Was Atemwegsforscher im Detail in einem privaten US-Labor mit Javaneraffen gemacht haben, wissen derzeit nur die Forscher selbst. Fest steht nur: Zehn der Langschwanzmakaken wurden in einer oder mehreren luftdichten Kammern gefilterten Autoabgasen ausgesetzt und dabei mit Cartoons auf Bildschirmen abgelenkt – angeblich, ohne bleibende Atemwegsschäden für die Tiere. Vier Stunden lang seien die Tiere den Gasen ausgesetzt worden, im Auftrag teils deutscher Automobilkonzerne, berichtet die New York Times, der entsprechende Gerichtsunterlagen im Dieselskandal vorliegen. Das Ziel der Auftraggeber: zu belegen, dass die Abgasfilter funktionieren und das, was an Giften übrig bleibt, harmlos ist. Was die Wissenschaftler angeblich nicht wussten: Auch die Abgaswerte der im Tierversuch genutzten Fahrzeuge waren bereits manipuliert.

Was nun ans Tageslicht kam, empört nicht nur Tierschützer. Schon jetzt distanzieren sich VW und Daimler selbst von den Tierversuchen, auch Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigt sich empört.

Schnell drängt sich der Verdacht auf, die Auftraggeber der Affenversuche könnten bewusst ein Institut in den USA engagiert haben, weil so etwas in Deutschland doch sicherlich verboten wäre. Doch ein Blick in die Tierschutzgesetze hierzulande offenbart: So eindeutig ist das gar nicht.

Über den Fall ist nur wenig bekannt

Viele Fragen lassen sich zu diesem Zeitpunkt nicht beantworten. Das zuständige Labor in Albuquerque in New Mexico äußert sich bisher nicht und es wurden auch keine Ergebnisse der Tierversuche veröffentlicht. Die von den Firmen VW, Daimler, BMW und Bosch finanzierte Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor, kurz EUGT, in deren Auftrag die Versuche durchgeführt wurden, existiert nicht mehr. Auch von ihr gibt es also keine Auskünfte. Ob zum Beispiel auch in Deutschland im Auftrag der Autohersteller ein Antrag auf Durchführung der Abgasversuche mit Makaken gestellt und abgelehnt wurde, ist nicht transparent. Zumindest habe es in den vergangenen Jahren keine derartige genehmigte Studie in Deutschland gegeben, sagte ein Toxikologe vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) auf Anfrage von ZEIT ONLINE. Rückwirkend bis 2013 könne das BfR dies ausschließen.

In den USA jedenfalls waren die Versuche genehmigt worden. Und prinzipiell wäre so etwas auch hierzulande rechtlich nicht ausgeschlossen, wie ein Blick in die Gesetze zeigt.

Die Rechtslage in Deutschland

Denn Tierversuche sind in Deutschland weiterhin erlaubt, allerdings müssen sie bestimmte Kriterien erfüllen. Der Paragraf 7a des Tierschutzgesetzes legt fest, zu welchen Zwecken an Tieren geforscht werden darf (siehe Kasten). Die Versuche sind erlaubt, wenn sie etwa das Ziel haben, Krankheiten vorzubeugen, zu erkennen oder zu behandeln. Das gilt nicht nur für Erkrankungen bei Menschen, sondern auch bei Tieren. Ebenso darf mit Tieren für die Grundlagenforschung experimentiert werden sowie zu Zwecken der Ausbildung, also beispielsweise an Unis. Das Gesetz erlaubt außerdem Versuche, die zum Schutz der Umwelt dienen, wenn dabei die Gesundheit von Menschen oder Tieren im Mittelpunkt steht.

Ein Tierversuch muss unerlässlich sein. Das heißt, er darf nur durchgeführt werden, "wenn die zu erwartenden Schmerzen, Leiden oder Schäden der Tiere im Hinblick auf den Versuchszweck ethisch vertretbar sind". So steht es im Tierschutzgesetz. Um Arbeit, Zeit oder Geld zu sparen, dürfen keine Tierversuche durchgeführt werden. Es ist auch verboten, an Tieren zu forschen, um Waffen und Munition, Tabakerzeugnisse, Waschmittel oder Kosmetika zu entwickeln oder zu testen.

Vermeidung, Verringerung, Verfeinerung

Ob ein Versuch unerlässlich ist, lässt sich mithilfe eines Prinzips beurteilen, das die Forscher William Russell und Rex Burch 1959 entwickelt haben. Es nennt sich 3V-Prinzip und dient dazu, die Zahl der Versuchstiere zu reduzieren und sie möglichst wenig zu belasten. Es ist angelehnt an drei Grundregeln: Vermeidung, Verringerung und Verfeinerung. Vermeidung besagt, dass die Studie nicht durchgeführt werden soll, wenn Wissenschaftler mithilfe von Zellkulturen oder Computersimulationen genauso an Ergebnisse kommen würden. Verringerung bedeutet, dass der Versuch nicht stattfinden darf, wenn bei einer anderen Ausgestaltung keine Tiere zum Einsatz kommen müssten. Das Studiendesign muss außerdem verändert werden, wenn sich dadurch die Belastung für die Versuchstiere verringert (Verfeinerung).

Tötet ein Forscher ein Tier, um Zellen oder Organe zu entnehmen, zählt das nicht als Tierversuch.

Ohne gründliche Prüfung kein Tierversuch

Wer in Deutschland Tierversuche durchführen will, muss einen Tierschutzbeauftragten beschäftigen. Plant eine Forschungseinrichtung eine Studie mit Tieren, muss ihr Beauftragter den Antrag prüfen. Die Tierschutzbeauftragten in den Einrichtungen sind in der Regel Tierärzte. Sie überwachen, dass die Forscher alle Vorschriften zum Tierschutz einhalten, und beraten diese zur Tierhaltung oder Versuchsdurchführung.

Danach schaut sich die zuständige Behörde das Vorhaben an. In der Regel ist das Gesundheitsamt des Landes oder das Regierungspräsidium dafür zuständig. Das ist je nach Bundesland unterschiedlich. Der Behörde steht eine Tierversuchskommission zur Seite, die zu ethischen und rechtlichen Fragen berät. In dem Gremium sitzen Tierärzte, Ärzte, Wissenschaftler und Tierschützer.

Noch geht es nicht ohne Tierversuche

Gesetzlich ist unter anderem vorgeschrieben, dass Arzneimittel zuerst an Tieren erprobt werden müssen, bevor sie an Menschen getestet werden. Damit lassen sich zwar nicht alle Risiken ausschließen. Die Ergebnisse sind oft nicht ohne Weiteres auf den Menschen übertragbar, manchmal fallen schwere Nebenwirkungen erst in den klinischen Tests auf. Die Erprobung direkt am Menschen ohne den Umweg über Versuchstiere wäre jedoch viel gefährlicher. Die Medizin hätte ohne Tierversuche viele Fortschritte nicht machen können. Allein Organtransplantationen wären ohne Probeeingriffe an Tieren nie möglich geworden. Gleichzeitig wird auf europäischer Ebene seit vielen Jahren daran gearbeitet, die Zahl der Tierversuche zu reduzieren und an Alternativen zu forschen – bislang noch mit mäßigem Erfolg.

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft erfasst regelmäßig, wie viele Versuchstiere in Deutschland zum Einsatz kommen: Im Jahr 2016 waren es demzufolge rund zwei Millionen. 79 Prozent davon waren Nager, also Mäuse, gefolgt von Ratten. Rund zwölf Prozent waren Fische, etwa fünf Prozent Kaninchen und ungefähr zwei Prozent Vögel. 2016 wurden an insgesamt 2.462 Affen und Halbaffen Versuche durchgeführt. 2015 waren es noch 3.141.

Unterschiede zu den USA

In welchem Rahmen in den USA Tierversuche durchgeführt werden dürfen, regelt unter anderem der Animal Welfare Act (hier als PDF). Teilweise unterscheiden sich die US-Richtlinien von den europäischen. So ist es etwa in Deutschland seit 1991 verboten, Versuche mit Menschenaffen, zu denen beispielsweise Schimpansen oder Orang-Utans zählen, durchzuführen – in Europa seit 2010. Weiterhin zulässig sind sie in den USA, wenn auch unter sehr strengen Auflagen.

Die Javaneraffen, auch Langschwanzmakaken genannt, mit denen die Abgasversuche in den USA durchgeführt wurden, sind zwar Primaten, aber keine Menschenaffen. Versuche mit ihnen sind also sowohl bei uns als auch in den Vereinigten Staaten erlaubt.

Autoabgase wurden nicht gezielt an Menschen getestet

Für Aufregung gesorgt hatten Berichte über eine weitere von Autofirmen mitfinanzierte Studie, bei der Probanden Autoabgasen ausgesetzt worden sein sollen. Der zuständige Institutsleiter Thomas Kraus von der Universität Aachen wies das zurück: Die entsprechende Schadstoffstudie habe sich nicht mit der Dieselbelastung von Menschen befasst (International Archives of Occupational and Environmental Health: Brand et al. 2016). Bei den Experimenten, die 2013 mit freiwilligen Probanden durchgeführt wurden, sei es um den Stickstoffdioxidgrenzwert am Arbeitsplatz gegangen. 25 gesunde Menschen seien dazu Konzentrationen ausgesetzt worden, die unterhalb der Belastung am Arbeitsplatz gelegen hätten. Die Ethikkommission der Uniklinik Aachen habe die Studie geprüft und genehmigt. 2016 wurde die entsprechende Publikation dann veröffentlicht.

Stickstoffdioxid (NO2) ist der Schadstoff, dessen Messwerte von VW in den USA jahrelang manipuliert worden waren (alle Berichte über den Fall lesen Sie hier), um die gesetzlichen Grenzwerte für Dieselfahrzeuge offiziell einzuhalten. Problematisch sind die Gase vor allem für empfindliche oder vorgeschädigte Menschen wie Asthmatiker und Ältere. Stickoxide wirken reizend auf Schleimhäute in den Atemwegen und der Lunge. Die Europäische Umweltagentur macht die Luftschadstoffe für rund 13.000 vorzeitige Todesfälle allein in Deutschland im Jahr 2014 verantwortlich.

Allerdings ist unter Wissenschaftlern umstritten, als wie seriös eine solche Umrechnung von Gesundheitsrisiken in potenzielle Todesfälle angesehen werden kann. Wichtig ist zu verstehen, dass solche Zahlen keine direkten Todesopfer durch etwa einen Schadstoff beziffern, sondern abbilden, dass durch solche Gifte in der Umwelt die Lebenserwartung von Risikogruppen – also etwa Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen – statistisch gesehen sinkt.