Pablo Escobar guckt zu, während Mireia Ventura in einer Schublade kramt. Das Konterfei des legendären kolumbianischen Drogenbosses klebt auf ihrem Laptop. Ventura findet schließlich ein kleines Plastiktütchen, legt es auf den Tisch vor sich und schnippt es mit dem Finger an. Im Inneren sind drei kleine Blättchen, eines davon sieht aus wie ein schwarzes Auge. "LSD", sagt Ventura, "wir hatten diese Woche noch Kokain und MDMA".

Illegale Drogen sind Venturas Job. Die Toxikologin verarbeitet Stoff aus aller Welt, ihr Arbeitsplatz liegt im Erdgeschoss eines unscheinbaren Hauses im Zentrum Barcelonas. Während im Vorderzimmer junge Menschen hinter Computern sitzen oder Flyer in Boxen sortieren, bereitet ihr Team in einem kleinen Labor im Hinterzimmer die Proben für einen Drogentest vor. Es ist Dienstagmittag, Ventura hat die meisten Einsendungen vom Wochenende bereits in ein zweites, größeres Labor geschickt. Nur das LSD-Löschpapier liegt noch in der Schublade.

Energy Control heißt Venturas Arbeitgeber, der eine weltweit ungewöhnliche Dienstleistung anbietet: Gegen eine Gebühr von derzeit 70 Euro kann jeder anonym eine Probe nach Barcelona schicken (siehe Infokasten). Ganz gleich, ob es sich um LSD, MDMA, Kokain, Ketamin, Cannabinoide oder verschreibungspflichtige Medikamente wie Viagra handelt, alles wird auf seine Inhaltsstoffe geprüft. Ein Löschpapier, eine Pille oder etwa 20 Milligramm Pulver reichen den Testern, um ein eindeutiges Ergebnis zu erhalten. Die Resultate bekommen die Absender per E-Mail, inklusive Informationsmaterial und einem Rat, etwa: Gutes Zeug, bitte die Dosierung reduzieren. Oder: Mieses Zeug, besser komplett die Finger davon lassen.

Global Drug Survey 2018
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5.000 Drogentests pro Jahr

Seit 2014 bietet die Firma den internationalen Drogentest an, zuvor war das Projekt auf Spanien beschränkt. Nicht, weil es an Interesse gemangelt hätte; es lag an dem bürokratischen Aufwand. Erstens kosten die Tests mehr als 70 Euro, ein Teil des Budgets musste also für Zuschüsse verwendet werden. Das ist bis heute so. Zweitens gab es Hürden wie mögliche Zollkontrollen. Inzwischen wissen die Behörden über die Arbeit von Energy Control Bescheid. Drittens kannte sich niemand mit der Kryptowährung Bitcoin aus, mit der Verbraucher den Test anonym bezahlen können. "Bitcoin bereitet meinem Chef noch heute Kopfschmerzen, weil es keine richtige Währung ist und der Wert sich ständig ändert", sagt Ventura. "Wir müssen als gemeinnützige Organisation schließlich alle Einnahmen genau dokumentieren."

Rund 5.000 Proben testet Energy Control inzwischen pro Jahr, etwa 1.200 kommen aus dem Ausland. Das Projekt ist beliebt, die Kapazitäten nahezu ausgeschöpft. Vier fest angestellte Mitarbeiter testen in Barcelona, dazu kommen freiwillige Helfer, die sich um die Vorbereitung der Drogen kümmern. Im Hinterzimmerlabor packen sie die Einsendungen aus, wiegen sie aufs Milligramm genau, vermerken sie in einer Datenbank und füllen sie in Probengläser. Anschließend werden sie in ein zweites Labor in einem Biochemiepark in Barcelona gebracht.

Dort findet dann die genaue Analyse statt. Mit sowohl Gas- als auch Flüssigchromatografie trennen die Labormitarbeiter die einzelnen Inhaltsstoffe zunächst voneinander. Anschließend untersuchen sie mithilfe eines Massenspektrometers, in welcher Menge diese jeweils auftreten. Letztlich gleichen sie die Inhaltsstoffe mit internationalen Datenbanken ab, um sie zu identifizieren und bestätigen. Die Wissenschaftler können somit ziemlich genau sagen, wie viel MDMA tatsächlich in einer einzigen Ecstasypille steckt. Oder ob eine Kokainprobe durch andere Stoffe gestreckt oder verunreinigt wurde.

Frag Doctor X

Viele der Drogen, die verpackt in Plastiktütchen und gut verschnürten Paketen in Barcelona landen, stammen aus dem Deep Web: Jenem nur über spezielle Software wie den Tor-Browser erreichbaren Teil des Internets, in dem Schwarzmärkte und damit auch das Geschäft mit illegalen Drogen florieren. Dass das Deep Web immer wichtiger wird, bestätigte zuletzt der aktuelle Weltdrogenbericht der Vereinten Nationen.

Wenn Mireia Ventura über das Deep Web spricht, fällt immer wieder der Name ihres Kollegen Fernando Caudevilla. So heißt er zwar laut Pass, bekannt aber ist der Mediziner heute als Doctor X – eine Anspielung auf seine Beiträge zu den Wirkungen und der Einnahme von Ecstasy. Und auf seinen Nutzernamen im Deep Web, das er 2013 für sich entdeckt hat. Im Forum des damals größten Schwarzmarkts Silk Road bot er anderen Nutzern an, Fragen zum Gebrauch von Drogen zu beantworten.

Ein echter Arzt, der auf illegalen Websites Drogenberatung und -aufklärung gibt, das ist ungewöhnlich. Doch für Caudevilla war das Deep Web nur die Fortsetzung seiner Arbeit bei Energy Control. Als einer der ersten Experten weltweit erkannte er die immer prominentere Rolle der Onlineschwarzmärkte unter Drogenkonsumenten. Er war es, der seine Vorgesetzten schließlich davon überzeugte, den internationalen Drogentest einzuführen. Die Drogenberater müssen schließlich dorthin gehen, wo die Konsumenten ihre Informationen erhalten wollen, so die Einstellung.