Mit Zahlen wird dem Statistik-Experten Walter Krämer zufolge häufig nachlässig und manipulativ umgegangen. "Oft ist es schlicht Unvermögen, häufig aber Absicht", sagte er der ZEIT. Krämers Kritik bezieht sich auf Präsentationen von Umfragewerten, Statistiken und Studienergebnissen, die in der Öffentlichkeit und in den Medien gezeigt werden. 

Der Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik an der Technischen Universität Dortmund prangert regelmäßig die "Unstatistik des Monats" an. Zuletzt waren darunter der Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands und die Berechnungsgrundlage des Equal Pay Day. Nach ihm basiere etwa die Annahme, Frauen müssten bis zum 18. März des Folgejahres arbeiten, bis sie so viel verdient hätten wie Männer im Vorjahr, auf einem falschen Vergleich und einem Rechenfehler. 

Die Berechnung des Wohlfahrtsverbandes hingegen erfasse überhaupt nicht den Faktor Armut, sondern lediglich die Ungleichheit in der Gesellschaft. "Es gibt eine Armutslobby. Die verdient Geld damit, dass Leute arm sind", sagte Krämer. Schon in den Vorjahren hatte der Experte dies öffentlich kritisiert – jedoch ohne Erfolg.

Der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der mit Krämer zusammenarbeitet, stellte in Deutschland einen verbreiteten 'statistischen Analphabetismus' fest. "Die Kinder sollten nicht nur die Mathematik der Sicherheit, sondern auch die der Unsicherheit lernen", sagte der Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung der ZEIT. Er forderte: Schulstoff solle nicht nur Algebra und Geometrie, sondern viel mehr Statistik sein. Und rät Leser, Hörer und Zuschauer: "Frag immer: 'Prozent von was?'"