ZEIT ONLINE: Nach dem Streit um das Denkmal eines Südstaaten-Generals brach in Charlottesville Gewalt aus. Zu sehen waren unter den Demonstranten neben eindeutig rechtsradikalen Symbolen auch diverse Symbole der ehemaligen Südstaaten, allen voran die Konföderiertenflagge. Wie präsent ist der US-amerikanische Bürgerkrieg noch immer im Süden der USA?

Heike Bungert: Er ist sehr präsent und trennt den Süden vom Norden. Eigentlich haben die Amerikaner nie einen Krieg verloren. Da ist der verlorene Krieg im Süden ein richtiges Trauma. Nach dem Krieg musste der Süden sein gesamtes Gesellschaftssystem umbauen. Das Wirtschaftssystem brach mit dem Ende der durchaus profitablen Sklaverei zusammen, der Süden verlor an Bedeutung. Große Teile waren jahrzehntelang sehr arm oder sind es noch immer.

ZEIT ONLINE: Was hat das mit den Menschen gemacht?

Bungert: Es gibt immer noch viele, die der verlorenen Südstaaten-Kultur hinterhertrauern. Die Vergangenheit wird von ihnen nostalgisch verklärt. Die Bilder, die dazu benutzt werden, stammen größtenteils noch aus den 1820er bis 1850er Jahren: Im Gegensatz zum Norden mit der schmutzigen Industrialisierung und den Lohnsklaven wird das Leben im Süden als schön, idyllisch und harmonisch stilisiert. Gleichzeitig wird die Sklaverei entweder komplett ausgeblendet oder das Bild von ihr wird in der Erinnerungskultur verzerrt. So, als hätte es nur Haussklaven gegeben, die hervorragend behandelt worden seien, Teil der Familien wurden und sich für diese aufopferten.

ZEIT ONLINE: Was gibt es noch an Südstaaten-Symbolen, die bis in die heutige Alltagskultur hinein wirken?

Heike Bungert ist Professorin für Nordamerikanische Geschichte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und hat selbst in den Südstaaten gelebt.

Bungert: Neben Büchern wie Vom Winde verweht, in dem die Plantagenkultur verherrlicht wird, oder Liedern wie I Wish I Was in Dixie gibt es vor allem die Südstaaten-Flagge, die aber nur die Kriegsflagge der Konföderierten war. Deren eigentliche Flagge sah den Stars and Stripes des Nordens so ähnlich, dass die Soldaten nicht wussten, ob sie auf Feind oder Freund schossen. Deshalb erfand man eine neue.

ZEIT ONLINE: Spielt Gewalt in der Südstaaten-Identität eine besondere Rolle?

Bungert: Sicherlich. Schon vor dem Krieg war dort die Kultur der Ehre stärker ausgeprägt. Wer die Ehre eines anderen oder seiner Familie verletzte, wurde in der weißen Mittel- und Oberschicht zum Duell herausgefordert. Auch die Erinnerungskultur ist stark militarisiert. Man ehrt ja vor allem die Kriegshelden, die sich gegen eine Übermacht aus dem Norden zur Wehr gesetzt haben. Es wird immer betont, man habe die besseren Soldaten gehabt und sei heroischer gewesen – und am Ende habe man nur ganz knapp verloren.

ZEIT ONLINE: An der Statue des Generals Robert E. Lee, die abgebaut werden soll, entspann sich der Konflikt in Charlottesville.

Bungert: Ja, die Erinnerungskultur kristallisiert sich an einzelnen Personen, vor allem Generälen wie "Stonewall" Jackson oder Robert E. Lee. Lee ist einer der "Helden", die alle kennen. Er gilt als hervorragender General und Patriot, der eine Karriere im Norden aufgab, um für den Süden zu kämpfen. Was ausgeblendet wird: Lee war Sklavenhalter und lehnte ab, dass man afroamerikanische Soldaten des Nordens, die man gefangen genommen hatte, gegen Gefangene aus dem Süden austauschte.