ZEIT ONLINE: Herr Faber, seit Kurzem geht auf Madagaskar wieder die Pest um, bislang sind laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) mehr als 60 Menschen gestorben. Gerade erst schickte das Internationale Rote Kreuz Verstärkung. Auch 1,2 Millionen Dosen Antibiotika wurden versandt. Die Lage scheint dramatisch. Die Pest macht Menschen Angst. Viele denken, dass es die Erkrankung seit den großen Ausbrüchen im Mittelalter gar nicht mehr gäbe. Wie verbreitet ist die Pest noch auf der Erde?

Mirko Faber: Die Pest beziehungsweise der Pesterreger kommt in einigen Teilen der Welt auch heute vor. Ganz große Ausbrüche mit mehreren Millionen Toten, wie das im Mittelalter der Fall war, gibt es in unserer Zeit aber nicht mehr. Mittlerweile beschränken sich Epidemien nur noch auf bestimmte Gebiete – vor allem auf Teile von Afrika oder Asien – aber auch im Westen der USA kommen kleinere Ausbrüche hin und wieder vor.

ZEIT ONLINE: Warum hören wir in Deutschland eigentlich nie etwas davon?

Faber: Die Ausbrüche, die in der heutigen Zeit vorkommen, sind meist klein oder weit weg. Oder beides. Wo wildlebende Nagetiere, die den Erreger Yersinia pestis in sich tragen, mit dem Menschen oder mit Hausratten in Kontakt kommen, können Infektionen entstehen. Häufig sind es Ratten, von denen das Pestbakterium über Flöhe auf den Menschen übertragen wird. Auch der große Ausbruch im Mittelalter in Europa wird mit Ratten und dem Rattenfloh in Verbindung gebracht. Die Pest hat sehr viel mit hygienischen Bedingungen zu tun und die haben sich für die Menschen in unseren Breiten, aber auch weltweit, dramatisch verbessert. Insofern stecken sich heute weit weniger Leute mit dem Erreger an.

ZEIT ONLINE: Es gibt verschiedene Formen der Pest. Beispielsweise die Beulenpest und die Lungenpest. Fälle der Beulenpest gibt es häufiger in Madagaskar. Das Besondere am aktuellen Ausbruch ist der deutliche Anstieg der Lungenpestfälle. Woran liegt das?

Faber: Genau wissen wir das noch nicht. Es könnte sich um einen unglücklichen Umstand handeln. Die Lungenpest kann auf zwei Wegen entstehen. Der eine ist die Übertragung des Pesterregers vom Tier auf den Menschen. Wer sich ansteckt, entwickelt in der Regel zunächst die Beulenpest. Der Erreger gelangt in die Haut und über die Lymphgefäße in die Lymphknoten – beispielsweise in der Leiste oder den Achselhöhlen. Durch eine Entzündung schwellen die Lymphknoten an und es entstehen die Beulen, die typisch für die Beulenpest sind.

Wichtig dabei ist, dass diese Form kaum von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Von dort aus kann der Erreger aber auch in die Lunge kommen – es entsteht die Lungenpest. Die ist deutlich gefährlicher und etwa durch Husten übertragbar. Das ist dann der zweite Weg – eine Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch. Wenn Kranke mit Lungenpest nicht schnell erkannt und behandelt werden, dann kann diese sich auch schnell ausbreiten.

ZEIT ONLINE: In Madagaskar bemühen sich die Behörden, das weitere Fortschreiten der Epidemie einzudämmen. Sie versprühen Desinfektionsmittel an viel bevölkerten Orten, verteilen Mundschutzmasken und Antibiotika. Trotzdem hat sich die Zahl der möglichen Betroffenen in den vergangenen zwei Wochen verdreifacht.

Faber: Der zweite besondere Punkt an dieser Epidemie sind die vielen Fälle in den Städten. Normalerweise beschränkten sich die Ausbrüche in Madagaskar auf einige Regionen auf dem Land. Möglicherweise ist eine Person, die eine Lungenpest entwickelte, vom Land in die Stadt gefahren und hatte dort viel Kontakt zu anderen Menschen. Dies könnte die Ausbreitung der Epidemie begünstigt haben.

ZEIT ONLINE: In Madagaskar gibt es immer wieder Ausbrüche – und zwar regelmäßig zwischen November und April. Gibt es einen Grund, warum die Fälle in diesem Zeitraum auftreten?

Faber: Dann herrscht Regenzeit. Bei schlechtem Wetter versuchen auch Nagetiere, sich vor dem Wetter zu schützen. Die Häuser, Wohnungen und Unterkünfte bieten da einen guten Schutz, sodass infizierte Tiere häufiger mit den Menschen in Kontakt kommen.

ZEIT ONLINE: Die WHO schätzt, dass sich die Pest wahrscheinlich nicht in andere Länder ausbreiten wird. Das Robert Koch-Institut (RKI) hat dennoch angekündigt, einen Ratgeber für Ärzte zu veröffentlichen – für den Fall, dass in Deutschland Pestfälle auftreten. Wie hoch schätzen Sie das Risiko ein, dass so etwas passiert?

Faber: Die Wahrscheinlichkeit ist äußerst gering, dass Personen betroffen sind, die nicht selbst in Madagaskar waren. Dass Fälle von Lungenpest bei Rückreisenden hier in Deutschland diagnostiziert werden, ist nicht ausgeschlossen, aber im Moment auch nicht sehr wahrscheinlich. Madagaskar ist kein Land, von dem viel Reiseverkehr nach Deutschland stattfindet. Es gibt auch keine direkten Flugverbindungen. Nur wenige Tausend Personen reisen jedes Jahr von dort ein oder zurück – was im Vergleich zu anderen Ländern sehr wenig ist. Auch sind nur Teile des Landes vom aktuellen Ausbruch betroffen.

Hinzu kommt, dass die Inkubationszeit mit maximal sieben Tagen relativ kurz ist – also die Zeit zwischen der Infektion und dem Ausbruch der Krankheit. Wenn man sich in Madagaskar infiziert hat, muss man schon innerhalb kurzer Zeit in ein Flugzeug steigen und hierher fliegen, sodass die Erkrankung erst hier ausbricht.

ZEIT ONLINE:  Was raten Sie Ärzten, wenn es tatsächlich Fälle hier in Deutschland gibt?

Faber: Ganz wichtig ist, dass besonders Lungenpestfälle schnell erkannt werden. Deshalb informieren wir die Ärzteschaft über den Ausbruch in Madagaskar. Falls ein Arzt tatsächlich einen Patienten mit zum Beispiel hohem Fieber und Husten sieht, der in der letzten Woche noch in Madagaskar war, sollte er informiert sein und an die Möglichkeit einer Pestinfektion denken. Ein solcher Patient würde dann sofort isoliert und mit Antibiotika behandelt werden. Wenn die Behandlung früh beginnt, ist die Prognose für den Patienten auch bei dieser ernsten Erkrankung nicht schlecht. Der Arzt sollte außerdem umgehend das Gesundheitsamt informieren. Die Mitarbeiter kümmern sich darum, dass es nicht zu weiteren Fällen in Deutschland kommt.