Kontra: "Wissenschaftler sollten politisch sein – aber nicht wegen Trump"

"Der March for Science sollte mich begeistern. Doch vielleicht ist er in der geplanten Form keine gute Idee. Obwohl der Grundgedanke ehrenhaft ist, sehe ich drei große Gefahren: Zuallererst bereitet mir die Politisierung von Wissenschaft Sorgen. Indem sich Wissenschaftler gegen Trump vereinen, bestärken sie mitunter die Narrative der Republikaner, Forscher seien eine Lobbygruppe und eben nicht überparteilich, wie sie selbst behaupten.

Zweitens wird in Zeiten von Fake-News und sogenannten alternativen Fakten Wissenschaft oft als objektive Instanz dargestellt, die Fakten und damit Wahrheiten produziert. So einfach ist es aber nicht. In einem weiteren Sinn sind Fakten objektive, überprüfbare Beobachtungen. Hypothesen und Theorien hingegen versuchen, diese Fakten in Beziehung zueinander zu setzen und können im Prinzip nicht endgültig verifiziert werden, sondern ausschließlich falsifiziert.

Johannes Müller studiert als Graduate Student Evidence-based Policy Evaluation an der University of Oxford. Dass Politik auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren sollte, ist sein Forschungsinhalt. © Johannes Müller

Ein Beispiel: Dass die Erdtemperatur auffallend rasant steigt, ist Fakt. Dass die Menschheit die Erderwärmung beschleunigt, ist eine Theorie. Auch wenn der überwältigende Anteil der Klimaforscher aufgrund ihrer Forschungsergebnisse überzeugt ist, dass es dringenden Handlungsbedarf gibt – endgültig beweisen lässt es sich nicht, dass der Klimawandel menschengemacht ist. Im Gegensatz zu alternativen Fakten gibt es also sehr wohl alternative Hypothesen.

Drittens gibt es ein falsches Bild von evidenz-basierter Politik, welches der Marsch schärfen würde. Es ist der Eindruck entstanden, das Gegenteil zu Trumps Politikstil wäre eine Politik, die auf Belegen und Beweisen aufgebaut und rational ist. Zwar ist es das Ziel evidenz-basierter Politikgestaltung, politische Entscheidungen zu versachlichen. Die Aufgabe von demokratisch gewählten Parteien jedoch ist es, zu entscheiden, auf welchen Hypothesen und Prioritäten Politik basiert – ein Prozess, der nicht von Ideologie frei gemacht werden kann und sollte. 


Ich meine damit nicht, dass wir Wissenschaftler nicht politisch sein sollen. Wir müssen weiter dafür werben, dass unsere Forschungsergebnisse in der Politik Gehör finden. Dass es konkurrierende Theorien gibt, heißt ja nicht, dass man diese gleichrangig behandeln sollte und politische Entscheidungen damit reine Glaubensfragen sind. Auch gilt es, die Erfolge und den Fortschritt der Wissenschaft zu feiern. Und wir sollten für die Werte von Transparenz, Unabhängigkeit und wissenschaftlicher Integrität streiten. Trump aber sollte nicht der Anlass dafür sein."

Redaktionelle Bearbeitung: Alina Schadwinkel