Riesenmagnetowiderstand. Als ich dieses Wort zum ersten Mal hörte, lief es mir kalt den Rücken runter. Ich wusste, ich würde nur diesen einen Nachmittag Zeit haben, ansatzweise zu verstehen, was das sein könnte. Mein Job am 10. Oktober 2007: Es Hunderten, ja vielleicht Tausenden Leserinnen und Lesern in einem Artikel zum nächsten Morgen zu erklären. Möglichst, ohne den Ruf der Zeitung, für die ich arbeitete, zu schädigen. Oder meinen eigenen.

Was sollte das sein, so ein Riesenmagnetowiderstand? Keine Ahnung. Ich steckte mitten im Volontariat beim Tagesspiegel, mit Biologie hatte ich immerhin eine Naturwissenschaft studiert. Als Reporterin hatte man mich schon für den Sport zum Sechstagerennen geschickt, ich hatte Berliner porträtiert, die in Hausbooten lebten, Menschen in der Warteschlange vorm Arbeitsamt befragt und iranische Oppositionelle interviewt, die im deutschen Exil für eine neue Monarchie kämpften. Endlich angekommen in meinem Lieblingsressort, der Wissenschaft, durfte ich seit Kurzem auch von Dinosaurierfossilienfunden berichten oder davon, wie Südseeschmetterlinge sich an ihre Feinde anpassen. Nun also war der Tag, an dem ich einen gerade verkündeten Nobelpreisträger in Physik interviewen sollte. Peter Grünberg war das. Ein Name, den ich vorher noch nie gehört hatte.

Papst, Sommermärchen und nun Nobelpreis

"Ein Nobelpreis für Deutschland", das sei überfällig, schrieben damals viele gleich nach der Bekanntgabe aus Stockholm, obwohl zwei Jahre zuvor der aus Heidelberg stammende Quantenoptiker Theodor Hänsch als Nobelpreisträger ausgezeichnet worden war. Der Titel Wir sind Papst, mit der die Bild-Zeitung Kardinal Ratzingers Wahl zu Gottes Vertreter auf Erden zwei Jahre zuvor überschrieben hatte, war den meisten noch gut in Erinnerung. Außerdem hatte Deutschland mit der Fußballweltmeisterschaft 2006 gerade sein Sommermärchen erlebt. Entsprechend sinnierten einige Redakteure darüber, ob man guten Gewissens am nächsten Morgen mit "Wir sind Nobelpreisträger" titeln könne.

Ich eilte also zur Pressekonferenz des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und der Helmholtz-Gemeinschaft, wo der Physiker Peter Grünberg aus Jülich erwartet wurde. "Versuch, dich vorzudrängeln", rief mir ein erfahrener Kollege noch hinterher. Mir blieben zwei Stunden zum Schreiben des Artikels, ehe die Zeitung in den Druck müsse. Und am nächsten Morgen sollte jeder lesen können, für welche herausragende Forschung dieser Mann den Nobelpreis verdient hatte.

Ohne Grünberg kein MP3

Bis dahin war nur bekannt, was das Nobelkomitee am Vortag offiziell mitgeteilt hatte: "Dieses Jahr zeichnet der Nobelpreis für Physik eine neue Technik aus, mit der die auf Computer-Festplatten gespeicherten Datenmengen ausgelesen werden. Dank dieser Technik konnten die Festplatten in den letzten Jahren so erheblich verkleinert und zugleich mit wesentlich größerer Speicherkapazität angeboten werden. Diese Festplatten, die in Computern und vielen MP3-Spielern benötigt werden, brauchen empfindliche Leseköpfe, mit denen die magnetisch eingespeicherten Daten abgetastet werden." Peter Grünberg und sein französischer Kollege Albert Fert hatten dazu 1988 unabhängig voneinander den physikalischen Effekt des Riesenmagnetowiderstands entdeckt. Dafür teilten sich beide nun die höchste Ehrung, fast 20 Jahre später (Mehr zur Forschung im folgenden Infokasten).

Als ich auf der Pressekonferenz ankam, war es dort schon voll: wenige Reporterinnen standen herum, deutlich mehr Reporter, außerdem Fernsehteams und Radioleute. Nur der Nobelpreisträger fehlte noch. Annette Schavan, damals Bundesforschungsministerin (noch ohne Plagiatsvorwurf), wartete auf einem Podium mit Jürgen Mlynek, dem Präsidenten der Helmholtz-Gemeinschaft, zu der auch Grünbergs Arbeitsort, das Forschungszentrum Jülich zählt.

"Besonders froh", dass mit Peter Grünberg "wieder einmal ein Deutscher" ausgezeichnet werde, sei man. Eine Ehrung, die die "Bedeutung des Forschungsstandortes Deutschland" herausstelle, sei dies. Inhaltlich nicht viel für einen Artikel, der Grünbergs Forschung erklären sollte. Nur eins immer wieder: Ohne seine Entdeckung hätten wir alle heute keine Computer mit hoher Speicherkapazität. Und keine MP3-Player.

Fünf bis zehn Minuten habe jeder, um Grünberg zu sprechen. Doch würde der überhaupt rechtzeitig hier sein, damit jeder vor Redaktionsschluss sein Foto schießen, sein Video drehen, seine wichtigste Frage stellten könnte?

Erschöpft, aber glücklich

Irgendwann jedenfalls hatte niemand mehr Fragen ans Podium, die Luft war stickig geworden, jemand hatte Kaffee und Kekse aufgestellt, alle unterhielten sich – über den letztendlich an Italien verlorenen WM-Titel, den deutschen Papst, das neuerdings wieder präsente Nationalgefühl. Wie sich ein deutscher, in Tschechien geborener Nobelpreisträger da wohl einordnen ließe, dessen bahnbrechende Arbeit zu Beginn gar nicht erkannt, ja von Fachzeitschriften sogar zunächst abgelehnt worden sei? –, als plötzlich jemand rief: "Er ist da!"

Gebeugt, lächelnd, in einem schwarzen Anzug kombiniert mit schräg gestreifter blauer Krawatte betrat der damals 68-jährige Peter Grünberg, begleitet von seiner Ehefrau Helma, den kleinen Saal, um sofort an der Menge vorbei in einem Nebenraum zu verschwinden. Im Gang davor sollten wir Journalisten uns aufstellen, der Reihe nach. Herr Grünberg sei erschöpft, müsse am selben Tag noch weiterreisen. In Jülich habe es schon eine Pressekonferenz gegeben, eine ganze Deutschlandtournee sei noch geplant, Fernsehauftritte, vielleicht ein Treffen mit der Kanzlerin.