"Biohacking ist geradezu ein Sport unter Studenten" – Seite 1

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ZEIT ONLINE: Wir leben in einer Zeit großer Veränderungen – Klimawandel, künstliche Intelligenz (KI), Genome Editing. Welche wird die größten Konsequenzen haben?

Sir Martin Rees: In den nächsten zehn bis zwanzig Jahren wird es der rasante Fortschritt in der Biotechnologie sein. Schon jetzt zeigt sich: Es wird einfacher, das Genom zu verändern. Es wurden auch schon Experimente mit dem Influenza-Virus gemacht, die es virulenter und ansteckender werden ließen.* Solche Methoden bieten enorme Vor-, aber leider auch Nachteile: Sie sind einfach zugänglich und anzuwenden. Biohacking ist inzwischen geradezu ein Sport unter Studenten.

Sir Martin Rees ist seit 1995 Königlicher Astronom der Queen und seit 2004 Professor für Kosmologie und Astrophysik an der Uni Cambridge. Von 2005 bis 2010 war er Präsident der Royal Society. Nachdem er 1992 für seine Leistungen zum Ritter geschlagen wurde, bekam er 2005 den Titel Baron Rees of Ludlow. © Ruben Sprich/​Reuters

Das birgt ein beträchtliches Risiko für Pannen oder Missbrauch durch Terroristen, während es schwierig ist, so etwas zu kontrollieren. Selbst wenn es Regeln für einen sicheren Umgang gibt, bleibt die Frage: Wie können wir diese weltweit durchsetzen? Ich bin da eher pessimistisch und denke: Wenn's geht, macht's auch einer, jenseits aller Vorschriften.

ZEIT ONLINE: Das erinnert an Filme wie den Hollywood-Blockbuster Inferno, in dem ein Verrückter die halbe Menschheit mithilfe eines Virus sterilisieren will.

Rees: Das ist ein wahrscheinliches Szenario. Wir bewegen uns auf ein Zeitalter zu, in dem kleine Gruppen globalen Einfluss haben können, wie ich schon in meinem Buch Our Final Century vor 13 Jahren hervorgehoben habe. Es gab schon immer Dissidenten und Terroristen, aber ihre Zerstörungskraft hatte stets Grenzen. Diese haben sich mit den neuen Bio- und Cybertechnologien stark verschoben. Durch diese Bedrohung wird es größere Spannungen geben, was den Frieden, die Sicherheit und die Privatsphäre angeht.

ZEIT ONLINE: Blicken Sie optimistischer auf die Entwicklung von künstlicher Intelligenz?

Rees: Auf lange Sicht müssen wir uns über KI und darüber, dass Maschinen zu viel lernen, sorgen. Auf kurze Sicht beschäftigt uns der Arbeitsmarkt. Er bricht ein, weil Roboter Jobs übernehmen – nicht nur Fabrikarbeit, sondern auch hochqualifizierte Tätigkeiten wie medizinische Diagnostik und sogar Operationen. Tatsächlich lassen sich Jobs wie Gärtnern und Klempnern deutlich schwieriger automatisieren.

Wir müssen diese große Veränderung akzeptieren. Um sicherzustellen, dass die Ungleichheit in der Bevölkerung nicht noch wächst, müssen Gewinne anders verteilt werden: Das Geld, das Roboter verdienen, darf nicht bloß an eine kleine Elite gehen – Menschen aus dem Silicon Valley etwa. Es müsste vielmehr ehrwürdige, sichere Jobs finanzieren, vorzugsweise im öffentlichen Bereich – Lehrassistenten, Gärtner in Parks, Aufseher und solche Sachen.

ZEIT ONLINE: Zu welchen mentalen Leistungen werden Roboter in Zukunft fähig sein?

Rees: Es wird noch lange dauern, bis sie können, was Menschen können. Vielleicht wird das nie passieren. Doch das maschinelle Lernen – möglich dank der stetig steigenden Leistung von Computern – ist ein echter Durchbruch. So lernen Maschinen viel über die Welt. Falls diese Computer eines Tages ihre Box verlassen, könnten sie eine Bedrohung darstellen.

ZEIT ONLINE: Wird künstliche Intelligenz Innovation und Ideen vorantreiben?

Rees: Bedeutende Fortschritte in der Wissenschaft sind meist auf neue Beobachtungen zurückzuführen, die wiederum erst dank neuer technologischer Entwicklungen möglich geworden sind. Mal ist es Glück, mal passiert es, weil Menschen verschiedener Disziplinen ihre Ideen zusammenwerfen, und manchmal, weil sie sich auf ein Problem konzentrieren, das bis dahin als zu schwierig galt und deshalb keine Aufmerksamkeit bekommen hat.

"Der Missbrauch von Wissenschaft ist problematisch"

ZEIT ONLINE: Einige Politiker wenden sich von Globalisierung und Digitalisierung ab. Driften Wissenschaft und Gesellschaft auseinander?

Rees: Wenn Wissenschaft missbraucht wird, ist das problematisch. Ebenso, dass die Gewinne der Forschung ungleich verteilt sind. Es gibt Menschen, die nicht davon profitieren: Der Wohlstand und das Einkommen des durchschnittlichen Arbeiters – in den USA und Europa – sind in den vergangenen zwanzig Jahren nicht gestiegen. In vielerlei Hinsicht ist ihr Wohlstand sogar zurückgegangen. Die Jobs dieser Menschen sind unsicherer und es gibt insgesamt mehr Arbeitslosigkeit.

ZEIT ONLINE: Die Globalisierung hat doch aber viele arme Menschen weniger arm und wenige reiche Menschen noch reicher gemacht.

Rees: Sicher. Doch dass wir vielerorts eine politische Gegenbewegung beobachten, siehe Brexit und die Wahl in den USA, sollte ebenfalls thematisiert werden.

"Manches entwickelt sich schneller, als wir es kontrollieren könnten."

ZEIT ONLINE: Wie sehr werden diese Entwicklungen die Wissenschaft beeinflussen, die Haltung ihr gegenüber und ihre Finanzierung?

Rees: Viele Menschen, die moderne Technologie wie Handys nutzen, sind sich der immensen Fortschritte nicht bewusst. Sie wissen sie aber zu schätzen. Diese Leute deshalb als wissenschaftsfeindlich bezeichnen? Ein unfairer Vorwurf. Manches entwickelt sich eben schneller, als wir es kontrollieren könnten. Deshalb machen viele Menschen sich Sorgen.

ZEIT ONLINE: Allerdings hegen viele zunehmend Zweifel, welche Fakten relevant und wie sie zu deuten sind.

Rees: Um diese Haltung zu verstehen, müssen wir einsehen, dass es nicht viele Fakten gibt, die absolut sicher sind. Zumeist gibt es gute Gründe für Zweifel. Die meisten ökonomischen Vorhersagen beispielsweise haben eine ziemlich magere Bilanz, da darf man nicht von Fakten sprechen. In der Brexit-Debatte gab es auf beiden Seiten durchaus zahlreiche haltbare Argumente. Der Öffentlichkeit können Sie nicht vorwerfen, skeptisch zu sein.

Gleiches gilt für das Thema Klimawandel. Es stimmt, dass manche Menschen verleugnen, was belegt ist. Doch die Details sind ungewiss. Selbst jene, die über die Veränderungen einig sind, sind unterschiedlicher Meinung bezüglich der nötigen Politik. Etwa: Wie viele Einschränken sind wir gewillt hinzunehmen, um das Leben künftiger Generationen zu vereinfachen?

"In der Sowjetunion gab es einige der besten Mathematiker."

ZEIT ONLINE: Mit Donald Trump als US-Präsident fürchten viele Wissenschaftler um ihre Karrieren, vor allem die, die den Klimawandel erforschen. Wie sehr beeinflusst Politik die Forschung?

Rees: In der Sowjetunion gab es einige der besten Mathematiker und Physiker, auch weil deren Arbeit auf den Gebieten zu militärischen Zwecken vorangetrieben wurde. Sie empfanden zudem eine größere intellektuelle Freiheit als in anderen Bereichen, weshalb damals so viele Top-Intellektuelle in die Mathematik und Physik gingen wie zu keiner anderen Zeit.

ZEIT ONLINE: Die Haltung einer Regierung ist also kein bestimmender Faktor für gute Wissenschaft?

Rees: Wissenschaftler haben eine besondere Verantwortung dafür, die Folgen ihrer Arbeit im Blick zu haben. Auch wenn sie nicht unbedingt kontrollieren können, wie ihre Forschung angewendet wird, sollte es sie interessieren. Und sie sollten alles dafür tun, dass ihre Ideen zum Vorteil der Menschheit eingesetzt wird, nicht um ihr zu schaden. Analog gesagt: Wenn Sie Teenager haben, können Sie vielleicht nicht ständig kontrollieren, was die machen. Doch Sie wären schlechte Eltern, wenn es ihnen egal wäre.

*Bei den Supervirus-Versuchen – ZEIT ONLINE berichtete – geht es darum, gefährliche Mutationen von Viren zu simulieren, um besser zu verstehen, wann, wie und warum zunächst harmlose Grippeviren in der Natur plötzlich bedrohlich werden.

Eine längere Version dieses Interviews von Alexander Görlach ist auf Englisch auf "The World Post" erschienen.