Annemieke Hendriks wohnt in einem verwinkelten Altbau in Berlin-Friedrichshain. Ihr Balkon ist überwuchert, an die Hauswand drücken sich zwei Pflanzen, die reichlich Tomaten tragen. Die kirschgroßen roten Früchte sind noch immer saftig. Doch die Niederländerin ist überzeugt: Die Zucht sei ihr nicht besonders gut gelungen. Aber die ungarische Gewürzpaprika direkt neben der Tür, die schmecke fantastisch.

ZEIT ONLINE: Sieben Jahre lang haben Sie die Tomate durch Europa verfolgt. Was interessiert Sie bloß an diesem banalen Gemüse?

Annemieke Hendriks: An der Tomate an sich eigentlich wenig. Ich interessiere mich für Menschen, für Machtverhältnisse, vor allem in Mittel- und Osteuropa. Und mir fiel auf, dass dort überall sehr günstig niederländisches Frischgemüse angeboten wird: holländische Tomaten in Rumänien und holländische Paprika im Paprikaland Ungarn. Das fand ich seltsam und habe angefangen, zu recherchieren. Nebenbei habe ich dann viele der Märchen, die über die Tomate erzählt werden, entkräften können.

ZEIT ONLINE: Was für Märchen?

Annemieke Hendriks ist freie Journalistin und Buchautorin. Ihr neues Buch "Tomaten – die wahre Identität unseres Frischgemüses" ist im be.bra Verlag erscheinen. © David Ausserhofer / Körber-Stiftung

Hendriks: Die Deutschen zum Beispiel erzählen gern, holländischen Tomaten wären geschmacklose Wasserbomben. Oder: Die Tomate hätte regelrechte Heilskraft. Ein weiteres Märchen: Regional angebaute Tomaten wären nachhaltiger und schmecken besser.

ZEIT ONLINE: Ok, der Reihe nach. Holländische Tomaten sind besser als ihr Ruf, sagen Sie?

Hendriks: Genau. Das Image der Wasserbombe klebt an den Niederlanden, dabei gibt es sehr leckere niederländische Tomaten. Von den 20 oder 30 verschiedenen Sorten im Supermarkt – ob klein, groß, formschön, gelb, rosa, grün oder zebragestreift – kommen die meisten aus den Niederlanden. Dort wird alles produziert, wofür die Deutschen bezahlen.

ZEIT ONLINE: Wo kommen denn europaweit die meisten Tomaten her?

Hendriks: Etwa zwei Drittel der europäischen Tomaten werden in Spanien und Italien produziert. Aber die werden mehrheitlich* nicht frisch exportiert, dafür sind sie gar nicht geeignet. Die Italiener und Spanier essen ihre Tomaten entweder selbst oder verarbeiten sie direkt weiter, zu Pastasoße oder Dosentomaten. Von den Tomaten, die in den Niederlanden produziert werden, werden hingegen 90 Prozent frisch exportiert – die Hälfte nach Deutschland, gefolgt von England. Wir sind zusammen mit Mexiko Tomatenexportweltmeister. Dabei werden ein Drittel der Tomaten, die die Niederlande exportiert, vorher importiert.

ZEIT ONLINE: Das ergibt keinen Sinn …

Hendriks: Doch, denn je häufiger man eine Tomate umpackt, desto mehr Geld verdient man an ihr. Die Tomaten kommen zum Beispiel aus Spanien nach Rotterdam, werden umgepackt und dann nach Deutschland, nach Rumänien oder sogar zurück nach Spanien zurück geschickt. Wir beobachten wirklich absurde Tomatenströme.

ZEIT ONLINE: Tomaten brauchen vor allem Sonne, um lecker zu werden. Nicht unbedingt etwas, das ich mit Holland verbinde …

Hendriks: Zwischen Den Haag und Rotterdam, an der Nordseeküste, liegt Westland, das größte Glasgewächshausgebiet der Welt. Und dort, sagen die Züchter, sei die Sonne enorm stark. Vor dem Zweiten Weltkrieg wurden dort sogar viele Weintrauben angebaut. Weil es aber irgendwann zu viel Konkurrenz gab und man viel Erfahrung mit Gewächshäusern hatte, stieg man auf Tomaten um.

"Wir nennen das Saatgut rotes Gold"

ZEIT ONLINE: Der Erfolg ist also Zufall?

Hendriks: Ja. Aber inzwischen sind Tomatenanbau und Logistik die effizientesten der Welt. Das ist komplett computerisiert. Hinzu kommt, dass sich die Niederländer immer stärker auf die Züchtung und Veredelung von Samen spezialisiert haben. Inzwischen wird ein Drittel des Saatguts weltweit dort entwickelt. Es gibt ein paar niederländische Familienbetriebe, die können bei Gemüse- und Tomatensamen mit den ganz großen Agrarkonzernen mithalten wie Monsanto, Bayer und Syngenta.

ZEIT ONLINE: Es gibt Edel-Saatgut, für das man bis zu 90.000 Euro das Kilo bezahlt. Das ist doch absurd.

Hendriks: Wir nennen es das rote Gold. Wer die teuren Samen kauft, bekommt leckere Tomaten und hat exponentiell mehr Ertrag. Die Herstellung ist sehr aufwendig und dauert mitunter Jahre: In Labors wird Hybridsaatgut aus einer Art Inzucht-Linie hergestellt. Dabei werden verschiedene Sorten klassisch gekreuzt, aber nicht genetisch verändert. Das haben Züchter zwar versucht, es hat sich aber einfach nicht gelohnt.

ZEIT ONLINE: Sie beschweren sich in Ihrem Buch über einen regelrechten Regionalisierungswahn. Was ist daran so falsch, immerhin werden jeden Tag tonnenweise Tomaten durch Europa gefahren?

Hendriks: Die Regionalisierung ist zum Scheitern verurteilt. Man bezahlt das Drei- oder Vierfache für regionale Tomaten. Obwohl der Geschmack allein von der Sorte abhängt, meinen viele, regionale Tomaten schmecken besser. Das ist reine Psychologie. Wenn man blind testet, dann schmecken die Menschen den Unterschied nicht. Es ist also egal, wo ich die Tomate anbaue. Wissen Sie, wie Tomaten in Deutschland angebaut werden?

ZEIT ONLINE: Nein.

Hendriks: In holländischen Gewächshäusern werden sie aus holländischen Samen gezüchtet. Das Einzige, was deutsch ist, ist die Sonne.

ZEIT ONLINE: Und der Boden?

Hendriks: DieTomatenpflanze wächst auf Steinwolle oder Kokossubstrat, sie bekommt ihre Nährstoffe über eine Art Nabelschnur geliefert. Die Glasgewächshäuser sind komplett verschlossen, deshalb kommen kaum Schädlinge herein. Man muss also viel weniger Pestizid spritzen als bei Freilandtomaten. Das ist auch der Grund, warum es Biotomaten nur aus dem Gewächshaus gibt. Dass Biotomaten im Freiland wachsen, ist ein weiteres hartnäckiges Missverständnis.

ZEIT ONLINE: Wie viele Tomaten werden überhaupt noch so angebaut, wie man sich das vorstellt? In einem Gärtnereibetrieb, mit Erde und ohne beheiztes Gewächshaus.

Hendriks: Im kommerziellen Anbau macht das eigentlich niemand mehr. Natürlich bauen Hobby-Gärtner in Berlin 'lokale Tomaten' an. Die atmen dann die verschmutzte Luft oder stehen in der verseuchten Brandenburger Erde.

ZEIT ONLINE: Aber wäre der regionale Anbau nicht zumindest nachhaltiger?

Hendriks: Nein, denn im Allgemeinen gilt: je größer, desto effizienter. Und da schlägt niemand die Niederlande. Das Problem ist ja, dass die Tomate in ganz Mittel- und Nordeuropa beheizte Gewächshäuser braucht, um zu wachsen. Die sind in den Niederlanden und in Deutschland gleichermaßen eine Energie-Katastrophe, weil beim Heizen extrem viel CO2 freigesetzt wird. Neun Prozent der niederländischen Energie wird im Glasgartenbau verbraucht. Ein mittelgroßer Tomatenbauer verbraucht gut und gerne so viel Energie wie 20.000 Haushalte.

"Die Arbeitsbedingungen in Südeuropa sind praktisch Sklaverei"

ZEIT ONLINE: Sollten wir unsere Tomaten also besser in Südeuropa pflanzen?

Hendriks: Dort werden die Tomaten tatsächlich in Foliengewächshäusern ohne Heizung angebaut. Ich habe mit einer Wiener Forscherin darüber gesprochen. Bei den massenhaften Transporten spanischer Tomaten aus dem Süden in den Norden Europas wird viel weniger CO2 ausgestoßen als beim Anbau in geheizten Gewächshäusern. Eine spanische Tomate, die Sie in Wien kaufen, hat nur ein Drittel so viel C02 auf dem Gewissen wie eine Wiener Gewächshaustomate.

ZEIT ONLINE: Und was ist mit der Bewässerung?

Hendriks: Ja, das ist die nächste Frage. Da schneidet Spanien natürlich viel schlechter ab als Wien oder die Niederlande, denn Tomaten brauchen viel Wasser, das in Spanien knapp ist. Hinzu kommen im Süden Europas die Arbeitsumstände. Auf den italienischen Tomatenplantagen herrschen Zustände wie im Krieg. Ärzte ohne Grenzen hat dort jahrelang Menschen versorgt – es gibt keine medizinische Versorgung, die Lebensumstände sind grausam.

ZEIT ONLINE: Massenhaft Flüchtlinge arbeiten dort, soweit ich weiß.

Hendriks: Zuerst waren es vor allem Menschen aus Osteuropa und Afrikaner, die illegal eingewandert sind. Heute sind es Flüchtlinge, die aus dem Mittelmeer gerettet und auf den Plantagen ihrem Schicksal überlassen werden. Das ist praktisch Sklaverei.

ZEIT ONLINE: Das klingt furchtbar. Was ist eigentlich mit den EU-Subventionen? Denen wird ja immer nachgesagt, dass sie die lokalen Märkte in Afrika zerstören, weil der Kontinent mit subventionierten Tomatendosen geflutet wird.

Hendriks: Die Export-Subventionen wurden schon gesenkt und der marokkanische Tomatenanbau zum Beispiel hat sich gut erholt. Aber die Niederländischen Tomatenbauern sind extrem gut organisiert und haben es geschafft, Milliarden an EU-Subventionen zu bekommen. Und zwar keine Agrar- oder Export-Subventionen, sondern Subventionen für Innovation und Marketing.

ZEIT ONLINE: Sind Tomaten überhaupt nachhaltig anbaubar?

Hendriks: Es gibt viele Experimente mit Erdwärme. Man bohrt ein Loch in die Erde, pumpt kaltes Wasser hinein und holt warmes Wasser heraus. Und in der Sommersaison angebaute, ungeheizte Tomaten aus einem Foliengewächshaus sind ein Stück umweltverträglicher. Aber nur, wenn Sie dann auch mit dem Fahrrad zum Einkaufen fahren.

ZEIT ONLINE: Gilt das, was Sie über die Tomate herausgefunden haben, für alle Gemüsesorten?

Hendriks: Das gilt so oder so ähnlich für Gemüse aus dem Glasgewächshaus, also für Salatgurken, Salat und vielleicht Brokkoli. Freilandgemüse ist etwas ganz anderes.

ZEIT ONLINE: In Deutschland wird immer wieder vor den ökologischen Konsequenzen von Monokulturen gewarnt. Wie ist das bei der Tomate?

Hendriks: Auch im Gewächshaus herrscht eine Art Monokultur, obwohl der Schaden viel viel geringer ist als in der Massentierhaltung oder der Monokultur auf dem Feld. Das größte Problem sind die Abwässer. Das verschmutzte, gedüngte Wasser geht oft noch direkt in die Kanalisation.

ZEIT ONLINE: In Ihrem Buch gibt es auch ein Kapitel darüber, ob die Tomate gesund ist

Hendriks: Die viel beschworene Heilskraft der Tomate kann man vergessen. Sie besteht zu 95 Prozent aus Wasser, dazu ein bisschen Zucker und Kalium. Und übrigens: Die Deutschen essen ungefähr acht Kilo frische Tomaten pro Kopf und Jahr, aber 32 Kilo Süßwaren.

ZEIT ONLINE: Essen Sie nach Ihrer Recherche immer noch gern Tomaten?

Hendriks: Ja, obwohl ich bei diesem neuen Trend, Tomaten immer süßer zu züchten, nicht so ganz mitgehe. Für mich müssen Tomaten nicht süß sein, ich esse auch gern die fleischigen Ochsenherztomaten.

Annemieke Hendriks liest am 15. Oktober 2017 auf der Frankfurter Buchmesse und am 17. Oktober 2017  im Literatursalon im Kant Kino in Berlin aus ihrem neuen Buch: "Tomaten – die wahre Identität unseres Frischgemüses"

* hier wurde nach Rücksprache mit der Interviewten das Wort 'mehrheitlich' ergänzt, da ein geringer Prozentsatz der in Spanien und Italien produzierten Tomaten auch frisch exportiert wird.