In den 2010 veröffentlichten Richtlinien der amerikanischen Endocrine Society konstatieren die Autoren, dass eine Hormontherapie bei Männern mit LOH-Syndrom sowohl die sexuelle Funktion als auch das Wohlbefinden verbessere. Zudem erhöhten sich die Muskelmasse sowie die Knochenmineraldichte. Ähnlich resümierten die Wissenschaftler der EMAS-Studie 2016: Betroffene profitieren durch die Gabe von Testosteron etwa in Bezug auf Fettleibigkeit, Diabetes, Osteoporose sowie Sexualität. Allerdings geben die Autoren zu bedenken, dass die Hormongabe nach wie vor sehr kontrovers diskutiert werde und man die bekannten Nebenwirkungen wie ein gesteigertes Schlaganfall- und Herzinfarktrisiko in größeren Studien untersuchen müsse.

Etliche Ärzte bewerten die Testosteronsubstitutionstherapie deshalb äußerst kritisch. "Ich sehe das mit Sorge, denn wir wissen eigentlich nicht, was uns vielleicht in zehn Jahren an Studien präsentiert wird", erklärte Sven Diederich, der das Endokrinologikum Berlin leitete, in einem Interview gegenüber dem NDR. Auf Grund einer so schlechten Datenbasis dürfe ein verantwortlicher Arzt das Medikament nicht flächendeckend verschreiben. Und laut Diederich ist die so genannte Midlife-Crisis eben nicht durch den Testosteronmangel bedingt, sondern psychologisch durch Lebensumbrüche, die Männer in diesem Alter vermehrt bewältigen müssen. In solchen Fällen sollte man die Ursache psychotherapeutisch angehen und nicht durch die Gabe eines Hormons.

Hinzu kommt, dass die Symptome viel mit der körperlichen Verfassung der Männer zu tun haben, wie Sommer betont: "Zu mir kommen Männer, die sind noch keine 40 Jahre und haben schon ›Wechseljahressymptome‹. Das liegt unter anderem daran, dass sie sich wenig bewegen und ihr Bauchumfang deutlich zu groß ist. Daneben haben sie oft Stress im Beruf, was den Testosteronspiegel weiter absenkt."

Eine zeitlich begrenzte Hormontherapie könne hier als erster Impuls wirken, erklärt Sommer: "Ein bis zwei Jahre unterstützen wir die Patienten mit Testosteron. Gleichzeitig verlangen wir aber, dass die Männer ihre körperliche Fitness verbessern und ihre Ernährung umstellen. Darüber hinaus halten wir sie dazu an, ein mentales Trainingsprogramm zu absolvieren." Manche fänden erst durch die Hormonzufuhr den Antrieb und die Kraft, diese Dinge umzusetzen.

Allerdings erscheint es natürlich attraktiv, nur durch das Schlucken einer Pille wieder zu längst verloren geglaubter Manneskraft zurückzufinden. Daneben hilft Testosteron beim Abnehmen und fördert den Muskelaufbau. Welcher Mann im mittleren Alter greift da nicht gerne zu? Das ist vermutlich ein Grund dafür, dass die Verschreibungen von Testosteron rasant zunehmen. Reincke spricht in diesem Zusammenhang von einer "Lifestyle-Medikation". Angebote im Internet finden sich zuhauf. Oftmals handelt es sich dabei um private Arztpraxen, die sich auf Anti-Aging-Medizin spezialisiert haben. Mit Onlinetests kann der besorgte Mann zunächst abklären, ob er womöglich betroffen ist. Gefragt wird unter anderem nach der Abnahme von Gedächtnisleistung, Kraft und Libido – was alles natürlicherweise im Alter nachlässt. Doch antwortet Mann zu häufig mit Ja, steckt er angeblich in der "Andropause". Ärzte mahnen, so würden "Betroffene" produziert, die es eigentlich nicht gibt. Eine Hormontherapie wird verschrieben, obgleich ihre Risiken nicht ausreichend erforscht wurden. Reincke nennt diese Vorgehensweise provokativ "einen völlig unkontrollierten Menschenversuch". Demnach wäre die Hormonsubstitution in erster Linie Abzocke mit ungeahnten Folgen.

Dieser Artikel ist in der November-Ausgabe von "Gehirn & Geist" erschienen.

Letztlich handelt es sich um eine persönliche Entscheidung, wie Sommer meint: "Es geht eben um die Frage, ob wir im höheren Alter noch fit sein müssen. Wenn Sie die Männer fragen, würden die meisten das bejahen – natürlich wollen sie weiterhin agil sein."

Medizinisch notwendig ist bei älteren Männern eine Hormongabe nur dann, wenn ein über Jahre zu niedriger Testosteronwert zu Osteoporose führt. Dadurch steigt das Risiko für Knochenbrüche, die sich immens auf die Gesundheit auswirken können. "Nach einer Hüftfraktur erlangen die wenigsten Männer – das gilt übrigens genauso für Frauen – wieder ihre vorherige Vitalität zurück", so Sommer.

Entscheidet sich ein Mann nach einer ausführlichen Diagnose für eine Hormontherapie, sollte er das auf alle Fälle unter intensiver medizinischer Kontrolle tun. Besonders viel Wert muss der behandelnde Arzt darauf legen, andere Erkrankungen auszuschließen, etwa Brust- oder Prostatakrebs, betont Sommer. "Wenn man zu einem bestehenden Tumor Testosteron hinzugibt, ist das, wie Benzin auf eine Glut zu kippen: Der Tumor wird größer und kann streuen." Darüber hinaus führt die Therapie mitunter zur vermehrten Bildung von roten Blutkörperchen. "Das Blut wird zäher, und damit steigt das Risiko für einen Schlaganfall oder Herzinfarkt." Nur durch eine intensive Betreuung ließen sich die Risiken minimieren.

In den allermeisten Fällen geht es aber ohne medizinische Unterstützung. Sommer empfiehlt einen Dreiklang aus Geist, Körper und Ernährung: Statt abends mit Chips und Bier vor dem Fernseher zu hocken, sollte Mann seine grauen Zellen durch geistige Tätigkeit fordern, sich sportlich fit halten und gesunde, vitaminreiche Kost zu sich nehmen. Wer das regelmäßig tut, bei dem bleibt der Hormonspiegel einigermaßen stabil – vollkommen ohne Nebenwirkungen.