Computer und die Naturwissenschaft haben Wojewodski von Kleinauf Sicherheit gegeben. 1966 wurde er in Moskau als Kind einer Chemikerin und eines theoretischen Physikers geboren. Sein Mathematikstudium an der Lomonossow-Universität Moskau brache er ohne formalen Abschluss ab. Er wurde zum Außenseiter, beschäftigte sich selbständig intensiv mit algebraischer Geometrie, dem Teil der Mathematik, der eine Brücke zwischen geometrischen Objekten und der Struktur algebraischer Formeln zu schlagen versucht – zwei uralten Teilen der Mathematik, beide extrem weit ausgebaut und detailreich. Es ist ein bisschen, als wolle man Parallelen zwischen zwei alten Riesenbauwerken wie dem Schloss Neuschwanstein und dem Taj Mahal schlagen.

In den 1960er Jahren hatte der Mathematiker Alexandre Grothendieck den Werkzeugkasten der algebraischen Geometrie ganz neu aufgeräumt und bedeutend erweitert. 30 Jahre später wollte Wojewodski als Student genau in diesem Werkzeugkasten kramen und suchte dazu den direkten Kontakt zu Mathematikprofessoren, allen voran zu Jurij Schabat und Michail Kapranov. Andere Vorlesungen besuchte er nicht mehr.

Wojewodksis Ideen begeistern mit Tiefe und Frische

Schabat gab dem genialen Studenten Arbeiten von Grothendieck zu lesen. Wojewodksi begann fasziniert mit Grothendiecks Ideen zu spielen. Die Arbeiten, die er damit schrieb, verhalfen ihm später ohne einen Uni-Abschluss zu einer Doktorandenstelle an der Harvard University in den USA, wo er 1992 promovierte. Anschließend forschte Wojewodski unter anderem am Institute for Advanced Study in Princeton, an der Harvard University und am Max-Planck-Institut für Mathematik in Bonn. 1995 entdeckte er einen Beweis für eine der berühmtesten Vermutungen der algebraischen Geometrie, die Milnor-Vermutung. Die Beschreibung seiner Arbeit klingt poetisch: Er bewies einen "Spezialfall der Beilinson-Lichtenbaum-Vermutungen über motivische Kohomologie mit endlichen Koeffizienten" – das war im Kern das, was das Fields-Komitee 2002 für preiswürdig erachtete, begeistert von der Tiefe und Frische seiner Ideen. Die Details aufzuschreiben, kostete Wojewodski ungefähr zwölf Jahre, zwischen 1997 und 2009.

In Interviews beklagte er gern, die Wissenschaft sei so komplex geworden, dass man Jahre brauche, um überhaupt die aktuellen Forschungsfragen zu verstehen. Doch ihn bremsten auch seine neuen Ideen: Ab 2002 begann Wojewodski, sich mit der Verifizierung von Beweisen via Computer zu befassen. Er entwickelte eine Bibliothek für das Computerbeweissystem Coq. Mit diesem Programm kann man maschinell prüfen, ob ein Beweis tatsächlich korrekt ist, ob er irgendwo eine Lücke enthält oder ob er einer seiner Annahmen widerspricht. Das klingt einfacher, als es in der Realität ist. Allein am Beweis, dass Coq und die Programmbibliothek tatsächlich für die Zwecke geeignet sind, für die sie Wojewodski einsetzen wollte, arbeitete er mehrere Jahre.

Ob seine Vision vom maschinenlesbaren Beweis sich in näherer Zukunft als Standard durchsetzen wird, ist fraglich. Immerhin konnte Wojewodski noch miterleben, dass tatsächlich eine Reihe von großen Beweisen in den letzten Jahren in Computersprache übersetzt wurden – zum Beispiel der Beweis der Keplerschen Vermutung von Tom Hales. Fortan muss die Entwicklung ohne ihn weiter gehen. Wojewodskis starb Ende September mit 51 Jahren; die Todesursache ist unbekannt.