ZEIT ONLINE: Donnerstagabend hat ein Mann im Düsseldorfer Hauptbahnhof mit einer Axt um sich geschlagen. Der mutmaßliche Täter habe sich in einer "psychischen Ausnahmesituation" befunden. Was bedeutet das?

Jens Hoffmann: Das wüsste ich auch gern. Das ist ein ungewöhnlicher Begriff, der sehr viel Interpretation zulässt.

ZEIT ONLINE: Später hieß es, der Mann habe vermutlich eine paranoide Schizophrenie

Hoffmann: Dabei handelt es sich um eine schwere psychische Erkrankung. Tatsächlich haben Studien von Kollegen und mir zuletzt gezeigt, dass ein Drittel aller Amoktäter in Deutschland psychisch krank war und zumeist unter paranoiden Psychosen litt. Wer solch eine Krankheit hat, fühlt sich von anderen verfolgt. Die Täter wurden oft gewalttätig, weil sie sich bedroht fühlten und handelten nach ihrem Eindruck also aus Notwehr.


Jens Hoffmann ist Diplom-Psychologe am Institut Psychologie & Bedrohungsmanagement in Darmstadt. © IPB

ZEIT ONLINE: Psychisch Kranke neigen also zu Gewalt? Gilt es, sich vor Menschen mit einer psychischen Erkrankung zu schützen?

Hoffmann: Keinesfalls. Menschen mit psychischer Erkrankung sind doch nicht per se gefährlich. Psychisch Kranke werden nicht häufiger gewalttätig als psychisch gesunde Menschen. Viele der Täter aber haben eine Art Persönlichkeitsstörung. Das heißt, sie sind sehr unflexibel in ihrer Sicht auf die Welt. Wer eine narzisstische Störung hat, fühlt sich schnell gekränkt. Menschen mit einer paranoiden Persönlichkeitsstörung hingegen denken, die anderen wären immer gegen sie. Bei schweren Gewaltdelikten sind Menschen mit einer paranoiden Psychose überrepräsentiert. Trotzdem: Die meisten Menschen mit einer paranoiden Psychose werden nie gewalttätig.

ZEIT ONLINE: Was ist mit den restlichen zwei Dritteln der Täter?

Hoffmann: Das waren Menschen, meist Männer, die verheiratet waren oder in einer Beziehung sind, sich aber immer ungerecht behandelt fühlten. Sie hatten im Alltag viele Konflikte, waren oft aggressive Persönlichkeiten. In der Regel begingen sie die Amoktat nach einem sich länger aufschaukelnden Konflikt, im Sinne einer letzten Abrechnung.