ZEIT ONLINE: Sollten wir unsere Tomaten also besser in Südeuropa pflanzen?

Hendriks: Dort werden die Tomaten tatsächlich in Foliengewächshäusern ohne Heizung angebaut. Ich habe mit einer Wiener Forscherin darüber gesprochen. Bei den massenhaften Transporten spanischer Tomaten aus dem Süden in den Norden Europas wird viel weniger CO2 ausgestoßen als beim Anbau in geheizten Gewächshäusern. Eine spanische Tomate, die Sie in Wien kaufen, hat nur ein Drittel so viel C02 auf dem Gewissen wie eine Wiener Gewächshaustomate.

ZEIT ONLINE: Und was ist mit der Bewässerung?

Hendriks: Ja, das ist die nächste Frage. Da schneidet Spanien natürlich viel schlechter ab als Wien oder die Niederlande, denn Tomaten brauchen viel Wasser, das in Spanien knapp ist. Hinzu kommen im Süden Europas die Arbeitsumstände. Auf den italienischen Tomatenplantagen herrschen Zustände wie im Krieg. Ärzte ohne Grenzen hat dort jahrelang Menschen versorgt – es gibt keine medizinische Versorgung, die Lebensumstände sind grausam.

ZEIT ONLINE: Massenhaft Flüchtlinge arbeiten dort, soweit ich weiß.

Hendriks: Zuerst waren es vor allem Menschen aus Osteuropa und Afrikaner, die illegal eingewandert sind. Heute sind es Flüchtlinge, die aus dem Mittelmeer gerettet und auf den Plantagen ihrem Schicksal überlassen werden. Das ist praktisch Sklaverei.

ZEIT ONLINE: Das klingt furchtbar. Was ist eigentlich mit den EU-Subventionen? Denen wird ja immer nachgesagt, dass sie die lokalen Märkte in Afrika zerstören, weil der Kontinent mit subventionierten Tomatendosen geflutet wird.

Hendriks: Die Export-Subventionen wurden schon gesenkt und der marokkanische Tomatenanbau zum Beispiel hat sich gut erholt. Aber die Niederländischen Tomatenbauern sind extrem gut organisiert und haben es geschafft, Milliarden an EU-Subventionen zu bekommen. Und zwar keine Agrar- oder Export-Subventionen, sondern Subventionen für Innovation und Marketing.

ZEIT ONLINE: Sind Tomaten überhaupt nachhaltig anbaubar?

Hendriks: Es gibt viele Experimente mit Erdwärme. Man bohrt ein Loch in die Erde, pumpt kaltes Wasser hinein und holt warmes Wasser heraus. Und in der Sommersaison angebaute, ungeheizte Tomaten aus einem Foliengewächshaus sind ein Stück umweltverträglicher. Aber nur, wenn Sie dann auch mit dem Fahrrad zum Einkaufen fahren.

ZEIT ONLINE: Gilt das, was Sie über die Tomate herausgefunden haben, für alle Gemüsesorten?

Hendriks: Das gilt so oder so ähnlich für Gemüse aus dem Glasgewächshaus, also für Salatgurken, Salat und vielleicht Brokkoli. Freilandgemüse ist etwas ganz anderes.

ZEIT ONLINE: In Deutschland wird immer wieder vor den ökologischen Konsequenzen von Monokulturen gewarnt. Wie ist das bei der Tomate?

Hendriks: Auch im Gewächshaus herrscht eine Art Monokultur, obwohl der Schaden viel viel geringer ist als in der Massentierhaltung oder der Monokultur auf dem Feld. Das größte Problem sind die Abwässer. Das verschmutzte, gedüngte Wasser geht oft noch direkt in die Kanalisation.

ZEIT ONLINE: In Ihrem Buch gibt es auch ein Kapitel darüber, ob die Tomate gesund ist …

Hendriks: Die viel beschworene Heilskraft der Tomate kann man vergessen. Sie besteht zu 95 Prozent aus Wasser, dazu ein bisschen Zucker und Kalium. Und übrigens: Die Deutschen essen ungefähr acht Kilo frische Tomaten pro Kopf und Jahr, aber 32 Kilo Süßwaren.

ZEIT ONLINE: Essen Sie nach Ihrer Recherche immer noch gern Tomaten?

Hendriks: Ja, obwohl ich bei diesem neuen Trend, Tomaten immer süßer zu züchten, nicht so ganz mitgehe. Für mich müssen Tomaten nicht süß sein, ich esse auch gern die fleischigen Ochsenherztomaten.

Annemieke Hendriks liest am 15. Oktober 2017 auf der Frankfurter Buchmesse und am 17. Oktober 2017  im Literatursalon im Kant Kino in Berlin aus ihrem neuen Buch: "Tomaten – die wahre Identität unseres Frischgemüses"

* hier wurde nach Rücksprache mit der Interviewten das Wort 'mehrheitlich' ergänzt, da ein geringer Prozentsatz der in Spanien und Italien produzierten Tomaten auch frisch exportiert wird.