Man müsste eigentlich drei Nachrufe schreiben, wenn man Stephen Hawking gerecht werden wollte: einen Nachruf auf den Physiker, einen auf den Bestsellerautoren und einen auf den Menschen selbst. Denn jeder von ihnen hat sein eigenes, bemerkenswertes Schicksal, das zum Ruhm des Phänomens Stephen Hawking beigetragen hat.

Wer war der Mensch Stephen? Sein Leben grenzte ans Wunderbare. Dabei sah es anfangs so aus, als sei es bereits zu Ende, ehe es richtig angefangen hatte. Im Schraubstock einer Nervenerkrankung gefangen, die ihm gnadenlos die Kontrolle über seine Muskeln raubte, führte er jedoch vor, wozu ein Mensch in der Lage ist, dem Ärzte nur noch wenige Jahre zu leben gaben. Er trotzte allen medizinischen Prognosen, leistete beruflich Herausragendes, führte zwei (wenn auch nicht unproblematische) Ehen, zeugte drei Kinder und wurde mehrfacher Großvater. "Ich hatte ein gutes und erfülltes Leben", resümierte Hawking gegen Ende seines Lebens in seiner Autobiografie Meine kurze Geschichte

Meiner Meinung nach sollten sich behinderte Menschen auf die Dinge konzentrieren, die ihnen möglich sind, statt solchen hinterherzutrauern, die ihnen nicht möglich sind.
Stephen Hawking, Astrophysiker

Mit 21 Jahren wurde bei ihm die – normalerweise tödlich verlaufende – Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) diagnostiziert. Die Nachricht, die andere in die Depression getrieben hätte, setzte bei dem bis dahin eher faulen Physikstudenten enorme Kräfte frei. Schlagartig habe er begriffen, erklärte Hawking später rückblickend, welchen Wert das Leben habe und was er noch alles damit anfangen wolle. Er stürzt sich in die Physik, beginnt seine Doktorarbeit und heiratet die Studentin Jane Wilde, die er 1963 auf einer Neujahrsparty kennengelernt hat. Sein Lebensrezept ist ebenso simpel wie weise: "Meiner Meinung nach sollten sich behinderte Menschen auf die Dinge konzentrieren, die ihnen möglich sind, statt solchen hinterherzutrauern, die ihnen nicht möglich sind" – eine Maxime, die auch allen vermeintlich Nichtbehinderten viel Leid ersparen würde.

Isaac Newtons Lehrstuhl – nun elektrisch betrieben

Obwohl seine ALS-Krankheit fortschreitet und er ab 1968 auf den Rollstuhl angewiesen ist, lässt sich Hawking nicht unterkriegen. Was ihm hilft, sind nicht nur seine Frau und sein blitzwacher Geist, sondern auch sein lakonischer Humor. So sei seine Behinderung in mancher Hinsicht eher von Vorteil, erklärt er einmal: Er müsse keine Vorlesungen halten, keine Studienanfänger unterrichten und auch nicht an zeitraubenden Sitzungen teilnehmen. Und als er 1979 im britischen Cambridge auf den legendären Lucasischen Lehrstuhl für Mathematik berufen wird, den einst der große Isaac Newton innehatte, kommentiert der Rollstuhlfahrer Hawking: "Ich sitze hier auf Newtons Lehrstuhl. Aber dieser Stuhl hat sich offensichtlich stark verändert – er wird jetzt elektrisch betrieben."

Sein Humor war auch einer der Gründe für Hawkings Ruhm als Sachbuchautor. Denn auch wenn er in zum Teil höchst abstrakte Gedankenwelten abtauchte, vergaß er doch nie, seine Erklärungen mit klugen Anekdoten und erfrischenden Sarkasmen zu würzen. Nach den Formeln der Relativitätstheorie, so schrieb er etwa, könne man seine Lebenszeit dadurch verlängern, dass man stets entgegen der Erdrotation nach Westen fliegt. Allerdings würde der winzige Zeitgewinn "mehr als wettgemacht durch den Verzehr der Fertigmenüs, die die Fluggesellschaften servieren".

Kein Zweifel, als Autor wusste Hawking, wie man Lesern die Physik schmackhaft machte. Aber dieses Talent allein erklärt nicht, weshalb sein 1988 veröffentlichtes Sachbuch Eine kurze Geschichte der Zeit zum wohl erfolgreichsten Wissenschaftsbestseller aller Zeiten wurde. Zwar bezeichneten Spötter das Werk als das "meistverkaufte ungelesene Buch seit der Bibel", weil die wenigsten Käufer es wirklich gelesen, geschweige denn verstanden hätten. Doch die nackten Zahlen sprechen für sich: Mehr als zehn Millionen Mal wurde Hawkings erstes Sachbuch verkauft; damit hätte rund jeder 700. Erdenbürger ein Exemplar erworben. Kein Wunder, dass seither viele Buchverlage von ähnlichen Erfolgen auf dem Sachbuchsektor träumen. Der britische Astrophysiker ebnete einer ganzen Generation von Wissenschaftlern den Weg, die versuchen, mit populärer Welterklärung Auflage zu machen. Gerne kopiert wird dabei auch das hawkingsche Erfolgsrezept, abstrakte Theorien mit quasireligiösen Bezügen zu verquicken. Auch vor dem in der Wissenschaft verpönten G-Wort schreckte er nicht zurück: So schrieb Hawking am Ende seiner kurzen Zeit-Geschichte, mit der von ihm gesuchten Weltformel würde man nichts weniger als "die Gedanken Gottes kennen".