Keine private Raumfahrtfirma fliegt so regelmäßig und so erfolgreich ins All wie SpaceX. Dieser Tage steht der nächste Start an. Im Auftrag der US-Regierung soll eine Falcon-9-Rakete Fracht in den Orbit bringen. Der deutsche Raumfahrtingenieur Hans Koenigsmann ist seit 2002 Teil des Start-ups von Tesla-Gründer Elon Musk, das sich mit seinen wiederverwertbaren Raketen zu einem der einflussreichsten Player in der kommerziellen Raumfahrt entwickelt hat.

Lesen Sie das Interview hier auf Englisch.

ZEIT ONLINE: Herr Koenigsmann, Sie sind seit dem ersten Tag bei SpaceX. Wenn Sie die letzten 15 Jahre Revue passieren lassen: Was ist der größte Erfolg bislang?

Hans Koenigsmann: Eines unserer ersten Ziele war es, eine Rakete, die im All war, wieder zu landen, zu prüfen und wieder hochzuschicken, statt sie neu zu bauen. Die Falcon 9 ist unser größter Erfolg bis heute.

Am Anfang waren wir bloß ein paar Kerle, die um einen Tisch saßen, dann entwickelten wir uns zu einem einflussreichen Unternehmen. Mir ist unklar, wie groß dieser Einfluss tatsächlich ist, aber ich höre häufig, dass wir Leute inspirieren. Bei jedem Start gibt es zahlreiche Zuschauer, manche fahren dafür extra in die USA. Das ist doch erstaunlich: Wir begeistern eine neue Generation für den Weltraum.

ZEIT ONLINE: Und was ist Ihr größter persönlicher Erfolg?

Koenigsmann: Schwer zu sagen. Die Landung war sicherlich einer. Davor gab es noch zwei grandiose Events: Als Falcon 1, die Kleine, nach zahlreichen Versuchen und Fehlschlägen in den Orbit gelangte – das war ein Durchbruch.Vor allem weil sie von 250 bis 300 Menschen gebaut wurde, nicht von einer staatlichen Organisation mit 22.000 Mitarbeitern. Der zweite Erfolg war, als es uns gelang, die Dragon-Kapsel mit der Internationalen Raumstation (ISS) zu verbinden. Das war absolut – ich denke, das hier ist das richtige Wort – episch.

Hans Koenigsmann liebt Raketen. Er ist Chefingenieur und Vizepräsident für Build and Flight Reliability, also verantwortlich für die Sicherheit sowie den Erfolg von SpaceX-Missionen. © SpaceX

ZEIT ONLINE: Haben Sie etwas noch nicht erreicht, womit Sie eigentlich gerechnet hatten?

Koenigsmann: Wir haben mehr erreicht, als ich zu Beginn dachte. Aus persönlicher Sicht: Ich wollte immer mal deutsche Fracht ins All fliegen. Das steht noch aus.

ZEIT ONLINE: Was hat Sie motiviert, überhaupt bei SpaceX anzufangen?

Koenigsmann: Ich habe mit Satelliten gearbeitet, dachte aber schon, es würde Spaß machen, Raketen zu bauen, als Elon Musk mich aus dem Nichts anrief und fragte, ob ich mitmachen möchte. Ich zögerte nicht länger als zehn Millisekunden. Denn das ist etwas, wovon Ingenieure nur träumen können: Wenn sie normalerweise Fördermittel bekommen wollen, müssen sie Anträge stellen, das dauert lange und während all der Zeit müssen sie sich für ihre Arbeit rechtfertigen. Nun war da dieser Kerl, der Geld auf den Tisch legte und sagte: Hiermit baust du eine Rakete. Alles, was zählte, waren die technischen Fähigkeiten. Es gab keine Ablenkung. Nur uns.

ZEIT ONLINE: Mit dem dritten Start der Falcon 1 wurden Sie Chefingenieur und sind es bis heute. Aus Ihrer Sicht: Was sind die drei größten Unterschiede zwischen der Falcon 9 und den anderen Raketen auf dem Markt?

Koenigsmann: Was Falcon 9 von anderen unterscheidet, ist die Art, wie sie gebaut wurde. Wir haben mit der Falcon 1 sehr einfach begonnen, haben dafür gesorgt, dass sie funktioniert. Wir haben die Fahrzeuge bis heute stetig weiterentwickelt.

Das unterscheidet SpaceX von anderen Unternehmen: Andere setzen ein Ziel, analysieren es zehn Jahre und beginnen dann mit Flugtests. Wir testen, wir bleiben dran und nehmen währenddessen Änderungen vor. Nach ersten Schwierigkeiten wurden wir schnell besser. Mittlerweile sind wir elfmal auf einem Schiff gelandet, siebenmal an Land. Und – Klopf auf Holz – 14 Landungen klappten hintereinander.

ZEIT ONLINE: SpaceX nimmt also große Niederlagen in Kauf für große Erfolge?

Koenigsmann: Nicht wirklich. Wenn es um die Hauptmissionen geht – etwa darum, Satelliten ins All zu schicken –, sind wir eher konservativ und gehen kein Risiko ein. Was stimmt: Bei den anschließenden Tests sind wir bereit, etwas zu riskieren. Zwischen Missionen und Zielen gibt es eine klare Trennung.

"Ich war nie an dem Punkt, aufzuhören"

ZEIT ONLINE: Sind Sie beim Raketenstart live dabei oder zu nervös, um zuzuschauen?

Koenigsmann: Ich wollte schon öfter rausrennen, um zuzuschauen, aber habe es noch nie gemacht, während ich eine Mission leitete. Meistens saß ich dann in der Mission Control, um alles zu überwachen. Das Ding ist: Solch ein Event dauert länger, als viele denken. Zwar sind wir innerhalb von zehn Minuten im Orbit, doch dort müssen wir oft mehr als eine Fracht entladen. Außerdem holen wir die zweite Stufe zurück aus der Umlaufbahn. Alles zusammen dauert bis zu zwei Stunden. Danach kann ich entspannen.

Ich bin weniger aufgeregt als am Anfang, aber ja. Wenn man zu einem Team gehört, das eine Rakete gestartet hat, gehört einem für einen Tag die Welt.

ZEIT ONLINE: Haben Sie je daran gedacht, aufzuhören? Immerhin gab es Rückschläge und Verzögerungen. Falcon 1 beispielsweise hob erst 2008 nach zahlreichen Versuchen ab und bis zum Start von Falcon 9 brauchte es einige Verbesserungen…

Koenigsmann: Ich würde nichts lieber machen, als Raketen zu bauen. Es gab Probleme, da suchten wir ein halbes Jahr nach einer Lösung – danach braucht man eine Pause! Aber ich war nie an dem Punkt, aufzuhören.

ZEIT ONLINE: Nicht einmal, als 2016 und 2015 Falcon-9-Raketen explodierten? Was war das Erste, das Ihnen damals durch den Kopf ging?

Koenigsmann: Ich fürchte, das können Sie nicht veröffentlichen. Aber ernsthaft: Die Explosion 2015 hat mich beunruhigt, weil die Rakete einfach verschwunden ist. Ich hab für einen Moment nach unten geschaut und als ich wieder nach oben blickte, konnte ich sie nicht mehr sehen. Ich stand bestimmt eine Minute verwirrt da und fragte mich: Wo ist sie? Schon vorher habe ich Anomalien gesehen, die sich aber angedeutet hatten. Diese Rakete hingegen verschwand einfach. Und sie war nicht etwa die erste oder die zweite, sondern die zwanzigste.

ZEIT ONLINE: Hat diese Ungewissheit Sie motiviert, weiterzumachen?

Am Morgen des 14. August 2017 steht eine Falcon 9 bereit zum Start. © Alina Schadwinkel

Koenisgmann: Nur wegen einer Anomalie – egal wie groß – gibt man nicht auf. Das Gegenteil ist der Fall: Es ist passiert, also muss man es richten. Sicher, eine Explosion wollen wir um jeden Preis verhindern, aber manchmal sind die ehemals fehlerhaften Raketen besser als die, die nie Probleme hatten. Sie neigen weniger zu Überraschungen.

ZEIT ONLINE: Mit der Ariane 6, einer europäischen Rakete, die 2020 erstmals abheben soll, hält die Esa für die nahe Zukunft am Einwegmodell fest. Boeing, die Russen und weitere entwickeln allerdings mittlerweile ebenfalls recyclebare Raketen. Würden sie das auch tun, wenn SpaceX nicht bewiesen hätte, dass es geht?

Koenigsmann: Solange Menschen für nicht-wiederverwertbare Raketen zahlen, ist es einfach verdientes Geld. Doch sobald jemand eine funktionierende wiederverwertbare Rakete auf den Markt bringt, wird das ein Ding – und jeder muss aufspringen. Schon vor langer Zeit haben Forscher daran gearbeitet, doch ohne viel Erfolg. Ich hatte damals gehofft, dass andere mitmachen. Doch das war nicht zu beobachten. Erst jetzt, da wir es geschafft haben.

Trotzdem: Es ist nicht richtig, auf uns zu zeigen und zu sagen, es wäre etwas, das wir erreicht haben, und nun würden wir kopiert. Das wäre wohl schräg. Aber wir scheinen insofern einigen Einfluss auf die Entwicklung wiederverwertbarer Raketen zu haben, als andere es nun auch versuchen wollen.

Zum Mars reisen – "ein großer, aber logischer Schritt"

ZEIT ONLINE: Als nächstes kommt die Falcon Heavy. Die Superrakete soll im November erstmals starten – zumindest ist das der letzte Stand. Steht der Termin noch?

Koenigsmann: Es wird eher später im Jahr. Ich bin mir sicher, dass wir sie dieses Jahr hinstellen und erste statische Feuertests machen. Aber um den laufenden Betrieb nicht zu unterbrechen, müssen wir erst unser zweites Launchpad flott machen. Der Space Launch Complex 40 wird nach der Falcon-9-Explosion noch immer repariert, während wir zugleich an der Falcon Heavy arbeiten. Wir haben uns da viel vorgenommen, aber so ist der Plan.

ZEIT ONLINE: Was ist die bedeutendste technische Weiterentwicklung der Falcon Heavy?

Koenigsmann: Der beiläufige Beobachter wird eine Rakete nach oben steigen und zwei seitliche Booster zurückkommen sehen – das wird phänomenal. Die Kernstufe wird auf einem Schiff landen und nur ein sehr kleiner Teil, die zweite Stufe, wird die Fracht im Orbit abliefern. Das hebt die Wiederverwertbarkeit auf eine neue Ebene: Es werden dieselben Triebwerke und in Teilen dieselbe Hardware sein, wie bei der Falcon 9. Es ist eine echte Erleichterung, wenn die Triebwerke verschiedener Gefährte sich ähneln. Das spart Kosten.

ZEIT ONLINE: Wie hat die Zusammenarbeit mit der Nasa Ihre Arbeit weiterentwickelt?

Koenigsmann: Die Partnerschaft hat uns zu einer besseren Firma gemacht. Die Nasa hat uns in gewisser Weise zu Glaubwürdigkeit verholfen – wir fliegen Fracht zur ISS und sollen bald Menschen hinbringen. Außerdem haben wir von dem umfassenden Wissen der Nasa zu einem gewissen Grad profitiert.

Es ist ein Geben und Nehmen. Einerseits lassen sie uns unsere Raketen und Raumschiffe selbst entwerfen; unsere Falcon 9 und unsere wiederverwertbare Dragon 2. Andererseits ist es uns wichtig, dass die Nasa diese Gefährte anerkennt.

ZEIT ONLINE: Versorgungsmissionen der ISS sind einer großer Teil Ihres Geschäfts. Doch die Station soll nach jetzigem Stand 2025 heruntergefahren werden. Wird das die Finanzen von SpaceX und damit künftige Projekte beeinflussen oder sichern das private und das militärische Satellitengeschäft das Einkommen?

Koenigsmann: Es wäre schlecht für die Entwicklung von Weltraumtechnologien, schlecht für die Menschheit, falls wir sie abschalten. Mir ist klar, dass die ISS Geld kostet, aber sie hat eine fundamentale Bedeutung. Abgesehen von all den Experimenten, die dort stattfinden, lernen und üben wir dort, zu anderen Planeten zu reisen. Sie ist unheimlich nützlich, um zu verstehen, wie die Menschheit im All überleben kann. Die ISS sollte laufen, bis sie gar nicht mehr funktioniert.

ZEIT ONLINE: Elon Musk hat eben erst wieder betont, der Mensch müsse zum Mars. Stimmen Sie zu?

Koenigsmann: Vollkommen. Wenn Sie sich im Sonnensystem umschauen, finden Sie nur auf diesem einen Planeten Menschen und dieser Planet hat schon Massensterben erlebt – denken Sie nur an die Dinosaurier. Ich möchte nicht der nächste Kohlenwasserstoff-Treibstoff auf der Erde werden. Also ist es ein großer, aber logischer Schritt, zum Mars zu reisen.

ZEIT ONLINE: Brauchen wir eine Basis im All oder auf dem Mond, um das möglich zu machen?

Koenigsmann: Der Mond hat keine Atmosphäre, er ist zu nah an der Erde, hat dieselben Risiken. Falls eine Basis auf dem Mond es uns erlaubt, schneller zum Mars zu kommen, dann ist er von Nutzen. Falls wir es ohne schaffen können, komme ich damit auch klar.

ZEIT ONLINE: Würden Sie gern selbst ins All reisen?

Koenigsmann: Nicht zum Mars, das ist zu weit. Aber ich würde schon in den Orbit reisen, das klingt unterhaltsam. Meine Frau wäre wohl dagegen, aber ich nehme an, ich würde es trotzdem tun.