene Mortler ging auf konkrete Fragen dazu nicht ein.

Die Industrie verhindert mit ihrer Lobbyarbeit, dass Alkohol härter reguliert wird. Und die laschen Regeln, die es derzeit gibt, werden nicht konsequent umgesetzt – geschweige denn ausreichend kontrolliert.

*Weitere Quellen sind: Alcohol Research and Health: Chaloupka, Grossmann & Saffer, 2002 / Science Group of the European Alcohol and Health Forum, 2009 / Anderson, 2007 / Haustein, Pohlmann & Schreckenberg. 2004. 

Aus dieser Recherche ist auch eine Reportage bei ZDFzoom entstanden – zu sehen in der ZDF-Mediathek.

Die Autoren arbeiten für das Recherchezentrum CORRECT!V. Die Redaktion, mit der ZEIT ONLINE kooperiert, finanziert sich nur über Spenden und Mitgliedsbeiträge. Ihr Anspruch: Mit gründlicher Recherche Missstände aufdecken und unvoreingenommen darüber berichten. Mehr zu der Alkoholrecherche lesen Sie unter correctiv.org.