Ein zweiter Pfeiler in der Argumentation für die Rassenlehre lautet wie folgt: Menschliche Körper entwickelten sich weiter, wenn es um Hautfarbe, ethnische Erkrankungen und andere Dinge wie etwa die Laktoseintoleranz geht – warum sollte sich nicht auch das menschliche Gehirn verändern? Die Antwort darauf lautet, dass hier nicht Gleiches mit Gleichem verglichen wird. Bei den meisten dieser physischen Änderungen waren einzelne Genmutationen involviert. Intelligenz dagegen besteht aus einem Netzwerk von Tausenden von Genen. Und noch nie wurden genetische Variationen zwischen Populationen gefunden, die mit Intelligenz in Verbindung stehen.

Dennoch – und das ist Säule Nummer drei – hängt Rassenlehre an der Idee, dass unterschiedliche Durchschnittswerte des Intelligenzquotienten (IQ) zwischen Populationsgruppen angeboren seien. Das ganze Konstrukt der Rassenlehre fiele ohne diesen Aspekt in sich zusammen.

Zwillingsstudien offenbaren den Einfluss sozialer Unterschiede

Welche Rolle Gene beim IQ spielen, kann man untersuchen, indem man identische Zwillinge findet, die bei ihrer Geburt getrennt wurden und getrennt voneinander groß wurden. Es gibt nur wenige untersuchte Fälle, in denen Zwillinge in unterschiedlichen Familien aufgewachsen sind, die gleichzeitig zu verschiedenen sozialen Schichten mit abweichendem Bildungsniveau zählten. Untersuchungen zeigten hier deutliche Unterschiede in den IQ-Werten – in einem Fall lagen 20 IQ-Punkte zwischen den Zwillingen, in einem anderen sogar 29 (Science: Bouchard et al., 1990).

Die Erforschung von Adoptionen bestätigt diesen Eindruck. Beispielsweise zeigte eine französische Studie, die Aufzeichnungen von Adoptionsvermittlungsstellen auswertete, dass Kinder aus armen Familien, die an arme Familien vermittelt wurden, einen durchschnittlichen IQ von 92,4 hatten. Dagegen zeigte sich bei armen Kindern, die an wohlhabende Familien vermittelt wurden, ein Schnitt von 103,6 (New York Book Review: Letters to Frank J. Sulloway, 2006). In einer weiteren französischen Studie stellten Forscherinnen und Forscher unter vernachlässigten und misshandelten Kindern zum Zeitpunkt ihrer Adoption einen durchschnittlichen IQ von 77 fest. Neun Jahre später zeigte sich folgendes Bild: Der IQ der Kinder, die von Arbeitern und Landwirten adoptiert wurden, lag nun bei etwa 85,5, der IQ der Kinder in Familien der Mittelschicht im Schnitt bei 92 und derjenigen in wohlhabenden Familien bei 98 (PNAS: Duyme et al., 1999).

IQ-Werte haben nichts mit Genetik zu tun

Wer statt einzelnen Personen ganze Populationen betrachtet, entdeckt ein ähnliches Muster. Die größte Änderung der IQ-Werte konnte man unter kenianischen Kindern beobachten – einer Studie zufolge stiegen sie in 14 Jahren um 26,3 Punkte an –, das Ergebnis  einer besseren Ernährung, Gesundheit und Bildung der Eltern (Psychological Sciences: Daley et al., 2003).

IQ-Tests, die in den ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts durchgeführt wurden, zeigten jedes Mal, wie der IQ aschkenasischer Juden in den USA unter dem Durchschnittswert lag. Zuzeiten des Zweiten Weltkrieges lag er aber über dem Durchschnitt. Unter Kindern der Mizrachim-Juden in Israel hatte die erste Generation einen durchschnittlichen Wert von 92,8. Die zweite einen Durchschnitts-IQ von 101,3. Aufzeichnungen von chinesischen Amerikanern zeigten Durchschnittswerte von 97 im Jahr 1948 und 108,6 im Jahr 1990, während Afroamerikaner die Lücke von 5,5 IQ-Punkten zu weißen Amerikanern zwischen 1972 und 2002 schlossen (Journal of Cross-Cultural Psychology: Lieblich et al., 1972 und What is Intelligence?: James Flynn, 2007). 

Der bedeutendste IQ-Theoretiker der vergangenen 50 Jahre ist der Neuseeländer James Flynn. Er fand heraus, dass die IQ-Tests mit jeder Generation anspruchsvoller werden müssen, wenn ein Schnitt von 100 erhalten bleiben soll (American Scientist: Neisser, 1997 und What is Intelligence?: James Flynn, 2007). Er stellte fest, dass die durchschnittlichen IQ-Werte im Jahr 1900, gemessen an den heutigen Standards, bei etwa 70 lägen.

Was sich geändert hat, hat nichts mit Genetik zu tun. Stattdessen sind Menschen heute häufiger mit abstrakter Logik konfrontiert, die in den IQ-Tests gemessen wird. Manche Bevölkerungsgruppen begegnen ihr häufiger als andere, was auch erklärt, warum ihre IQ-Werte sich voneinander unterscheiden. Flynn zeigte, dass sich die unterschiedlichen Durchschnittswerte von Populationen komplett durch äußere Einflüsse erklären lassen (What is Intelligence?: James Flynn, 2007).

Trotz der überwältigenden Beweise gegen sie bleibt die Rassenlehre ein fester Bestandteil der Ansichten der US-amerikanischen Alt-Right, die sie als politischen Rammbock immer wieder für ihre Kleinstaaten-Agenda einsetzen. Wer glaubt, die Armen seien arm, weil sie dumm geboren worden seien, der braucht auch nicht viel Fantasie, um die These auf ganze Bevölkerungsgruppen zu erweitern, die von Armut betroffen sind.

Nicht "politisch unkorrekt", sondern falsch

Stefan Molyneux, ein Medienstar der Alt-Right, merkte einmal in einem Interview mit Nicholas Wade an, dass unterschiedliche soziale Folgen doch ein Resultat angeborener IQ-Werte verschiedener Rassen seien – etwa der hohe IQ bei aschkenasischen Juden und der niedrigere bei Schwarzen. Wade antwortete, dass Vorurteile nur eine "kleine und schwindende" Rolle bei den sozialen Folgen unter Schwarzen spielten. Danach verurteilte er prompt die "verschwendete Entwicklungshilfe" für afrikanische Länder.

Diesen Vorstellungen muss etwas entgegengesetzt werden. Nicht etwa, weil sie "politisch unkorrekt" sind, sondern weil sie falsch sind: Die Rassenlehre ist einfach schlechte Wissenschaft. Genauer gesagt ist sie gar keine Wissenschaft.

Die Alternative – eine, deren Ursprung wirklich in der Wissenschaft liegt – umfasst ein weiter gefächertes Rassenkonzept. Eines, das die Menschheit als einzige Rasse betrachtet, in der einige Bevölkerungsgruppen zu den ständigen Verlierern gehören. Diese wandeln sich in einer Welt, in der Gene schneller als je zuvor miteinander geteilt werden, da das Reisen immer einfacher wird. Trotz riesiger kultureller, ökologischer und wirtschaftlicher Unterschiede zwischen diesen durchlässigen Bevölkerungsgruppen finden wir doch die komplette Bandbreite des Menschseins in jeder und jedem einzelnen von uns: Grausamkeit und Güte, Gewalt und Warmherzigkeit, Wahnsinn und Vernunft, Dummheit und Genialität.

Dieser Gastbeitrag wurde übersetzt von Linda Fischer und redigiert von Sven Stockrahm.