Versehentlich setzte Christoph Columbus 1492 den Anker am amerikanischen Kontinent. Zu Zeiten der Kolonialisierung besiedelten die ersten Niederländer Südafrika und das riesige Imperium der britischen East India Company hinterließ überall seine Spuren – auch in Indien und Australien. Abenteuerlustige, Pioniere und Geschäftsleute aus Europa erschlossen sich in den vergangenen 500 Jahren die ganze Welt und verdrängten und versklavten teils brutal indigene Völker. Zurückverfolgen kann man das heute durch zahlreiche historische Schriften und Artefakte – aber auch in unserer DNA.

Wissenschaftlerinnen der Columbia University haben über ein großes Crowdsourcing-Projekt nun den bisher größten zusammenhängenden Stammbaum erstellt, der genau diese von Europa ausgehende Besiedlungsgeschichte eindrucksvoll nacherzählt. Die Ergebnisse ihrer Studie haben sie jetzt im Magazin Science veröffentlicht (Kaplanis et al. 2018). Dafür nutzten die Forscher unter anderem rund 86 Millionen öffentliche Profile der Seite Geni.com. Ein Angebot, auf dem sich jeder, der sich für die eigene Ahnengeschichte interessiert, ein eigenes Verwandtschaftsprofil erstellen kann – inklusive Geburts- und Todesdatum, -ort und einem eigenen DNA-Test. Der kostet allerdings, macht es aber möglich, die eigenen ethnischen Ursprünge über mehrere Generationen hinweg einigermaßen gut zurückzuverfolgen. Die Wissenschaftler rund um die Mathematikerin Joanna Kaplanis überprüften die Daten, glichen sie mit öffentlichen Melderegistern ab und erfassten alle zeitlichen und geografischen Angaben, um daraus mehrere Stammbäume zu erstellen. Der größte umfasst rund 13 Millionen Personen, verbunden über durchschnittlich elf Generationen.

Wir sind alle miteinander verwandt 500 Jahre Heirat und Migration haben Forscherinnen mit einem riesigen Stammbaum zurückverfolgt. Er rekonstruiert, wie die Bewohner Europas die Welt besiedelten. © Foto: MyHeritage

Wer heiratete wen? Wie eng waren die Verwandtschaftsbeziehungen? Wie weit zogen Frauen und Männer, um an einem fernen Ort eine eigene Familie zu gründen? All diese Fragen konnten die Forscherinnen und Forscher mit den Daten beantworten. Eine Schwäche hatte der Datensatz allerdings: Die meisten Profile, die auf der Onlineplattform verfügbar waren, stammen von Menschen aus Europa und Nordamerika. So erzählt der Stammbaum zwar nicht die Geschichte der Menschheit – anschaulich kann man aber nun zumindest verfolgen, wie sich die Bewohnerinnen und Bewohner der westlichen Welt in den vergangenen 500 Jahren bewegten (siehe Video oben).

Größere Distanz – engere Verwandtschaft?

Doch mehr Geschichten lassen sich so erzählen: Vor der industriellen Revolution, die Mitte des 18. Jahrhunderts begann, fanden meist Ehepaare zusammen, deren Geburtsorte nur bis zu rund zehn Kilometer voneinander entfernt lagen. Das änderte sich Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Beginn der zweiten industriellen Revolution, als das Schienennetz der Eisenbahn ausgebaut wurde und Dampfmaschinen immer weiteren und schnelleren Transport ermöglichten. Paare fanden aus deutlich weiteren Entfernungen zusammen, bis die Geburtsorte der Partnerinnen und Partner um das Jahr 1950 herum durchschnittlich etwa 100 Kilometer auseinander lagen. Frauen wanderten deutlich häufiger, um sich für eine Ehe an einem anderen Ort niederzulassen. Männer legten dagegen nur vereinzelt längere Strecken zurück.

Interessant dabei: Mit größerem Abstand, der zwischen Geburtsorten der einzelnen Ehepartner lag, vergrößerte sich die verwandtschaftliche Distanz zwischen ihnen nicht – sie wurde zunächst sogar kleiner. Der Abstand sorgte nicht dafür, dass die Menschen sich dort ihre Ehepartner suchten, wo sie ihr neues Leben begannen. "Während dieser Zeit heirateten sie weiterhin enge Verwandte, trotz der größer werdenden Distanz", schreiben die Forscher in ihrer Studie. Erst etwa 50 Jahre nachdem die Menschen durch Flugzeuge, Züge und schließlich auch eigene Autos immer weiter reisen konnten, entfernten sich die Familien auch in genetischer Hinsicht voneinander. Die Forschenden vermuten, dass auch kulturelle Faktoren eine entscheidende Rolle dabei spielten, wie sich Ehepaare mit der Zeit verwandtschaftlich voneinander entfernten und nicht nur ihre neuen Lebensumstände.

"Wir hoffen, dass diese Daten für andere Wissenschaftler nützlich sein können, die damit viele andere Themen untersuchen können", sagt Yaniv Erlich, Hauptautor der Studie und Mitarbeiter bei MyHeritage, der Firma, zu der auch die Plattform Geni.com gehört. Je größer der Stammbaum, desto besser. Vielleicht gibt es irgendwann einen, der sich einmal um die ganze Welt erstreckt. Dabei kann jeder mithelfen, ihn zu vergrößern. Die Menschheit erkundet sich selbst, nach dem Prinzip der Bürgerwissenschaft – zu Englisch citizen science.