Philosophisch weitaus verwirrender ist der Gedanke vom Fleisch ohne Bewusstsein. Post sagt, die 16 Menschen, die sein Produkt probiert haben, "sind sich alle einig, dass es Fleisch ist". Laut Arnout Fischer jedoch, Professor für Konsumentenverhalten an der Universität Wageningen in den Niederlanden, "empfinden viele In-vitro-Fleisch als eine Art Zwischending zwischen Fleisch und Nicht-Fleisch. Unsere Studien zeigen, dass die Menschen ihm manche Charakteristika von Fleisch zuschreiben, aber auch solche von Fleischersatz – vegetarischen Burgern und dergleichen."

Da es kein Gehirn hat, könnte man In-vitro-Fleisch in der Tat als beinahe pflanzenartig ansehen. Koert Van Mensvoort ist Direktor des Next Nature Network, einer Nonprofit-Organisation in Amsterdam, die untersucht, wie die Technik unser Verhältnis zur Natur verändert. Er sagt: "Unter dem Mikroskop sieht man vielleicht dieselbe Zellstruktur wie bei Fleisch von Tieren. Aber es kommt doch ganz woanders her, also müssen wir unsere Haltung dazu überdenken."

Auch deshalb ist er der Meinung, man sollte neue kulinarische Möglichkeiten von In-vitro-Fleisch erforschen, anstatt einfach die vertrauten Würste und Frikadellen zu ersetzen. "Sashimi zum Beispiel – in völlig kontrollierter Umgebung gezüchtet, könnte man das zarteste und beste Sushi oder Sashimi machen, das Sie je gekostet haben." Gestricktes Steak, aus langen In-vitro-Fleischfäden, ist ein weiteres Rezept aus seinem In-vitro-Kochbuch.

"Was kann man sich für proteinreiche, köstliche, etwas seltsame, außergewöhnliche Gerichte ausmalen?", fragt er. Er versteht sich als "Radar für mögliche Zukünfte" und erklärt als solcher: Eines Tages könnten wir Fleisch aus unseren eigenen Zellen kultivieren. Schöne rosa Gläser mit Menschenfleisch. Meint er etwa moralisch vertretbaren Kannibalismus? "Man könnte ein intimes Gericht für eine geliebte Person daraus machen – verschenken Sie Ihren eigenen Körper." Er gibt zu, das die Idee abseitig ist. "Wenn ich davon erzähle, graut es den meisten, sie sehen die Poesie darin noch nicht."

Wir werden den Aberwitz hinter uns lassen, dass wir ein ganzes Huhn züchten, um nur Brust oder Flügel zu essen, und jene Teile getrennt in einem geeigneten Medium züchten.
Winston Churchill, 1932

An den Gedanken, Obst und Gemüse in Fabriken zu ziehen statt auf Feldern, gewöhnt man sich bereits. Die Kaufhauskette Marks & Spencer hat Mikrokräuter vorgestellt, die ohne alle Pestizide in Luftschutzbunkern 33 Meter unterhalb der Straßen Südlondons angebaut werden. Und vielleicht trägt auch das Wissen, dass In-vitro-Fleisch keine ganz neue Idee ist, zu ihrer Normalisierung bei. Winston Churchill hat sich schon 1932 darüber ausgelassen: "Wir werden den Aberwitz hinter uns lassen, dass wir ein ganzes Huhn züchten, um nur Brust oder Flügel zu essen, und jene Teile getrennt in einem geeigneten Medium züchten", schrieb er vorausschauend.

In-vitro-Fleisch versus Massentierhaltung

Wie eine Revolution hin zu sauberem Fleisch Landschaft und Umwelt beeinflussen würde, ist noch kaum abzusehen, und die Heimlichtuerei der Start-ups macht es nicht leichter. Hanna Tuomisto, jetzt an der Universität Helsinki Spezialistin für Umwelteinflüsse von Nahrungsmittelproduktion, erforscht schon seit 2008, damals in Oxford, die Auswirkungen. Das Anfüttern der Zellen ist eine Sache, aber für die Umwandlung des Zellbreis in muskelähnliche Strukturen wird eine weitere Ebene der Energieverbrennung nötig, und der erforderliche Aufwand kann höchstens geschätzt werden. "Vermutlich liegt der Energieverbrauch etwa gleichauf oder etwas höher als bei der Rinderzucht, aber in puncto Konstruktion der Bioreaktoren herrscht noch viel Ungewissheit, und wir können das derzeit nur in kleiner Größenordnung untersuchen." Die Kultivierung von Fisch wird voraussichtlich weniger Energie verbrauchen als von Landtieren, denn Fischzellen vermehren sich fröhlich bei Zimmertemperatur.

Würden allerdings auf dem bislang zur Massentierhaltung genutzten Land nach der Umstellung auf In-vitro-Fleisch Bioenergie-Pflanzen angebaut, könnte das – rein theoretisch – den CO2-Ausstoß abmildern. Post indessen glaubt, geschäftstüchtige Bauern könnten auf Nutzpflanzen umschwenken, die den In-vitro-Fleischfabriken die nötigen Nährstoffe liefern. So oder so hätte eine Umwidmung des Bodens auch ernsthafte Nachteile: Weideland bietet eine höhere Biodiversität als Ackerland, und die Umwandlung würde laut Tuomisto "eine Menge CO2 aus dem Boden freisetzen".

Was zerklüftetes Weideland angeht, speziell in Hochlagen, die zum Ackerbau ungeeignet sind, so zweifelt niemand daran, dass auch weiterhin eine Nachfrage nach Freilandtierhaltung bestünde. "Familienbetriebe werden für die Ernährung der Welt immer eine Rolle spielen", sagt der CEO von Memphis Meats, Uma Valeti. "Und wir haben überhaupt nichts dagegen – mein Mitgründer kommt selbst aus einer Bauernfamilie. Aber damit lässt sich nur ein winziger Bruchteil der weltweiten Fleischnachfrage bedienen."

Natürlich züchten wir Tiere nicht nur des Fleisches wegen. Modern Meadow aus Brooklyn arbeitet bereits an In-vitro-Leder, und auch für alle anderen Tierprodukte sollten Alternativen erwogen werden.

Der Prototyp: Eine gegarte Krokette

Die weltweit erste In-vitro-Fischverkostung findet an einem Nachmittag Anfang September statt, Nebel zieht aus der Bucht über San Francisco hinweg. Laurine Wickett, eine Starköchin im Silicon Valley, bereitet den Fisch in ihrer glänzenden Catering-Küche zu. Bevor sie ihre fünf häppchengroßen In-vitro-Karpfenkroketten anbrät, beschreibt sie den Geschmack der rohen Zellpaste darin: ein zartes Meeresaroma, ähnlich dem Wasser in einer Auster. Ich unterdrücke den Gedanken an die rosafarbene Schmiere im Becherglas und koste meine perfekt gegarte Krokette – ich finde sie zugleich köstlich und enttäuschend. Sie besteht nur zu einem Viertel aus Fisch, und der dezente Karpfengeschmack wird von der Kartoffel überdeckt. Ich erahne noch einen angenehmen Nachgeschmack nach Meer, wenn auch nicht direkt nach Fisch. Aber schließlich handelt es sich hier nicht um das ausgefeilte Produkt einer Testküche, sondern um einen allerersten Prototypen – einen Richtwert für wissenschaftlichen Fortschritt. Selden und Wyrwas selbst haben ihren Fisch erst wenige Tage zuvor zum ersten Mal probiert.

Trotz des mageren Verhältnisses von Fisch zu Kartoffel hatte jede winzige Krokette 200 Dollar (170 Euro) gekostet – so käme man auf etwa 35.000 Euro pro Kilo Fisch. Aber der technische Fortschritt geht so rasant voran, dass sich dieser Preis bereits halbiert hat.

Hinterher sind Selden und Wyrwas erfüllt vom Hochgefühl, etwas Bedeutendes geschaffen zu haben, und fieberhaft sprechen sie über Strategien zur Entwicklung eines vollmundigeren Fischgeschmacks, Expansion in neue Räumlichkeiten und die sagenhafte Fleischstruktur, die ihr neu eingestellter Gewebe-Ingenieur erschaffen wird. Als Nächstes an der Reihe: In-vitro-Sashimi.

Aus dem Englischen übersetzt von John Birke. Die Originalversion des Artikels können Sie auf der Seite des britischen Guardian lesen.