Er hat es nie eilig gehabt zu sterben. Nicht etwa, weil der Tod ihn ängstigte – sondern weil er so viel vorgehabt habe. Das sagte Stephen Hawking einmal in einem Interview mit dem Guardian. Nun ist der Astrophysiker im Alter von 76 Jahren gestorben und es ist unbestritten: Als Mann der großen Fragen hatte Hawking nicht nur viel vor, er hat auch viel erreicht.

Das mag in Vergessenheit geraten sein, war er doch zuletzt den meisten vor allem als Showphysiker, als eine Art Popstar der Wissenschaft ein Begriff. Berühmt als brillanter Geist, der wenig forscht, weil er, gefangen in einem unbeweglichen Körper, auf einen Hightech-Rollstuhl angewiesen ist. Dabei war er bis zuletzt nicht nur von der Öffentlichkeit, sondern auch von seinen Studierenden sowie Kollegen geschätzt und geachtet.

Seine bedeutendste Entdeckung machte Hawking bereits Anfang zwanzig, sie begründete seine Karriere. So stellte der gebürtige Brite in den Sechzigerjahren theoretisch fest, dass Schwarze Löcher wie warme Körper Strahlung abgeben und deshalb langsam, aber stetig an Masse und Energie verlieren – die Hawking-Strahlung war geboren (Nature: Hawking, 1974).

Stoff für weitere 1.000 Jahre Debatte

"Für die Schwarzen Löcher, die wir im Kosmos finden, ist die Strahlung sehr schwach und daher bisher nicht messbar", erklärt der Physiker Raphael Bousso. Ein Beweis steht also aus. Derweil glaubte nicht einmal Hawking mehr, dass Schwarze Löcher quantenmechanische Information zerstören. 2004 hatte er seinen postulierten Informationsverlust in Schwarzen Löchern widerrufen und veröffentlichte 2016 und 2017 mit Kollegen beispielsweise Arbeiten zur Informationserhaltung (Physical review letters: Hawking, Perry, Strominger, 2016 & Journal of High Energy Physics: Hawking, Perry, Strominger, 2017).

"Was aber nichts daran ändert, dass bis heute niemand versteht, wie die Information in der Hawking-Strahlung erscheinen würde", sagt Bousso. Hawkings Entdeckung habe eine revolutionäre Konsequenz, die Physiker bis heute nicht wirklich verstehen. Hätte er recht, würde das heißen, ein zentrales Prinzip der Quantenmechanik wäre falsch, erklärt Bousso. "Umgekehrt würde die Erhaltung der Information offenbar bedeuten, dass Einsteins allgemeine Relativitätstheorie bereits am Horizont eines Schwarzen Lochs nicht mehr anwendbar wäre." Die Debatte dauert an, mehr als 40 Jahre später und nun über Hawkings Tod hinaus. Und "noch in 1.000 Jahren wird das Ergebnis wichtig sein", sagte der Astrophysiker Bruce Allen, als ZEIT ONLINE ihn vergangenes Jahr zu einer Geburtstagskonferenz für Hawking nach dessen größter Errungenschaft fragte.

Klug, charismatisch und getrieben
Bruce Allen, Astrophysiker, über Stephen Hawking

Ob es jemals einen Moment gegeben habe, in dem Allen dachte: Über was bloß spricht dieser Typ? "Zu viele, um sie zu beschreiben." Vor mehr als drei Jahrzehnten war Allen Hawkings Schüler. Wenn er an das erste Treffen zurückdenkt, erinnert er sich an eine freundliche Begrüßung, Tee und wissenschaftliche Diskussionen. Hawking hatte ihn sofort in seinen Kreis aufgenommen. "Klug, charismatisch und getrieben", waren Allens Worte mit denen er den Kollegen zuletzt beschrieb. Sein Wille machte ihn stark.

Als Hawking 21 war, diagnostizierten Ärzte bei ihm Amyotrophe Lateralsklerose (ALS), eine Nervenkrankheit, die zu seinem baldigen Tod führen sollte, wie es damals hieß. Sieben Jahre später war er noch am Leben, saß aber in einem elektrischen Rollstuhl. Der Physiker verlor nach und nach die Bewegungsfähigkeit, seit einem Luftröhrenschnitt 1985 konnte er sich nur noch mithilfe eines Sprachcomputers verständigen. Doch der gebürtige Brite ließ sich davon so wenig wie möglich beeinflussen: Er heiratete und wurde zweifacher Vater, während er forschte, Preise gewann und Ehrendoktorate sammelte – alles noch bevor die Weltöffentlichkeit ihn überhaupt zur Kenntnis genommen hatte.

Astrophysik am Esstisch

Denn erst 1988 veröffentlichte er sein Buch Eine kurze Geschichte der Zeit, das ihm auch außerhalb der Wissenschaft Weltruhm brachte. Der Bestseller wurde in 40 Sprachen übersetzt. Nicht, dass das Werk wirklich allgemein verständlich wäre – es ist, im Gegenteil, allen populärwissenschaftlichen Erklärungen zum Trotz noch immer ziemlich kompliziert. Aber Hawking gelang es damit doch, formelschwerer Astrophysik eine unterhaltsame Leichtigkeit zu verleihen. Urknall, Schwarze Löcher und Raumzeit wurden zu Gesprächsthemen am Esstisch, unter Freundinnen und Freunden, in der Familie.

Weitere Bücher folgten – darunter Das Universum in der Nussschale, Eine kurze Geschichte des Universums und Kinderbücher, die er mit seiner Tochter Lucy schrieb –, seine Autobiografie erschien 2013, es gab Dokumentationen und 2014 sogar einen oscarprämierten Hollywoodfilm über sein Leben, Die Entdeckung der Unendlichkeit.