Wo sind sie nur, diese Außerirdischen? Seit 60 Jahren suchen Astronomen nach Leben fern unseres eigenen. Sie horchen ins All, schicken Sonden zum Mars, nehmen Monde ins Visier, analysieren Planetensysteme fernab unseres Sonnensystems. Entdeckt haben sie nichts. Mag zwar sein, dass irgendwo auf einem fremden Himmelskörper ein paar Mikroben kreuchen – selbst hierfür gibt es nur Indizien. Doch wonach Astrobiologen wirklich lechzen, sind intelligente Wesen, eine Zivilisation, mit der wir kommunizieren, von der wir lernen können.

Douglas Vakoch dauert das alles zu lange. Er will sie finden, so schnell wie möglich. Der Astrophysiker hat selbst 16 Jahre lang mit den Kollegen vom Projekt Search for Extraterrestrial Intelligence, kurz "Seti", ins Weltall gehorcht. Immer in der Hoffnung, ein Signal außerirdischen Lebens aufzufangen. Doch Zuhören – das genügt ihm nicht mehr. "Manchmal heißt es, Seti sei unser Versuch, Mitglied im galaktischen Club zu werden", sagt er. "Doch wer Mitglied sein möchte, muss zumindest eine Bewerbung ausfüllen." Die Menschheit müsse sich vorstellen, sagt Vakoch, und arbeitet deshalb in seinem neuen Projekt mit der Abkürzung "Meti" an einer möglichst universell verständlichen Nachricht, die er gezielt zu Sternsystemen schicken will. Das M in Meti steht für "Messaging". Die Botschaft: "Wir sind hier. Und wir wollen mit euch reden."

Was, wenn wir eine Alien-Invasion auslösen?

Nur, fragen Kritiker: Wie kann ein Einzelner so eine womöglich folgenschwere Entscheidung treffen? Man müsste dazu "von der ganzen Menschheit autorisiert werden", sagt etwa Seti-Forscher Eric Korpela von der Uni Berkeley. Was könnte nicht alles geschehen, wenn wir Außerirdische auf unsere Erde mit ihren wertvollen Ressourcen aufmerksam machen? Nicht auszudenken, wenn die fremde Zivilisation intelligenter und mächtiger ist als wir Menschen, aber genauso kriegerisch und habgierig. Womöglich lösten Forscher mit ihren Signalen eine Alien-Invasion aus, was schlimmstenfalls zur Vernichtung unseres Planeten führt!

Alles Science-Fiction? Keineswegs. Außerirdische – es muss sie geben, davon sind führende Astrobiologen und Astrophysiker überzeugt. "Leben ist nichts Besonderes im Universum", sagt Gerhard Haerendel, ehemaliger Direktor des Max-Planck-Instituts für extraterrestrische Physik. "Die Bausteine, die es dafür braucht – etwa Wasser oder Kohlenstoff – sind massenhaft vorhanden. Jeder Planet, der halbwegs lebensfähige Bedingungen aufweist, bietet Leben damit eine Chance." Die Indizien dafür, dass es irgendwo im All existiert, mehren sich seit Jahrzehnten.

Viele davon fanden sich auf dem Mars. So hatten Forscher auf einem Marsmeteoriten, der 1984 in der Antarktis entdeckt wurde, beispielsweise Magnetitpartikel nachgewiesen. "Das sind typische Spuren von magnetotaktischen Bakterien, wie wir sie auf der Erde haben", erklärt der Astrobiologe Dirk Schulze-Makuch von der TU Berlin. Bislang sei kein anorganischer Prozess bekannt, der die Entstehung solcher Partikel erklären könnte. Sie könnten also durchaus von solchen Bakterien, die sich am Magnetfeld ihres Lebensraums orientieren, stammen. Außerdem habe man vielerorts Methan gefunden. Fest steht mittlerweile auch, dass es Wasser auf dem frühen Mars gab. "Unter der Oberfläche könnten noch immer Einzeller existieren."

Dachten Weltraumforscher vor einigen Jahren noch, dass Sterne umgeben von Planeten fern unseres eigenen Sonnensystems selten sind, gelten solche Konstellationen heute als die Regel im Weltall. Die letzte bedeutendere Entdeckung dieser Art war Trappist-1 mit seinen sieben Planeten (Nature: Gillon et al., 2017). Insgesamt sind derzeit mehr als 3.500 Exoplaneten bekannt, einige davon sind aus festem Gestein und umkreisen ihren Stern in einer Entfernung, die moderate Temperaturen an der Oberfläche erlaubt.

Leben ist nur eine Frage der Zeit

"Sicher, der Anfang von Leben ist schwierig", sagt Haerendel. Das zeigen die bisher erfolglosen Versuche, es in Experimenten aus einer Ursuppe entstehen zu lassen. "Doch gibt es erst einmal mikrobielle Wesen, ist alles andere nur eine Frage der Zeit." Der nächste große Schritt sei der zum mehrzelligen Leben, der zu intelligentem Leben noch größer, meint auch Schulze-Makuch. Er selbst hat mikrobisches Leben auf dem Mars im Fokus. Entwickelte Zivilisationen wie die Menschheit seien daher wohl eher selten. "Aber dass es das gar nicht gibt? Das wäre unwahrscheinlicher als alles andere."

Diese Überzeugung hat der US-Astrophysiker Frank Drake 1961 in eine Formel gegossen. Wie die Geschichte zeigen wird, hat er die Suche nach außerirdischem Leben gewissermaßen begründet. In sieben Faktoren beschreibt die nach ihm benannte Gleichung die Häufigkeit von intelligentem Leben in der Milchstraße (siehe Infokasten). Auch wenn es sich um eine Berechnung mit großer Ungenauigkeit handelt: Irgendwo existiert also irgendwas – ziemlich sicher. Warum aber haben wir dann noch nichts gehört?

1977 ist die Sonde Voyager 1 ins All gestartet. An Bord: eine goldene Schallplatte mit dem Soundtrack der Erde. © NASA/Hulton Archive/Getty Images

Vielleicht, weil der Mensch noch nicht lange genug und mit nur wenigen Geräten lauscht. Oder weil andere Zivilisationen nicht davon ausgehen, dass wir kommunizieren können (zu dumm) oder wollen (zu egozentrisch). Auch denkbar: Die Außerirdischen sind schlichtweg zu weit entfernt, als dass wir von ihnen oder sie von uns wissen können.

Wäre jemand in der Nähe, hätte er uns längst bemerkt, sagen Wissenschaftler. Was Kritiker von Weltraumbotschaften, wie auch Meti-Gründer Douglas Vakoch sie aussenden will, oftmals nicht sofort erwähnen: Fernsehern und Radio sei Dank sendet die Menschheit seit Jahrzehnten ein strahlendes "Hallo" ins All. "Eine Zivilisation, die nur hundert bis zweihundert Jahre weiter entwickelt ist als wir, kann es bis zu mehrere Hundert Lichtjahre entfernt aufschnappen", sagt Vakoch. "Und erst recht wäre niemand auf einem nahe gelegenen Planeten noch überrascht."

Außerdem haben verschiedene Forschergruppen eigenmächtig längst gut ein Dutzend Nachrichten verschickt. Vakoch ist also nicht der Erste, der Kontakt sucht. Er will es nur als Erster ordentlich machen. Denn die bisherigen Grüße ins All waren bei allem Ehrgeiz dilettantisch bis dubios: zu kompliziert verschlüsselt, schwach ausgestrahlt oder auf fragwürdige Ziele ausgerichtet. Einige immerhin haben großen Unterhaltungswert.

"Wunderschön, aber völlig nutzlos"

Den Auftakt machte 1962 ein Morsecode. Nach vier Minuten und 32,7 Sekunden erreichte das russische Signal die Venus. Ja, Venus, jenen Planeten in unserem Sonnensystem mit ätzender Atmosphäre und Oberflächentemperaturen von an die 500 Grad Celsius, auf dem Leben alles andere als wahrscheinlich ist. Zwischenzeitlich durften sich auch mal Teenager eine Nachricht überlegen, der erste musikalische Funkspruch ging 2001 raus.

Ausschnitt der Arecibo-Botschaft: Die blauen Kurven stellen die DNA dar, sie umgeben die Nukleotide des Genoms. Die rote Figur wiederum zeigt grob den Menschen, links davon ist die Durchschnittsgröße codiert – 176,4 Zentimeter –, rechts davon steht die Zahl 4.292.853.750, die ungefähre Größe der damaligen Erdbevölkerung. Gelb dargestellt ist das Sonnensystem.

Nicht unerwähnt bleiben darf auch die goldene Schallplatte an Bord der Voyager-1-Sonde, "ein praktisch unzerstörbares Best-of-Album der Menschheit", wie DIE ZEIT sie nannte (Nr. 01/2013). 115 Bilder sind darauf, herzensgute Grüße in mehr als 50 Sprachen, darunter – wie naheliegend – Englisch, Deutsch – Jubel –, aber auch Latein – schadet nie – oder Hethitisch, eine ausgestorbene indogermanische Sprache – warum nicht? Außerdem zwölf Minuten lang Geräusche wie Meeresrauschen, Lachen, Herzklopfen, und anderthalb Stunden feinste Musik. Mittlerweile nachzuhören auf Soundcloud. "Wunderschön, aber völlig nutzlos", urteilt Astrophysiker Haerendel.

Und dann, um sich nicht in Belanglosigkeiten zu verlieren, ist da noch die Arecibo-Botschaft von 1974. Entworfen und aus Puerto Rico verschickt hat sie eben jener Frank Drake, der Seti begründete, indem er zwei Sterne nach strukturierten Radiowellen absuchte und der die Wie-viele-Außerirdische-es-geben-muss-Gleichung entwickelt hat. Es handelt sich um lichtschnelle 168 Sekunden rhythmischer Pulse – 1.679, um genau zu sein – mit einer Frequenz von 2.380 Megahertz, die mithilfe eines Primzahlcodes verschlüsselte Bilder enthalten. Wer diesen knackt – in einem ersten Schritt muss der Empfänger verstehen, dass sich die Zahl 1.679 nur durch 73 und 23 vollständig teilen lässt – bekommt unter anderem das Wort "Hi" zu sehen. Dann sind da noch ein Strichmännchen, die Struktur unseres Sonnensystems und die wichtigsten chemischen Elemente.

50.000 Jahre bis zur Antwort – mindestens

Für die Nachricht spricht, dass sie weniger als einen Tag brauchte, um das Sonnensystem zu verlassen; Voyager 1 benötigte dazu rund vier Jahrzehnte. Gegen sie, dass es bei allem mathematischen Verständnis schon viel Fantasie braucht, den Code zu entschlüsseln, geschweige die Zeichen zu verstehen – und dass die Nachricht noch weitere rund 25.000 Jahre unterwegs sein wird, bis sie ihr Ziel M13, einen hellen Kugelsternhaufen im Sternbild Herkules, erreicht. Macht mindestens 50.000 Jahre bis zur Antwort.

Welche Bedingungen dort herrschen? Ungewiss. "Das Signal wird, wenn es ankommt, wohl so schwach sein, dass man der Nachricht kaum noch etwas wird entnehmen können", sagt Haerendel. Es ist zudem eine einzelne, dreiminütige Nachricht, die, wenn sie ankommt, eben auch nur drei Minuten dauert. "Wer in dieser Zeit also gerade mal nicht in die richtige Richtung hört, wird die Nachricht verpassen – das ist unzulänglich", sagt der Astrophysiker.

Vier bis acht Lichtjahre soll das Signal reisen

Laut Drake selbst handelte es sich daher mehr um ein Proof of Concept, als einen aufrichtigen Versuch, Kontakt herzustellen. Für die Meti-Gang aber ist die Nachricht dennoch ein Vorbild – das war sie schon, als Vakoch noch Highschool-Schüler war. Damals formulierte er seinen ersten auf Drakes Botschaft basierenden Gruß an Aliens. Nun widmet er sich dem Arecibo-Model erneut und setzt auf ein stärkeres, dauerhaftes Signal mit verfeinerter Nachricht, das ein vielversprechenderes Ziel als M13 anvisiert: nämlich kosmologisch deutlich näher liegende Planeten, die ihre Sterne in einer habitablen Zone umkreisen.

Das weltweit größte Radioteleskop, mit dem auch nach Signalen von möglichen Außerirdischen gelauscht wird, steht südlich von Arecibo, einer Hafenstadt in Puerto Rico. © Universal Images Group//Getty Images

"Unser genaues Ziel hängt von dem Transmitter ab, zu dem wir Zugang erhalten", sagt Vakoch. "Falls er in der südlichen Hemisphäre liegt, ist Proxima Centauri B das Ziel, der Erde nächstgelegene Stern." Falls die Forscher von der Nordhalbkugel aus operieren müssten, sei Gliese 411 der Ort der Wahl.

Inwiefern der vier Lichtjahre entfernte Proxima Centauri bewohnbar ist, haben Astronomen in den vergangenen Monaten verstärkt diskutiert. Nach jetziger Kenntnis handelt es sich um einen etwa erdgroßen Planeten, dessen Klima durchaus flüssiges Wasser ermöglichen könnte (Astronomy & Astrophysics: Terbit et al., 2016). Das jüngst entdeckte Gliese 411 wiederum ist eines der erdnächsten Planetensysteme. 8,3 Lichtjahre sind es bis zu dem Roten Zwerg, der nur rund 40 Prozent der Masse unserer Sonne hat, aber damit noch immer der hellste in der nördlichen Hemisphäre ist. Im Februar dieses Jahres hat ein Forscherteam verkündet, mithilfe des Keck-I-Teleskops auf Hawaii eine sogenannte Supererde gefunden zu haben, die ihn umkreist (The Astronomical Journal: Butler et al., 2017).

2018 will Vakoch seine Botschaft erstmals zu einem von beiden schicken. Die Übertragung soll dann dauerhaft stattfinden. So habe man es in den Statuten niedergeschrieben, so werde es gemacht, sagt er. "Wenn wir erst mal einen Sender gemietet haben, gibt es kein internationales Recht, das mich aufhalten kann", sagt Vakoch. Solange etwas nicht verboten ist, ist es erlaubt, lautet seine Devise.

Grüße für zehn Milliarden Euro

Drakes Nachricht habe damals 35 Dollar gekostet, erzählt dieser. Vakochs Projekt liegt Schätzungen zufolge jährlich eher im Millionenbereich. Je nach Ziel wäre frühestens 2025 oder 2033 mit einer Antwort zu rechnen – sollte das Signal genau dort, wo es auf dem Planeten eintrifft, empfangen werden können und sofern es gelingt, eine sinnvolle Nachricht zu verfassen. Denn wie die aussieht, darüber herrscht ein mindestens ebenso großer Disput wie über die Frage, ob es überhaupt sinnvoll ist, unser Dasein hinauszuposaunen.

Die Arecibo-Botschaft basierte unter anderem auf der Annahme, dass auch Aliens sehen können. Welche wiederum darauf beruht, dass die Evolution auf der Erde gezeigt hat, wie vorteilhaft gute Augen sind. "Eine technologisch entwickelte Zivilisation könnte sich aber ja auf ganz anderen Wegen entwickelt haben, vielleicht ist Hören für sie entscheidend – oder sie nehmen ihre Welt grundsätzlich anders wahr, auf für uns unvorstellbare Weise", sagt Vakoch.

Aliens sprechen Mathe

Seine Mitstreiter und er setzen zwar ebenfalls auf die Hilfe der Mathematik, aber Vakoch will eine schlanke, elegante Nachricht schicken. "In der Vergangenheit ging es oft darum, so viele komplexe Themen wie möglich zu verschlüsseln", sagt er, "die dann aber häufig unzureichend abgehandelt waren." Statt enzyklopädisch solle seine Botschaft so schlicht sein, dass jeder Wissenschaftler aus jeder Welt sie verstehen könne. Wirklich jeder? "Sicher sein kann man sich da nicht", aber man müsse schon von gewissen Gemeinsamkeiten mit den Aliens ausgehen, sonst sei der ganze Aufwand sinnlos.

Die Schönheit der Botschaft liegt in ihrer Einfachheit.
Douglas Vakoch, Astrophysiker

Gedanke Nummer eins: Deutsch, Englisch oder eine andere natürliche Sprache sprechen Außerirdische sicher nicht. Gedanke Nummer zwei: Als Radioastronom will Vakoch andere Radioastronomen auf sich aufmerksam machen. Wer Radiosignale empfangen kann, ist Ingenieur. Gedanke Nummer drei: Ingenieure verstehen Mathematik. "Also ist das unsere gemeinsame Sprache", sagt Vakoch.

Anfangen müsse man mit den Basics, zwei plus drei gleich fünf etwa. Um diese Rechnung zu vermitteln, will Vakoch Pulse verschiedener Länge kombinieren. "Man könnte das Prinzip der Addition etwa demonstrieren, indem wir die Worte 'zwei' und 'drei' senden und dann einen Puls, der fünf Sekunden dauert", erklärt der Astrophysiker. Er will also unter anderem die Zeit als Kommunikationsebene nutzen, wie schon Hans Freudenthal 1960 in seinem Lincos: Design of a Language for Cosmic Intercourse ausgearbeitet hat. Indem sich das Signal mit der Zeit entwickle, sei es möglich, auch die Evolution unserer Mathematik über die Jahrhunderte zu erklären.

"Die Schönheit der Botschaft liegt in ihrer Einfachheit", sagt Vakoch. Wer sie versteht, versteht uns und weiß, welche Antwort wir verstehen.

Sich mitteilen? Eine Verpflichtung der Menschheit

"Welch nettes Gedankenspiel", kommentiert Astrophysiker Haerendel. Aber vollkommen überflüssig. "Wir werden nie kommunizieren, sondern uns nur mitteilen können", sagt Astrophysiker Haerendel. Er ist seit zwei Jahren Mitglied von Meti und irritiert von der Vorgehensweise der Gruppe. Vakoch hat ihn als Gesprächspartner empfohlen – was den Deutschen wundert. "Ich weiß nicht genau, wie er auf mich gekommen ist, ich bin nicht aktiv", sagt er. "Wenn ich ehrlich bin, wirkt Meti auf mich wie ein Verein von geschwätzigen wenn auch sehr klugen Leuten." Bisher sei man aber nicht einmal zusammenkommen, um das Was und Wie angemessen zu diskutieren.

Zwar halte auch er es für eine Verpflichtung der Menschheit, sich dem Universum mitzuteilen, "aber statt von einem Sender gezielt Nachrichten zu schicken, wäre es sinnvoller, weltweit Sendestationen zu bauen, die nur zu diesem Zweck dauerhaft auf verschiedenen Frequenzen in viele Richtungen senden." Das Ziel sollte sein, den ganzen Himmel immer wieder abzuklappern. Eine herausfordernde Aufgabe. "Sie müssen ein Signal bündeln, damit es stark genug ist, um weit ins All zu reisen", erklärt Haerendel. "Dieses müssen sie dann in so viele Richtungen wie möglich schicken." Allein um den erreichbaren Himmel einmalig abzuscannen, brauche man zehn Jahre. "Das bedeutet aber auch, dass eine Nachricht nur alle zehn Jahre an denselben Ort rausgeht."

Nehmen wir also an, irgendwo sitzt tatsächlich eine Zivilisation, die ihr Teleskop zufällig Richtung Erde richtet. Die hört dann vielleicht nichts, weil wir ja vor einem halben Jahr gesendet haben und sie noch nicht wieder dran sind. "Da liegt die Problematik, über so etwas muss man sich unterhalten: Was ist die beste Strategie? Wohin, in welche Richtung? Wie viele Antennen brauchen wir?"

Proxima Centauri B ist ein schlechtes Ziel

In je mehr Richtungen wir Botschaften aussenden, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sie auch jemand empfängt. Die Kosten für etwas, wie Haerendel es sich vorstellt, schätzt der Forscher auf eine Milliarde Euro für Investitionen plus 50 bis 100 Millionen Euro jährlich für Wartung und Personal. Auch hält er wie eine Vielzahl von Kollegen weder Proxima Centauri B noch Gliese 411 für ein gutes Ziel.

"Aber diese Diskussion ist völlig unterblieben, die Leute von Meti wollen zu früh zu viel", sagt Haerendel. Stattdessen rede man über Sprachen und interstellare Kommunikation oder gar interstellare Kriege. "Wer uns entdeckt, wird nichts losschicken, um uns zu zerstören, wie die Fantasten meinen", sagt Haerendel. "Er wird mehr wissen wollen."

Das Vorhaben ist gefährlich, unnötig und kein guter Plan.
Dirk Schulze-Makuch, Astrobiologe

Geschenkt!, sagen diejenigen, denen es am liebsten wäre, die Menschheit würde schweigen. Wie wir was schicken, ist ihnen ziemlich egal. Sie haben Angst vor der möglichen Antwort: eine Armada hochtechnologisierter Kämpfer, ein alles zerstörender Laserstrahl, ein hübsch verpacktes Super-Virus, das die Menschheit niederstreckt.

Zu diesen "Fantasten" gehören die lebende Astrophysiker-Legende Stephen Hawking oder Tech-Pionier Elon Musk. "Wir wissen nichts über die Intentionen und Fähigkeiten fremden Lebens, und es ist unmöglich vorherzusagen, ob es gutartig oder feindlich gestimmt ist", heißt es in einem Statement, das führende Forscher veröffentlicht haben, noch bevor Vakoch seine Organisation gegründet hatte. Sie sind die Stimme der Meti-Gegner, zu denen auch Dirk Schulze-Makuch zählt, und die eher von gesunder Skepsis denn fantastischen Weltuntergangszenarien sprechen. "Die Chance, jemanden zu erreichen, ist winzig. Das vorab", sagt Schulze-Makuch. "Aber es gibt sie – und wir wissen nicht, wen oder was wir uns einladen." Das Vorhaben sei gefährlich, es sei unnötig und kein guter Plan.

Die Idee, eine interstellare Freundschaft aufzubauen, klinge nett, sei doch aber sehr unwahrscheinlich. "Die intelligentesten Wesen auf der Erde sind soziale Raubtiere, der Mensch eingeschlossen", sagt Schulze-Makuch. Wer da draußen also unsere Nachricht nicht nur empfängt, sondern versteht und dann sogar noch antworten oder uns gar besuchen kann, sei wahrscheinlich intelligenter und weiter entwickelt als wir. "Das macht uns unterlegen." Solch eine Zivilisation könnte auf unsere interstellaren Grüße mit derselben Freundlichkeit reagieren, die der spanische Eroberer Cortés den Azteken einst hat zuteil werden lassen. Die Kultur existiert nicht mehr. Auch ein bloßes Missverständnis in der Kommunikation mit Außerirdischen könnte zu einem Konflikt führen.

Ist Nichtstun ungefährlicher?

Auch wenn er die Menschheit lieber Schweigen sehen würde, hält Seti-Forscher Eric Korpela von der Universität Berkeley einen absichtlichen Angriff aus dem All für unwahrscheinlich –  vor allem, weil Außerirdische vermutlich so weit weg leben, dass sie vor uns andere bewohnte Planeten finden und erobern würden. Seiner Ansicht nach ist das theoretische Risiko größer, "dass eine ferne Zivilisation sich unseren Planeten als Wohnort sucht und uns plattmacht, ohne uns bemerkt zu haben", wie er ZEIT ONLINE in einem Interview sagte. "Wenn, dann zerstören uns Aliens aus Versehen."

"Unnötige Herumspinnerei", findet Vakoch. Der Mensch neige dazu, sich mehr Sorgen über die Risiken zu machen, wenn er etwas tut, als wenn er nichts tut, sagt er. "Es scheint sicherer, nicht zu senden, als aktiv zu sein." Doch sogar hier auf der Erde sehen wir: Das ist nicht immer so. Manche Menschen würden beispielsweise auf Impfungen verzichten, weil sie Nebenwirkungen mehr fürchten als die Krankheit. "Tatsächlich ist das die deutlich riskantere Entscheidung."

Sein anderer Punkt: Indem wir das eine Risiko reduzieren, steigern wir vielleicht ein anderes. "Wenn wir das Risiko einer Alien-Invasion minimieren, erhöhen wir jenes, nicht von einer Zivilisation zu lernen, die weiter entwickelt ist als wir."

Es fehlt ein Sprecher für die Welt

Nehmen wir um Vakochs Willen also einfach mal das für ihn Beste an: Wir stellen Kontakt her und – auch wenn mancher das für unwahrscheinlich hält – beginnen, uns mit der fremden Zivilisation auszutauschen. Wer trägt die Verantwortung? Wer darf im Namen der Welt "Nett, Sie kennenzulernen" sagen?

Zugegeben, die Frage ist wohl die bodenständigste gemessen an der Skurrilität des Themas. Und sehr bürokratisch. Aber sie ist herausfordernd. Denn ein weitläufig akzeptiertes, nicht-bindendes Protokoll der Seti-Forscher besagt nur: nach vermeintlichem Kontakt erst einmal das Signal prüfen, die Quelle finden, dann vernünftig international diskutieren, dann interstellar handeln. Wer mit wem diskutiert und wer aktiv werden soll – unklar. Der Weltraumvertrag hilft hier nicht weiter (siehe Infobox), es fehlt an einer globalen Strategie.

"Die einzige Organisation, die die Erde einigermaßen umfasst, sind die UN", sagt Astrophysiker Haerendel. Bei den Vereinten Nationen gibt es sogar ein Büro für Weltraumfragen (UNOOSA), das in den vergangenen Jahren mit den Mitgliedstaaten den Weltraumvertrag verhandelt und erweitert hat. Über außerirdischen Kontakt aber nur nachzudenken – "dafür haben wir kein Mandat", sagt dessen Direktor Simonetta Di Pippo.

Das müsse sich ändern, darüber sind sich alle einig. "Es ist frustrierend, dass die UN nicht darauf reagieren", sagt Schulze-Makuch. Es sei unverantwortlich, die Zukunft der Menschheit vom Willen Einzelner abhängig zu machen. "Die Entscheidung, ob wir senden oder nicht, muss auf einem weltweiten Konsens basieren, nicht auf den Wünschen weniger, die über mächtige Kommunikationssysteme verfügen", heißt es vergleichbar in dem Seti-Statement.

Ich möchte wissen, wie eine andere Zivilisation beschaffen ist, was ihre Werte sind, wie ihre Biologie, ihre Kultur aussieht.
Douglas Vakoch, Astrophysiker

Haerendel, Schulze-Makuch, Vakoch – sie wollen eine energische Diskussion führen, nicht nur unter Fachkollegen, sondern auch in Politik und Gesellschaft. "Die Frage 'Senden oder nicht?' ist so komplex, wir sollten selbst dann nicht aufhören darüber zu debattieren, wenn wir uns dafür entschieden haben", sagt Vakoch. Die gewünschte Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit blieb bislang aus.

Also verfolgt der Alien-Sucher weiter seinen ganz persönlichen Traum mit allen ihm verfügbaren Mitteln. "Ich möchte wissen, wie eine andere Zivilisation beschaffen ist, was ihre Werte sind, wie ihre Biologie, ihre Kultur aussieht", sagt Vakoch. Ganz unabhängig davon wäre solch eine Entdeckung bedeutend für die Menschheit: "Wie sehen wir uns selbst, wenn wir wissen, dass wir nicht allein sind?"

Vakoch will es wissen. Und weil er, der in dem Jahr geboren wurde, als Drake seine Gleichung veröffentlichte, nicht mehr der Jüngste ist, will er es jetzt.

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